Hände vorm Gesicht


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Olga beschreiben? Olga, also Olga ist siebenundvierzig. Schlank. Vollschlank. Pummelig. Meistens ein Lächeln im Gesicht, eher ein verschmitztes Grinsen. Dafür kann ich nix, und schon prustet sie los, unaufhaltsam, wie ein reißender Strom, der eine Felswand herunterstürzt. Früher hat sie in solchen Momenten noch die Hände vor ihren Mund gelegt, versucht, dadurch sich selbst zur Mäßigung zu rufen, weil dieses Lachen in der Schulzeit mit Ecke stehen und sogar mit Schlägen auf den Handrücken bestraft wurde.

Ja, wer ist Olga? Keine Stimmungskanone, jedenfalls nicht direkt, eher zurückhaltend, zuvorkommend, wißbegierig ohne aufdringlich zu sein, arbeitsam. Arbeitsam, sie ist sich für nichts zu schade, hat im Büro gearbeitet, in einer Gärtnerei, im Tierheim, als Altenpflegerin, in einer Boutique für Mollige. Übrigens wurde ihr dort gekündigt, weil Kundinnen sich durch ihre Art der Lächerlichkeit ausgesetzt sahen.

„Stell dir vor, da will diese Kundin eine Bluse Größe 46 anprobieren, obwohl ich ihr erklärt habe, diese Bluse fällt klein aus, da stehe zwar 46 drin, aber sie habe den Schnitt einer 44iger Größe. Sie will mir partout nicht glauben, kommt stolz wie ein Pfau aus der Umkleide, dreht sich vor dem Spiegel mit einem Seitenblick zu mir und päng springen die ersten Knöpfe weg. Natürlich habe ich gelacht, der ganze Laden hat gelacht!“

„Frau…“

„Einen Moment, dann verstehen Sie, Herr Schadewald.“

„Kannst du es für möglich halten, da fragt dich eine etwas blasse Kundin, ob ihr die lachsfarbene Strickkombi, du weißt schon, so ein dünner Strickpulli mit passendem Strickjäckchen stehen würde. Sie sah damit aus, wie aus dem Wasser gezogen, diese helle Lachsfarbe wirkte an ihr wie ein Stoffetzen, der durch zu vieles waschen alle Farbe verloren hat. Das habe ich ihr gesagt, daraufhin zog sie das Teil ganz langsam aus, im Laden vor all den anderen Kunden, Sie meinen also, meine Haut sähe aus wie durchs Wasser gezogen? Ich habe nicht zuerst angefangen zu lachen, das war eine andere Kundin, die gerade von Marie bedient wurde, aber mein Lachen übertraf alle.“

„Frau Unger!“

Wo war ich stehengeblieben, Olga beschreiben. Olga wuchs in einer gut situierten Familie auf, Vater, Beamter, Mutter, schweigende Frau. Geld war immer vorhanden, Olga war die einzige, die in der Grundschule zu ihrem Geburtstag nicht nur Geschenke wie Strümpfe, einen neuen Rock, Stofftaschentücher, irgend etwas zur Aussteuer bekommen hat, sie bekam Geld. Das heißt nicht sie, ihre Eltern, ihr Vater. Immer wenn sie nachgefragt hatte, wieviel denn schon auf ihrem Sparbuch sei, ihre Mutter konnte darüber keine Auskunft geben, wurde die Frage mit dem Satz: Schließe deine Augen, dann kannst du deinen Reichtum sehen, beantwortet.

Wie komm ich jetzt darauf? Also, Olga ist die, die sich die Hände vors Gesicht hält. Sie klinkt sich dadurch aus dem tatsächlichen Sein, sagt sie. „Wie beim Küssen, da machst du doch die Augen zu, oder? Alles um dich versinkt, du spürst nur noch, fühlst. Und denkst, oh, mein Gott, Wahnsinn oder was für eine Pleite. Ist dir nie aufgefallen, daß Menschen, wenn sie vor ein plötzliches Problem gestellt sind oder eine unerwartete Freude empfinden, sich das Gesicht mit den Händen bedecken?“

„Frau Unger, meine Zeit…“

Für Olga ist das Gesicht mit den Händen bedecken ein Ausblenden, um sich einzuklinken. Ihre Vorstellung von dem Reichtum, dessen Höhe ihr Vater ihr vorenthielt, bis sie einundzwanzig war, war ein Klacks gegenüber der Höhe, die er für sie verwaltet hatte. Er hatte mit dem Geld spekuliert, Grundstücke gekauft, auch Börsenanteile, sie besaß mit 21 Jahren eine Summe von fast zweihunderttausend DM.

Olga ist die ausgeglichenste Person, die ich kenne, mit ihr kann man durch dick und dünn gehen, Pferde stehlen, aber sich auch eine Meinung anhören, die nicht schmeichelhaft sein mag.

„Frau Unger, warum erzählen Sie mir das?“

„Ich muß mich konzentrieren, das Ergebnis ist nicht immer das richtige, es ist änderbar, irgendwie, irgendwann, aber ich habe es voll Überzeugung entschieden, das ist ausschlaggebend. – Weil ich der Überzeugung bin, du bist der mieseste Arbeitgeber, dem ich je begegnet bin. Ich wollte dich nur wissen lassen, mein Mercedes, den ich fahre, ist bezahlt, mein Haus ist bezahlt, und ich gönne mir eine Haushaltshilfe, berufstätig bin ich nur, um nicht einzurosten. Ich weiß, ich bin privilegiert, und du bist ein armes unfähiges Menschlein. Genau das habe ich der Hauptverwaltung mitgeteilt, mit sämtlichen Details, die ich hier zu hören bekam. Schönen Tag noch!“

Olga grinste, bis sie an der Bürotür war, danach hörte er nur noch lautes Lachen.

Herr Heribert Schadewald schlug die Hände vors Gesicht, das hatte er schon jahrelang nicht mehr getan.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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