Leihen oder borgen – worin liegt der Unterschied?


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flickr.com/ heimibe/ (CC BY-NC 2.0)

Geben auf Zeit mit oder ohne Achtsamkeit

Haben Sie jemandem Ihr Ohr geliehen und ihm zugehört? Oder haben Sie jemandem Ihr Ohr geborgt und ihm zu gehört? Schätzungsweise haben Sie Ihr Ohr, sprachlich gesehen, geliehen und nicht geborgt! Vielleicht empfinden Sie beide Begriffe als gleichwertig und denken, man sagt halt „Ohr geliehen“ und nicht „Ohr geborgt“, im Grunde ist es dasselbe.

Schließlich haben Sie schon etliche Gegenstände verliehen, geborgt, und hier handelt es sich um den gleichen Begriff. Manche dieser verliehenen, geborgten Gegenstände fanden den Weg wieder zurück zu Ihnen, manche nicht. Bei einigen Ihrer verliehenen, geborgten Gegenständen liegt es nicht immer nur an dem Freund, Bekannten, der den Gegenstand nicht mehr zurückgibt, aus den verschiedensten Gründen. Nein, es kann ohne weiteres auch das eigene Versäumnis, Verschulden sein, weil man vergessen hat, wem man etwas geliehen, geborgt hat.

In dem Wort „borgen“ steckt das Wort „Geborgenheit“. In dem Wort „leihen“ steckt das Wort „Leihe“.

Borgen, althochdeutsch bor[a]gēn, ursprünglich, auf etwas achthaben, jemanden verschonen. Synonyme sind, ausleihen, pumpen, aushelfen, auslehnen.

Geborgenheit, andere Begriffe sind, Abschirmung, Schutz, Obhut, Behütetheit.

Leihen, althochdeutsch līhan,(zurück-, übrig) lassen. Andere Ausdrücke hierfür, aushelfen, erborgen, überlassen, auslegen, anpumpen.

Leihe, andere Begriffe sind, Leihhaus, Pfandleihe, Leihamt.

In der alten Rechtsprechung war ein Leihezwang die Verpflichtung, das Lehen, nach dem Tod eines Lehenträgers wieder neu zu verleihen. Das Lehen, (Grund]besitz, der von einem Fürsten o. Ä. an einen Untergebenen mit der Verpflichtung verliehen wird, dass er dem Lehnsherrn mit persönlichen Leistungen zur Verfügung steht) „Duden“.

Leihen und borgen sind dem Sinn nach Begriffe, um zu erklären, etwas wird auf Zeit gegeben, eine Hilfe für eine Zeitspanne. Keine Bank, kein Geschäftsmann wird Ihnen Geld borgen, Geld wird durch sie verliehen, oder? Das Darlehen ist mit Zinsen behaftet, das Geborgte auch? Es gibt Leihautos, aber Sie borgen sich das Auto vom Nachbar aus, oder? Sind Leiharbeiter geborgte Beschäftigte? Das Leihhaus borgt Ihnen für ein Pfand einen Minimalbetrag oder verleiht das Pfandhaus eher eine Minimalsumme für Ihren hinterlegten Besitz? Verleihen Sie Ihre Bücher oder borgen Sie Freunden, Bekannten Ihre Bücher lieber? Gibt es einen Grund dafür, daß der Werbespruch heißt: Das Getränk verleiht Flügel und nicht, das Getränk borgt Flügel?

Überall verborgene Fragen bezüglich dem Geben auf Zeit? Wissen Sie eine Antwort?

Bedeutet etwas verborgen, daß man davon ausgeht, mit dem Geborgten geht der Empfänger achtsam um? Und besagt verleihen, daß man davon ausgehen kann, daß das Verliehene vom Empfänger nur das übrig Gebliebene zurückbekommt? Deshalb quasi nicht mehr den gleichen Wert besitzt, den man verliehen hat?

Wie oft haben Sie jemanden Ihr Ohr geliehen und zugehört, wenn das Gegenüber Hilfe, Zuspruch oder einfach nur jemanden zum Quatschen gebraucht hat? Haben Sie das Gleiche zurückbekommen, wurde Ihnen von dieser Person auch das Ohr geliehen? Ist er achtsam mit Ihren vertraulichen Gedanken umgegangen?

Es gibt einen Unterschied zwischen „borgen“ und „leihen“, und er ist sprachlich nicht ohne Grund entstanden. Beim Borgen setzen wir voraus, daß mit dem Geborgtem achtsam umgegangen wird, beim Leihen hingegen ist eine Unsicherheit vorhanden, ob das Geliehene Achtsamkeit erhält, also nicht pfleglich damit umgegangen wird.

Schön, daß Sie mir Ihr Ohr geborgt haben, indem Sie diesen Text lasen. Oder war Ihr Ohr nur geliehen?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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