Persönlichkeit pflegen


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Ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, war genauso schwierig, wie sie weinen oder voll Gram zu sehen. Stets war ihre Mimik darauf trainiert, eine selbstsichere durch nichts zu erschütternde attraktive Frau darzustellen. Eine Frau, die weiß, was sie will, in jeder Beziehung, beruflich, privat. Ihre Gefühle wurden diesem Willen untergeordnet, zu wissen, was man will, was sie will.

„Nein, nein, so läuft das nicht! Der Junge braucht eine starke Hand!“

„Aha, eine starke Hand, Prügel wohl?“

„Er braucht jemand, der ihn nach draußen bugsiert, an die frische Luft, anstatt ihn darin zu bestärken, auf seinem Hintern die Tage zu verbringen!“

Maria kannte diese Auseinandersetzungen schon bereits, als sie sich am ersten Urlaubstag noch auf dem Treppenabsatz befand, der zu der kleinen Pension führte. Sie wollte in den zwei Wochen, die sie gebucht hatte, Abstand gewinnen, sich neu stärken für die geplanten Projekte, die sie erwarteten, wenn sie wieder zu ihrer Beschäftigung bei einer Marketingfirma zurückkehrte. Wandern, spazieren, Kino, Theater, bummeln, durch die Gegend fahren, alleinsein, sich unter Menschen stürzen, sich einfach gehen lassen und spontanen Einfällen hingeben. Sie war nicht abgeneigt, sich die Haare schneiden zu lassen, seit sie das Kosmetik-, Friseur-, Modegeschäft mit Motivationstrainingsangebot entdeckt hatte. Es erschien ihr zuerst eine lächerliche Idee, als sie den Laden in einer Seitengasse des Marktplatzes entdeckte, der für seine Waren und Dienstleistung warb unter dem Motto, „Wir stylen nicht nur ihr Aussehen. Wir pflegen auch ihre Persönlichkeit.“

„Dein Sohn, Kai, lernt, das kann er nicht im Stehen. Schließlich wolltest du, daß er es mal besser hat. Jetzt hat er den Bogen raus, und du machst ihm das Leben zur Hölle mit deiner ständigen Nörgelei.“

„Ich nörgel also, wenn ich möchte, er solle sich mehr bewegen?“

Zu wissen, was man will, was sie will. Sie ist kinderlos geblieben, obwohl sie mehrere Liebschaften, Affären, feste Beziehungen pflegte, unterhielt, einmal bereits so gut wie verheiratet war. Ob es mit dem näherrückenden 40sten Geburtstag zusammenhing, wer konnte das so genau sagen, oder die Firma wirklich um neue Aufträge kämpfen mußte, sie entließ in den letzten Wochen ständig Mitarbeiter, stellte neue zu niedrigen Konditionen ein, die sie bis an deren Belastungsgrenzen mit Arbeit zuschüttete. Manche munkelten, sie wolle nur mehr Geld aus der Firma herauspressen, damit sie nach einem Verkauf, der unweigerlich bevorstehen würde, mit dem Gewinn ihr Selbstmitleid versüßen könnte.

„Kai bereitet sich auf das Abitur vor, er hat in Sport eine Zwei. In Mathe steht er auf Drei, in beiden Fremdsprachen eine Drei.“

„Ich kenne seine Noten!“

„Er möchte Dolmetscher werden.“

„Dolmetscher werden. Er will nur besser mit diesem ausländischen Flittchen skypen können!“

„Wir stylen nicht nur ihr Aussehen, Wir pflegen auch ihre Persönlichkeit“. Eine persönliche Pflege ist wohl jetzt für mich angesagt. Sie konnte die Auseinandersetzung der beiden nicht mehr hören. Maria packte ihr Buch ein, klemmte ihre Tasche unter den Arm, sprang die Stufen zur Straße runter, wobei sie mit dem freien Arm ihr Gleichgewicht ausbalancierte und traf dabei Kai mitten ins Gesicht, der gerade stürmisch hinter ihr aus dem Haus rannte. Ihren entsetzten Gesichtern ist es möglicherweise zuzuschreiben, daß sie beide, nachdem sie sich der Situation bewußt waren, sich anlächelten, lachten. Spontan streichelte Maria Kais gerötete Wange, griff nach seiner Hand. „Komm, ich lad dich zum Eis ein!“

„Okay! Wirklich?“

Nach anfänglichen stockenden Gesprächsbemühungen, in denen hauptsächlich Maria ihn mit Fragen überhäufte und Kai dem Anschein nach nur aus Höflichkeit antwortete, änderte er seine Zurückhaltung, als er über ihre Tätigkeit in der Marketingfirma erfuhr. Zwischen Eis, Getränken und Abendessen, die sie an diesem Nachmittag gemeinsam genossen, fand auch ein Telefonat mit Marias Chef statt, auf dessen Antwort sie mit Sekt anstießen.

Es gab nach ihrer Rückkehr seitens Kais Mutter eine lautstarke Standpauke, auch noch nachdem er ihr einen Praktikumsvertrag vorlegte, der inzwischen per Email angekommen war und Kai bis zum Studium, möglicherweise auch während des Studiums, ein kleines Einkommen garantierte. Sein Vater hingegen blinzelte ständig mit den Augen, Maria konnte nicht richtig einordnen, ob er damit seine Tränen wegwischte oder ob er sie als Mitverschworene ansah, jedenfalls drückte er abwechselnd seinen Sohn und Maria an seine Brust.

Ihr Selbstmitleid besser ertragen könnte. Zehn Tage vor ihrem Geburtstag erhielt jeder Mitarbeiter eine Einladung zum Abendessen im Hotel Excelsior, gewünscht waren Smoking für die Herren und Abendkleid für die Damen.

Smoking für Herren, Abendkleid für Damen. „Wir stylen nicht nur ihr Aussehen. Wir pflegen auch ihre Persönlichkeit.“ Maria klappte das Buch zu, das wandert morgen als erstes in den Papierkorb, und ich wandere morgen den Seetalweg entlang, den mir Kai empfohlen hat, viele Aussichtspunkte, Panoramasicht über die Stadt. Der Landschaft ist mein Aussehen egal, aber sie wird mit ihren Eindrücken meine Persönlichkeit mehr stylen als der Laden, in den ich heute flüchten wollte.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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