Entblößtes Denken


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„Lassen Sie sich nicht durch Äußerlichkeiten von den wahren Gedanken Ihres Gegenübers ablenken. Sehen Sie hinter die Fassade. Achten Sie auf Bewegungen, kleinstes Augenzwinkern, wann streicht die Hand die Nasenspitze, werden die Hände ständig beim Sprechen benützt, ist der Gang forsch, lässig, schleppend, dies verrät Ihnen mehr als die vorgelegten Zeugnisse, Dokumente. Studieren Sie die Handlungen der Personen, wenn sie Ihnen gegenübersitzen, dann wissen Sie wesentlich mehr über ihren Charakter und ihre Einstellungen. Stellen Sie gezielt auch Fragen, die ein wenig, sagen wir mal, unkonventionell sind wie zum Beispiel, wie reagieren Sie, wenn Sie Ihre Chefin, Chef am Nacktbadestrand begegnen oder in der Sauna?“

„So in etwa klang der Gesprächsinhalt, der mir helfen soll bei den Vorstellungsgesprächen, die mir zusätzlich zu meiner sonstigen Arbeit aufgebrummt wurde, eine Einstellungsentscheidung besser treffen zu können. Mehr nicht.“

Melissa schaute mich entgeistert an, ihre Gesichtsmimik verschob sich von Nase rümpfen zu Kampfbereitschaft, von Stirnrunzeln zum Lachanfall und dies in einem Tempo, das sie, als sie loslachte, sich so verschluckte und ich ihr Minuten später noch auf den Rücken klopfen mußte, weil sie ständig immer wieder einen Hustenanfall beim Sprechen bekam. Sie ist sonst weder bei Geschichten über Horrorunfälle, Gruselstorys, noch bei Filmszenen aus der Fassung zu bringen, während ich bereits schon zu Beginn irgendeiner nur vermeintlichen schrecklichen Situation in Schweiß ausbreche.

„Das hört sich an wie ein Möchtegern-Therapeut, der sich mal fünf Minuten lang einen Text über menschliche Verhaltensmuster angelesen hat“, maulte sie vor sich hin und wurde schon wieder von einem Hüsteln unterbrochen.

„Aber, schlau ist das nicht, dadurch erfährst du nur, ob jemand verklemmt ist oder extrem freizügig, möglicherweise moralisch versaut. Ihr seid doch kein Religionsverein.“ Und sie warf mir einen strengen Blick zu, der mich von oben bis unten abschätzend musterte. Bevor sie wieder zu husten drohte, lächelte ich sie mit einem aufgesetzten Grinsen an.

„Meiner Meinung nach wollte er mir dadurch nur verdeutlichen, man soll sich nicht durch die aufgesetzte Maske einer Äußerlichkeit blenden lassen. Nicht von der Kleidung, nicht von Zeugnissen. Lach nicht schon wieder, denk an deinen Hals! Vielleicht sollte ich mal in so einen Nacktclub gehen, du weißt schon, so ein Nacktbadestrand und dort die Menschen nach ihrem Verhalten einschätzen. Ist der mit der Glatze ein Rechtsanwalt oder ein Zugführer? Ist die Blonde Hausfrau oder wie ich im Büro tätig?“

Noch während ich, wirklich so war das, nur so vor mich hin sinnierte und eigentlich nicht richtig über mein Gesagtes nachgedacht hatte, ergriff sie meinen Unterarm, fest, starrte mich mit aufgerissenen Augen an und sagte mit Überzeugung: „Das machen wir!“

Natürlich habe ich widersprochen, habe das Ganze für einen Jux gehalten, habe ihr erklärt, selbst wenn wir dies täten, es würde mir bei einem Vorstellungsgespräch nichts nützen, aber, nun ja, irgendwann sagte ich, wäre zu überlegen, dann das ist nicht machbar, dann okay, wenn du eine Adresse eines Nacktbadeclubs findest, der nicht in der Nähe ist, aber auch nicht zu weit weg. Melissa hat schon am nächsten Abend einen Club gefunden, der keine 50 Kilometer entfernt war und sie hatte bereits zwei Clubkarten erworben, Dauerkarten, weil die billiger waren und unseren Besuch für kommendes Wochenende angekündigt. Sie war hellauf begeistert, der Typ sei so freundlich gewesen, habe ihr erklärt, im Hotel des Ortes bekäme man Rabatt beim Übernachten mit der Clubkarte genauso wie bei einigen Restaurants der Umgebung. Über die Wetterlage der kommenden Tage wußte sie ebenso Bescheid, weil sie dachte: „Du frägst sowieso danach.“, und es sind herrlich sommerliche Tage in Aussicht.

