Schwelgen bis zur Orgie


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flickr.com/ The COM Library/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Gute Redner lassen Zuhörer an ihren Lippen kleben

Es gibt Menschen, die in einem fort über alle möglichen Dinge ins Schwelgen kommen, dies gerne und oft in Gesprächen kundtun. Der Urlaub war so grandios, das Essen göttlich, der Krimi bis zum letzten Satz spannungsgeladen, die Landschaft phänomenal, und überhaupt wird in solchen Momenten gerne nur in Superlativen gesprochen. Man hört fasziniert zu, wird förmlich mitgerissen, in diesen Beschreibungen mit zu schwelgen. Diese Menschen verstehen es, durch zu Gefühl gewordene Wortschwalle ihre Erzählung so zu vermitteln, daß man sie in den gleichen honigumschmeichelnden, zartrosa gefärbten Eindrücken erlebt.

Schwelgen, althochdeutsch swelgan, eigentlich, (ver)schlucken, schlingen. Andere Begriffe sind, huldigen, genießen, schlemmen, sich gütlich tun, verzehren, in Saus und Braus leben.

Beachtet man die schwelgende Person während des Sprechens, so kann man überaus den ursprünglichen Begriff des Verschlingens, Verschluckens nachvollziehen. Sehr oft ist nämlich der Redefluß ungebremst, so daß es ohne weiteres fast zur Schnappatmung führen und der Speichel sogar verschluckt werden kann.

Daß schwelgen als Begriff sich aus der Nahrungsaufnahme gebildet hat und nicht aus dem Bad in Gold und Silber, davon kann ebenso ausgegangen werden. Fast könnte man eine Schwelgerei Orgie nennen, oder?

Orgie, lateinisch orgia, nächtliche Bacchusfeier, griechisch órgia, heilige Handlung; (geheimer) Gottesdienst (Duden) Synonyme sind, Ausschweifung, Gelage, Zügellosigkeit, Exzess.

Falls jemand mit Händen und Armen fuchtelnd spricht, sich die Stimme mehrmals überschlägt, ausschweifende Erklärungen in die Rede mit aufgenommen werden, der Redeschwall fast nicht mehr gebremst werden kann, dann könnte man dies auch eine orgiastische Rede nennen. Die Ähnlichkeit solcher Reden mit Wahlkampfreden ist rein zufällig?

Nein, diese Schwelgerei in Wortbegriffen, gespickt mit superlativen Ausdrücken, ohne Atem zu holen, mit viel Spucke, sind absichtliche übertriebene Schwelgereien. Negative Beispiele solcher Reden gibt es zuhauf. Natürlich gibt es diese Methode auch in positiver Form. Die herausstechende Unterscheidung liegt wohl darin, daß die für positive Zwecke gehaltenen Reden in ihrer Schwelgerei nicht vollkommen in ekstatische Auswüchse ausartet.

Gute Redner sind geübt darin, ihre Zuhörer mit ihren Worten an ihren Lippen hängen zu lassen. Die Aufmerksamkeit ist in einer ständigen spannungsgeladenen Bereitschaft, und selbst lange Vorträge werden als kurze Zeitempfindung wahrgenommen. Versehen sind diese Ansprachen mit Wiederholungen kurzer Statements. Dadurch prägen sie sich besser bei den Zuhörern ein, vergleichbar mit der Aufforderung zum Glas zu greifen und sich gegenseitig oder jemandem zuzuprosten.

Orgiastische Reden, bei denen rauschhaft geschwelgt wird über erreichbare Pläne, zu beendende Mißstände, vorsehbare Errungenschaften, sind, was denken Sie?

Sind diese Reden gefährlich oder nur harmloses Geplänkel? Können diese Reden Ihnen nichts anhaben, weil Sie sicher sind, nicht auf Versprechungen hereinzufallen? Sind Reden dieser Art generell kontraproduktiv, oder zeigen sie gerade dadurch die wahren Inhalte, sprich, je mehr übertrieben wird, desto besser kann man die Inhalte analysieren?

Schwelgen kann motivieren, wie gutes Essen den Speichel anregen.

Stellvertretend für viele Redner, die orgiastische Reden gehalten haben und deren Rezepte für rauschende Gesprächsinhalte wir möglicherweise vergessen haben, sei hier an „Martin Luther King“ erinnert.

„Wenn wir nicht lernen, miteinander als Brüder zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen.“

„Ich besitze die Kühnheit, daran zu glauben, daß alle Menschen drei Mahlzeiten täglich für ihren Körper haben können, Bildung und Kultur für ihren Geist, und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihre Seele.“

„Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“

„Jahrelang mühte ich mich ab mit dem Gedanken, die bestehenden Institutionen der Gesellschaft zu reformieren… Jetzt bin ich ganz anderer Meinung, ich denke, eine Revolution der Werte ist notwendig… Ein Gebäude, daß Bettler hervorbringt, muß neu gebaut werden…Man beginnt die Frage zu stellen: Wer besitzt das Öl?… Wer besitzt das Eisenerz?“

„Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keine vornehmen und luxuriösen Dinge hinterlassen. Ich möchte nur ein engagiertes Leben hinterlassen.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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