Offene Schnürsenkel mit Claptons „Cocaine“


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Haben Sie schon mal versucht, die Schnürsenkel Ihrer Schuhe zu binden, während Sie vorne als Fahrer im Auto sitzen? Na, dann wissen Sie ja, daß das kaum gelingen kann, egal wie schlank oder ein wenig füllig Sie sind, spielt eben keine Rolle dabei. Der enge Raum zwischen dem Lenkrad und dem Autositz bietet halt so gut wie keine Bewegungsfreiheit. Nach wenigen mühsamen Versuchen läßt man es halt.

Genauso erging es neulich Thea, die blöderweise äußerst hektisch in ihre gelben Turnschuhe schlüpfte, ohne Frühstück aus dem Haus stürzte, beinahe über ihre Schnürsenkel stolperte, dennoch in ihren Wagen stieg, um schließlich genervt festzustellen, daß sie besser noch schnell ihre Lieblingsschuhe binden sollte. Die zog sie zu beinahe allen Anlässen an, erst recht zu längeren Spaziergängen oder Besorgungen zu Fuß in der Stadt.

Bert hatte kurz zuvor sie angerufen, hatte um dringende Hilfe gebeten, sein Roller würde mal wieder streiken, er dürfe auf keinen Fall den Unitermin verpassen, es sei die letzte Chance, seine Nachklausur zu schreiben. Ihr Schulkollege aus alten Tagen studierte Architektur im vierten Semester, der Dozent in Statik hatte ihn auf dem Kieker, da dürfe er sich keinerlei Patzer mehr leisten, wie Bert Thea vorgestern bei einem Glas Wein erzählt hatte.

Und jetzt das noch, die gelben Turnschuhe ließen sich nicht im geringsten binden, die 26-Jährige fuhr völlig genervt los, konnte im letzten Moment scharf abbremsen, da ein jugendlicher Radfahrer ihr einfach die Vorfahrt nehmen wollte.

„Kannste nicht aufpassen, du Schnösel?!“, entfuhr es Thea ziemlich aufgebracht.

„Sorry, meene Schuld, hab dir nich jesehen“, entschuldigte sich der Junge und fuhr direkt weiter.

Sie zeigte ihm noch einen Vogel und setzte ihre Fahrt fort, schließlich wartete bestimmt schon Bert völlig ungeduldig. Um diese Zeit war der Berufsverkehr in vollem Gange, gerade in der Leibnizstraße floss der Verkehr eher zähflüssig. Ganz dahinten sah sie schon den Ku’damm, um die Ecke wollte Bert auf sie warten, als plötzlich ihre Beifahrertür aufgerissen wurde und Bert sich lachend neben sie setzte. Thea blieb fast vor Schreck das Herz stehen.

„Na, das ist aber eine Überraschung, mein Lieber. Umso besser, dann drehe ich mal da vorn, somit haben wir Zeit gespart, und du kommst nicht ganz zu abgehetzt zur Uni, oder“, begrüßte Thea ihn.

„Danke, klasse Idee. Was haste denn mit deinen Latschen gemacht, du solltest mal die Schnürsenkel zubinden, oder?“

„Mach ich, sobald ich dich abgeliefert habe. Deine Klausur hat jetzt oberste Priorität, der Herr“, erwiderte Thea lächelnd, „ und bist du aufgeregt und vor allem gut vorbereitet?“

„Natürlich, du weißt doch, meine letzte Chance. Hast du heute abend schon was vor? Ich würde dich gern zum Essen einladen“, sagte Bert.

„Nö, hab ich nicht. Gerne doch, wie wär’s beim Inder bei mir um die Ecke?“ Bert nickte mit einem Grinsen auf dem Gesicht, kramte eine CD hervor, die sich irgendwo im Handschuhfach befand, Theas Auto war nicht unbedingt das ordentlichste, überall das blühende Chaos. Wenigstens war sie Nichtraucherin, das hätte noch gefehlt, ein übervoller, stinkender Aschenbecher.

„Ah, was haben wir denn da? Eric Claptons „Story“, sehr schön, ich liebe den ersten Song „Cocaine“. Der Song selbst war 1976 erschienen. Ich weiß, interessiert dich nicht sonderlich, aber die Mucke von ihm schon“ , bemerkte Bert und wippte mit den Füßen und Beinen im Takt zum Song, Thea drehte die Lautstärke noch höher, bei offenem Fenster machte es den beiden sichtbaren Spaß, ebenso die anderen Verkehrsteilnehmer zu beschallen. Eine Alte im Rollator winkte ihnen zu und ließ ihre Hüften lachend kreisen.

Als der rote VW-Käfer die TU in der Straße des 17. Juni erreichte, bedankte sich Bert bei Thea mit einem liebevollen Kuß auf der rechten Wange und eilte zum Eingang, während die Brunette endlich ausstieg, um ihre Turnschuhe doch noch zu binden. Nie wieder, schwor sich die junge Lehrerin, stieg wieder ein und fuhr musikhörend weiter.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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