„Und weißt du was, Tommy, also er Typ, der mir die Karten verkauft hat, kennt von sämtlichen Mitgliedern die Jobs und deren Leben, weil du weißt schon, die kennen sich teilweise schon über Jahre hinweg und treffen sich auch privat und…“

„Melissa, ich glaube, das geht zu weit, du kannst den doch nicht ausfragen, ob wir jemanden richtig eingeschätzt haben oder nicht!“

„Mach dir mal keine Sorgen, dieser Tommy ist voll in Ordnung. Der ist kein Schwätzer oder Petzer, der ist einfach ein offener Mensch, einfach bloß ehrlich, habe schließlich über eine Stunde mit ihm geklönt, da kann ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen!“

Die restliche Woche war ich angespannt, was wenn ich dort jemanden treffe, den ich kenne, schließlich sind fünfzig Kilometer nicht besonders weit entfernt, und warum sollten nicht einige Leute aus der Stadt auch dort Mitglied sein? Nein, ich bin nicht verklemmt, doch alleine bei der Vorstellung völlig nackt am Strand zu liegen, habe ich so viel Schweißperlen verloren wie bei einem stundenlangen Jogginglauf, schätzungsweise habe ich sogar ein paar Kilos verloren, denn ich hatte das Gefühl die Kleidung schlotterte an meinem Körper herum und ich versinke in ihr.

Wir sind inzwischen Stammgäste des Clubs und treffen uns auch in der kalten Jahreszeit in einem extra angemieteten Hallenbad eines örtlichen Hotels, das durch den Club für jeden Freitagabend zur Verfügung steht. Meine Befürchtungen jemanden zu treffen, den ich kenne, haben sich in Luft aufgelöst. Das Rätselraten über die anderen Mitglieder, deren Jobs, deren Familienstand, deren Lebenseinstellung, Gewohnheiten, Ticks oder was auch immer von Interesse wäre, ist, wenn man etwas über jemand wissen möchte, den man nicht kennt, hat sich bereits am ersten Tag als reine Unterhaltungsspekulation herausgestellt. Tommy, der sich zu uns gesellte, um wohl selbst ein bißchen mehr über Melissa und mich zu erfahren, gab bereitwillig Auskünfte, ermunterte uns sogar zu ausschweifenden Vermutungen über die anderen Mitglieder und über sich selbst. Dabei stellte sich heraus, so meine Einstellung heute, man geht immer von den eigenen Empfindlichkeiten aus, wenn man jemanden neu kennenlernt.

Also muß derjenige, der in irgendeiner Weise jemanden ähnelt, den man nicht einschätzen kann, auch jemand sein, der undurchsichtig ist und derjenige, dessen Lächeln einer Person ähnelt, die sympathisch im Gedächtnis eingeordnet ist, auch nett sein. Jedenfalls auf den ersten Eindruck und das mit den Berufen ist ein Klischee. Denn der Bodybuilding-Typ ist in Wirklichkeit ein Bäckermeister, und die aufgedonnerte Brünette trägt nach der Chemotherapie eine Perücke und schminkt sich die Gesichtsflecken nur unvorteilhaft weg.

Bei meiner Tätigkeit zur Einstellungsentscheidung habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, ein entblößtes Denken einzusetzen und bin damit bis jetzt recht gut beraten gewesen. Ich wähle aus den eingereichten Bewerbungen wahllos Mappen heraus, lese nie ein Zeugnis, schaue mir nie ein Photo an, denn mit einem bereits vorgefertigten Eindruck hat mein Gegenüber fast keine Chancen mehr, etwas zurechtzurücken, das ich mir bereits zurechtgelegt habe über ihn. Wir treten uns beide quasi nackt gegenüber, das ist fair.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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