Schwadronieren – wild und planlos um sich schlagen


https://www.flickr.com/photos/oeschberghof/26575083740/sizes/z/

flickr.com/ Hotel Der Oeschberghof – Golf – Spa – Tagung/ (CC BY-ND 2.0)

Tratsch und Parolen in die Welt ergießen

Es ist nicht unbedingt eine vollkommen schlechte Charaktereigenschaft, wenn jemandem nachgesagt wird, er schwadroniere für sein Leben gern. Möglicherweise ist es nur darauf zurückzuführen, daß dieser Mensch ein großes Mitteilungsbedürfnis hat, er sich vor lauter möglicher Eventualitäten verzettelt. Wenn er allerdings schwadroniert, weil er sich gerne reden hört, mittels Aufdringlichkeit andere überzeugen möchte, dann empfindet man diese Art der Kommunikation als negative Charaktereigenschaft.

Schwadronieren, ursprünglich beim Fechten wild und planlos um sich schlagen, zu Schwadron; vielleicht beeinflusst von schwadern. (Duden) Andere Ausdrucksformen sind, einherreden, sülzen, quatschen, sabbeln, monologisieren, babbeln, palavern, schwatzen, labern.

Die Schwadron, (kleinste Einheit der Kavallerie) italienisch squadrone, großes Viereck, lateinisch quadrus, Quader.

Schwadern, (im süddeutschen Raum gebräuchlich) spätmittelhochdeutsch swadern, rauschen; klappern, mittelhochdeutsch swateren, schwatzen. Andere Begriffe sind, quatschen, schwappen, überfließen, plätschern, überströmen.

Schwatzen, oder auch schwätzen, spätmittelhochdeutsch swatzen, swetzen, mittelhochdeutsch swateren, rauschen, klappern. Synonyme sind, quatschen, plaudern, weitererzählen, schnacken, tratschen, plauschen, parlieren, plaudern.

Im Gegensatz zu „männlichen“ Gesprächsgewohnheiten gibt es für Frauen den Begriff „Tratschweiber“. Synonym für diesen Begriff wäre möglicherweise „Stammtischparolen“, das in etwa dem gleichen Kontext entsprechen würde hinsichtlich männlichen Tratschens, oder?

Tratschgeschichten, Stammtischgerede sind heute nicht mehr oft am Gartenzaun oder in der Wirtschaft, Kneipe anzutreffen, sondern vielmehr wird mittels Medien schwadroniert, geschwätzt, gequatscht, geplaudert, palavert. Das Angebot sprachlich wie beim Fechten planlos um sich zu schlagen ist größer und mitunter effektiver geworden, weil nicht nur ein Gesprächspartner mitliest, mithört, sondern viele, Hunderte, Tausende und mehr.

Im Internet spielt es keine Rolle, wer da denn schwadroniert, ob männlich, weiblich, jung, alt, (nicht jeder Gesprächspartner zeigt sein wahres Ich, so sollte bekannt sein, daß hinter einigen Profilen, die sich im World Wide Web tummeln, Menschen agieren, die eine vermeintliche Anonymität ausnutzen, um hinter Fake-Profilen Hetze, Diffamierungen, Lästereien freien Lauf lassen zu können).

Schwadroniert man in diesem Zusammenhang weiter, so ist erklärbar, warum ganze Schwadronen von Schwätzern ihr Gebabbel auf die Menschheit herabströmen lassen. Es ist nicht das übergroße Mitteilungsbedürfnis, das Verzetteln, weil man jedes kleine Detail nicht übersehen möchte, es ist das pure egoistische, sich gern reden zu hören, Besserwisserei, und die Aufdringlichkeit einiger Menschen durch Monologisieren Aufmerksamkeit zu erhaschen, um ihre Standpunkte als wahre Tatsachen zu verkaufen, die es mühselig machen können, zwischen gewissen Informationen den reellen Hintergrund herauszulesen.

Verwirrung stiften ist bei manchen Schwadroneuren noch eine harmlose Umschreibung. Sie schlagen mit Wörtern und Begriffen nicht nur um sich, wie beim Fechten, nein, sie überströmen, überschäumen (schwadern) mit Eventualitäten, Halbwissen, Verdächtigungen, Lügen mehr oder weniger zu sämtlichen Geschehnissen, jede konstruktive Erklärung, Meinung in einen Sprachbrei, mit der Absicht, Unfrieden zu stiften.

Erstaunlicherweise wissen diese Schwadroneure (Schwätzer) besser Bescheid über Gesprächsinhalte von politischen, wirtschaftlichen Versammlungen als die dabei Gewesenen. Sie haben intime Einblicke in sämtliche möglichen Hintergedanken, zu denen ein Mensch fähig zu sein scheint. Sie sind diejenigen, die durch Wortsalate versuchen, jemandem ein X für ein U vorzumachen, obwohl sie vielleicht noch nie über ihren eigenen Tellerrand gesehen haben.

Vermutungen anzustellen, etwas aus dem Bauchgefühl heraus zu empfinden und dies anderen mitzuteilen, ist nicht verwerflich, aber wenn dies als tatsächliches Wissen proklamiert wird, als das Nonplusultra der Weisheit, dann ist ein Schwätzer aktiv, der nichts anderes im Sinn hat, als Unruhe zu stiften und Zwistigkeiten zu provozieren. Dafür braucht man sich heutzutage nicht mehr an den Gartenzaun zu stellen oder in die Dorfkneipe zu gehen, dazu braucht man nur eine Internetverbindung und eine gewisse charakterliche Bereitschaft zur Freude, wenn die verbreitete Hetze und Häme auf fruchtbaren Boden fällt.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s