Taufen, tief einsinken oder Einkehr nach innen


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Eine Auseinandersetzung mit der Religion?

Es war üblich, ist es noch, möglichweise wird es nicht mehr so streng gehandhabt wie in früheren Zeiten, wie auch immer, Kinder wurden getauft, entweder ziemlich schnell nach der Geburt, das heißt innerhalb von ein paar Wochen oder in Ausnahmefällen, wenn das Kind selbständig bei der Taufzeremonie „ja“ sagen konnte.

Wer nicht getauft war und somit keiner Religionsgemeinschaft angehörte, hatte bisweilen einen schweren Stand in der Gesellschaft, vor allen Dingen im ländlichen Raum. Also ließ man die Kinder taufen, damit das Kind und die Familie nicht zum Außenseiter wurde. Selbst die Zugehörigkeit zu einer anderen Religionsgemeinschaft konnte im Kindergarten, Schule, Beruf zu Schwierigkeiten führen. Aber dies sei hier nur am Rande bemerkt. Es war eben nicht nur die Taufe an und für sich wichtig, sondern öfters auch wer die Taufe vorgenommen hatte und welche Religionszugehörigkeit damit angenommen wurde.

Taufen, mittelhochdeutsch toufen, althochdeutsch toufan, tief, wohl ursprünglich, tief machen (tief ins Wasser ein-, untertauchen) Andere Begriffe sind, benennen, das Taufsakrament spenden, mit einem Namen versehen.

Tief, althochdeutsch tiuf, eingesunken, hohl. Synonyme sind, bodenlos, abgrundtief, unten.

Nun könnte man sich damit zufrieden geben in der Erklärung des Wortes „taufen“, da ja hinlänglich Taufzeremonien bekannt sind, die Menschen bekommen Wasser über den Kopf oder werden untergetaucht. Aber das wäre schlicht zu einfach, warum man für eine wichtige Handlung in fast jeder Religion, die Menschen „untertaucht“. Es ist das hierfür ursprüngliche Wort „tief“, das vielmehr die eigentliche wichtige Aussage für das Taufen bedeutet.

Und zwar nicht das „tief“, das einen Höhenunterschied beschreibt, sondern die Tiefe, die gemeint ist, wenn jemand in etwas versunken ist. Oder mit den Ausdrücken, tief bewegt, tief gekränkt, zu tiefst beleidigt, tief empfundenes Mitgefühl, tieferer Sinn, tief blickend. All diese Ausdrücke erklären durch das „tief“ eine gesteigerte Form der Aussage. Die Vertiefung in eine Sache bedeutet nicht nur eine Versunkenheit, sondern auch eine gleichzeitige „Erhöhung“ des Wissens und kann einem Zustand der absoluten „Erkenntnis“ gleichkommen. Ob Sie, während Sie über etwas nachsinniert haben, in ein Buch vertieft waren oder während des Betrachtens einer Aussicht, Kunstwerkes oder was immer Sie fasziniert hat, abrupt unterbrochen werden, so kann es sein, daß Sie sich erstmal wieder „geistig“ neu sortieren müssen. Es scheint ein gedanklicher Ausflug bei Tage zu sein, der einer Erwachung von einem Traum ähnelt.

Diese Tiefe könnte auch Erhöhung genannt werden, oder? Erhöhung steht für Beflügelung, Stärkung, Belebung, Vergrößerung, Aktivierung, Steigerung. Die Tiefe steht für Abgrund, Hintersinn, Tiefsinn, Intensität, Schwere, Weite, Inneres.

Stille Wasser gründen tief, sagt man so allgemein für eine Beschreibung eines Menschen, der nicht viel Aufhebens um eine Sache macht, vielleicht auch nicht so viel spricht, aber wenn er sich äußert, eine Aussage trifft, die Hand und Fuß hat, also wohl überlegt und tiefgründig ist. Die Taufe symbolisiert eine tiefe Auseinandersetzung mit der jeweiligen Religion, dies bereits im Vorfeld, also bevor das Kind selbst sich eigene Gedanken über den tieferen Sinn des jeweiligen Glaubens machen kann. Es ist eine Vorwegnahme für seine Beschäftigung mit dem Glauben. Natürlich ist dies nur eine der vielen anderen Beweggründe für eine Taufe.

In diese Tiefe kann man versinken, in ihr kann man ins Bodenlose fallen, sie hohl vorfinden, keinen Ausweg mehr sehen, verschüttet werden. Wäre es nicht angemessener gewesen, die Erhöhung, die Beflügelung für die Auseinandersetzung mit einer Religion zu benennen? Wahrscheinlich nicht, denn aus einer Höhe kann man abstürzen, durch Winde abgetrieben, an Felswände geschmettert, vom Blitz getroffen werden.

Eventuell steckt auch in der Namensgebung „taufen“, tiefmachen, die Erkenntnis, daß Beflügelungen eher zu Hochmut führen können als Abgründe. Im Bergbau ist „die Teufe“ das Wort für Abgrund und Bodenloses. Und wer meint, die Tiefe des Universums hätte einen Boden und keinen Abgrund, der möge noch einmal in sich versinken und über die Gefahren des Weltalls nachdenken.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Eine Antwort zu Taufen, tief einsinken oder Einkehr nach innen

  1. Common Nor schreibt:

    Sehr gut recherchiert und mit einer sorgfältigen Wortwahl versehen. Vielen Dank

    Gefällt 2 Personen

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