Verzeihen und verzichten


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Eine gegenseitige Toleranz der Altvorderen

„Verzeihen Sie bitte!“ Diese drei Wörter benützen Sie, wenn Sie sich bei jemandem entschuldigen wollen. Egal ob jemand angerempelt wurde, ob eine beleidigende Äußerung damit zurückgenommen wird oder Sie jemanden mit diesem Satz von seinem Tun abhalten, weil Sie seine Aufmerksamkeit benötigen, vielleicht nur um nach der Uhrzeit zu fragen. Verzeihen Sie bitte!

Verzeiht der andere Ihnen? Gehen wir einfach mal davon aus, dieser jemand heute einen guten Tag hat und verzeiht Ihnen den Anrempler, die beleidigende Äußerung und die Störung. Wäre er auch dazu bereit, wenn Sie anstatt „Verzeihen Sie bitte!“, sagen würde: Versagen Sie bitte!, Verweigern Sie bitte!, Schlagen Sie bitte ab!, Sagen Sie sich bitte los!, möglicherweise nicht, oder?

Verzeihen, mittelhochdeutsch verzīhen, versagen, abschlagen, sich lossagen, althochdeutsch farzīhan, versagen, verweigern. Andere Begriffe sind, entschuldigen, freisprechen, vergeben, durchgehen lassen, nachsehen, nicht nachtragen.

Die Verzeihung, andere Ausdrücke hierfür sind, Gnade, Abbitte, Nachsicht, Verständnis, Rücksicht, Vergebung.

Gnade vor Recht ergehen lassen, bedeutet jemanden mit Verständnis entgegenkommen, obwohl eine Mahnung, Bestrafung angebracht wäre.

Der Verzicht, mittelhochdeutsch verziht, zu verzeihen (in der veralteten rechtssprachlichen Bedeutung, versagen, verzichten), mittelhochdeutsch verzīhen, verzeihen. Synonyme sind, Aufgabe, Entsagung, Hingabe, Einstellung, Opfer.

Verzichten, andere Wörter sind, Ade sagen, nicht in Anspruch nehmen, entsagen, abschreiben, auslassen, übergehen, streichen, ausklammern, abschminken.

„Verzichten Sie bitte!“ Verzichten Sie bitte darauf, Ihr Recht in Anspruch zu nehmen, mein Verhalten zu rügen, zu bestrafen. Der Verzicht auf angemessene oder nicht angemessene Bestrafung für ein Vergehen ist in der Rechtsprechung bei unseren Vorfahren ein akzeptiertes, angewandtes „Urteil“ gewesen. Der Verzicht bezog sich auf materielle Werte genauso wie auf körperliche Bestrafung.

Die Bitte um Verzeihung ist eine Bitte auf Verzicht. Eine Bitte um Gnade, eine Bitte um Verständnis, eine Bitte um Vergebung, eine Bitte um Rücksicht. „Sagen Sie sich bitte los, von Ihrem Recht zu tadeln!“ „Verweigern Sie bitte nicht Ihr Verständnis!“

Die Erklärungen für das Wort „verzeihen“ (versagen, abschlagen) ist mit dem Hintergrundwissen über die Formulierungen und der Handlungsweise in der Gerichtsbarkeit verständlicher. Die Bitte um Verzeihung im Vorfeld eines etwaigen Disputes, wegen einem Anrempler, einer beleidigenden Äußerung, einer Unterbrechung, um Aufmerksamkeit zu erreichen, „nötigt“ den Angesprochenen, sein etwaiges Verhalten zu überdenken. Natürlich ist das Bitten um Verzeihen keine Garantie, nicht bestraft oder ermahnt zu werden, dennoch ist dem Angesprochenen quasi der Wind aus den Segeln genommen.

Gnade vor Recht, der Verzicht auf das „zugestandene Recht“ sich zu wehren, wenn man sich angegriffen, verletzt, beleidigt fühlt, ist eine wichtige Komponente im zwischenmenschlichen Zusammenleben. Ohne diesen Verzicht, ohne Verzeihung, ohne das Lossagen von seinem Recht Gebrauch zu machen, würde es vielmehr Anfeindungen, Streitereien geben, eine Spirale der Rache. (rächen, mittelhochdeutsch rechen, althochdeutsch rehhan, ursprünglich, stoßen, drängen, (ver)treiben)

Ein ständiges Stoßen und Vertreiben anderer wäre an der Tagesordnung. Wir hätten eine Gesellschaft, die von Gewalt gegenüber anderen geprägt wäre. Der Verzicht, die Entsagung, das Opfer als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen, sondern die Verweigerung (farzīhan, verzeihen) Unstimmigkeiten, Streitereien fortzusetzen. Verzeihen und die Bitte um Verzeihung sind Bemühungen um Verständnis und fördert die gegenseitige Toleranz, das wußten schon die Altvorderen. Das ist Teil unserer Tradition und sprachlich weitergereicht, dafür brauchen wir keinen wie auch immer aussehenden „Hut“.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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