Gassenhauer oder Krawallprofis


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flickr.com/ kaiser_t/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Keineswegs eine vorübergehende Zeiterscheinung

In früheren Zeiten, wie sich das anhört, in früheren Zeiten also, nicht gemeint ist die Zeit morgens in der Frühe, sondern die Nachtzeiten, die Menschen so um das 13. und 14. Jahrhundert erlebten, konnte es schon einmal vorkommen, daß nachts ihre Ruhe gestört wurde durch lärmende Personen in den Gassen.

Nein, sie waren nicht mit Fuhrwerken unterwegs, so daß das Hufgetrappel oder die Räder des Fuhrwerkes auf den Pflastersteinen einen dermaßen lauten Lärm veranstalteten, den sie tagsüber als normal ansahen. Diese Personen waren meist trunken auf schwankenden Beinen auf dem Weg nach Hause, nicht schleichend leise, sondern weinselig oder bierselig Lieder singend, wenigstens Teile davon, oder Textstellen nachplappernd, die eventuell bei hellem Tag nicht „fein“ genug waren, sie in die Welt hinaus zu posaunen.

Bereits 1517 erwähnte der bayerische Geschichtsschreiber Johannes Turmair (1477-1534) den Begriff „gassenhawer“. Bis etwa 1773 galt Gassenhauer als Bezeichnung für ein volkstümliches Lied, der Ausdruck Volkslied löste diesen Begriff ab, so daß Gassenhauer eine Ausdrucksart wurde für schlechte, triviale Lieder. Die Begriffsherleitung soll allerdings nicht durch die geträllerten Lieder entstanden sein, vielmehr besagte „Gassen hauen“, in schnellen Gang geräuschvoll auftreten. Erst danach verwendete man „Gassenhauer“ für Lieder und Texte, die von der Allgemeinheit gesungen, gespielt und aufgesagt wurden. Ziemlich ähnlich unserer heutigen Vorstellung von Gassenhauer, wenn wir Songs oder Gedichte beschreiben, die in aller Munde sind, wobei dies kein Zeichen für eine Qualitätsaussage darstellt.

Gassenhauer sind demnach lärmende Personen, die des nachts, muß aber nicht unbedingt nur nachts sein, durch die Straßen ziehen mit Parolen, Sprüchen, Liedteilen, um entweder in berauschtem Zustand ihre Glückseligkeit allen andern Menschen näherzubringen, oder um ihre Wut über dies und jenes der ganzen Welt mitteilen zu wollen. Laut, lärmend, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten anderer. Dies ist keine Neuzeiterscheinung, kein Modehype, sondern geschieht seit Jahrhunderten bereits vor dem 13. Jahrhundert und ist teilweise zurückzuführen auf ein persönliches „sich mal Luft machen“, aber auch um in Gruppen „denen, die man damit ärgern, herausfordern möchte“, zu zeigen, wir sind hier.

Nun gibt es, das Rad der Geschichte dreht sich weiter, einen neuen oder genauer einen Begriff, der zurzeit öfters in einigen Artikeln, Fernsehsendungen zu lesen und hören ist, Krawallprofis.

Unter diesem Wort ist die Annahme zu verstehen, daß es gewisse Personenkreise gibt, die sich bestens darauf verstehen, es gelernt haben, Krawall zu veranstalten, um entweder auf sich selbst, daß heißt eher auch ihre Weltsicht, Meinung aufmerksam zu machen, ohne in irgendeiner Form Rücksicht auf Personen und/oder materielle Werte zu achten. Das bedeutet, sie nehmen sogar bei ihrem lärmenden Aktionen in Kauf, andere und anderes zu verletzen und zu zerstören.

Krawall, Herkunft ungeklärt, wahrscheinlich von crawallen, das Lärmen, mittellateinisch charavallium, Katzenmusik; Straßenlärm. Synonyme sind, Aufruhr, Protest, Rebellion, Rabatz, Getöse, Randale.

Profi, Kurzform von Professional, englisch professional, Substantivierung von: professional, berufsmäßig.

Man könnte für Krawallprofis demnach sagen, es sind berufsmäßige Katzenmusikmacher, Straßenlärmer.

Katzenmusik sind disharmonische Laute, die aus jaulenden, wimmernden Tönen besteht. Profis sind, wie bereits erwähnt, Personen, die eine Tätigkeit gelernt haben und diese anwenden. Natürlich kann man nicht pauschal sagen, Katzenmusik sei lediglich unkontrolliertes Klimpern auf einem Instrument, dies wurde bei den ersten Hörproben von mancher Musikrichtung auch gesagt, denn selbst aus anscheinend nicht harmonischen Klangfolgen kann eine gewisse melodische Intension nicht gänzlich verneint werden.

Es kann natürlich bloß eine Aufmerksamkeitsmasche darstellen oder eine neue Art der Vermittlung einer Meinung, Aussage, Happenings, ja, sogar der Beginn eines noch nie dagewesenen kulturellen, sozialen Verhaltens. Voraussetzung hierfür wäre, daß die Krawallprofis, die Gassenhauer, in aller Munde wären und in allen gesellschaftlichen Schichten Einzug halten würden.

Im Grunde genommen ein Unterfangen, das, so scheint es, wenn man durch die Medien blättert, bereits Bestandteil der Gesellschaften ist. Leider vergessen die meisten zu erwähnen, der Prozentsatz der Krawallprofis, der Gassenhauer ist so verschwindend gering wie die Späne beim Hobeln, gemessen an dem Materialverlust des zu bearbeitenden Holzes. Eigentlich nicht der Rede wert. Außer sie kommen auf die Idee, die Späne seien das herausgearbeitete Werkstück und nicht, zum Beispiel, der Holzlöffel.

Demokratien sind darauf angewiesen, sich mit vielen Meinungen, Ansichten auseinanderzusetzen und sich einer stetigen neuen Formierung zu stellen. Daß hierbei auch ein Unmut über politische, soziale, wirtschaftliche Mißstände in lärmende Proteste übergehen können, ist, egal wie eng die Rahmenbedingungen für Demonstrationen und Meinungsfreiheit geschnürt werden, nie auszuschließen. Sie aber über alle Maßen überzubewerten, führt zu keinem Konsens. Konsens erreicht man nur, wenn man gewillt ist, die Katzenmusik sich anzuhören, die Krawallprofis, die Gassenhauer nur zu maßregeln, wird ihre „Mission“ nicht verhindern.

Gewalt, Druck ausüben, sind keine professionellen Fertigkeiten, weder für diejenigen, die Veränderungen herbeiführen möchten, noch für diejenigen, die sich nicht in die Karten sehen lassen möchten, oder für diejenigen, die alles beim Alten lassen wollen, zur Erreichung einer fähigen gesellschaftlichen Ordnung, die sich demokratische Grundsätze an die Revers heften.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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