Inno auf dem Schlauch


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„Innozenz, hier spielt die Musik!“ Scharf klangen die Worte, wie immer wenn Lehrer Huber mehr als zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte, in seinem Ohr. Er hatte nicht geschlafen, er war hellwach, wachsam wie immer, horchend. Neugierig. Gespannt. Zugegebenermaßen nicht an den Sprechmonologen von Lehrer Huber, der mit weitschweifenden Wörtern, aber ohne Klang, monoton, der Klasse die aufregenden Geschichtsepisoden näher bringen wollte.

Trotz der aus den Sätzen fließenden Begeisterungsstürme, die erkennen ließen, Huber war ergriffen von seinem kenntnisreichen Wissen sämtlicher vergangener Jahrhunderte, gelang es ihm nicht, die Klasse wirklich dafür zu interessieren, was in früheren Zeiten geschah. Nicht nur bei Innozenz. Obwohl einige andere auch ihren Tagträumen in der Geschichtsstunde nachhingen, war Lehrer Huber ständig auf Augenkontaktsuche bei Innozenz und wenn er auch nur die Vermutung hegte, Innozenz wäre nicht bei seinen Ausführungen, sondern in seinen scheinbar unendlichen Traumwelten, erfüllte er den Satz, Innozenz, hier spielt die Musik, mit so viel ausdrucksfähiger Intonation, die seinem Sprachgebrauch völlig widersprach.

„Über was habe ich gerade eben gesprochen?“ War klar, daß er jetzt damit wieder ankommt. Innozenz war inzwischen geübt darin, Lehrer Hubers Ausführungen zu hören, dennoch aber in seiner eigenen Gedankenwelt spazieren zu gehen. „Am 23. Mai 1618 wurden drei Männer aus der Hofkanzlei in Prag von zweihundert Vertretern der…“, begann Innozenz ruhig und gefaßt, eher herunter leiernd, als Lehrer Huber ihn strafend anblickte, ihn unterbrach, indem er den Satz wiederholte und einfach den Unterricht weiterführte. Nichts war geschehen. Gar nichts.

Wenn er jetzt Glück hatte, würde er die Unterrichtsstunde ohne weitere Unterbrechung in seinen eigenen Gedanken verbringen können. Es ist nicht wahr, wenn die anderen behaupten, er träume, im Gegenteil, er war hellwach, wenn er seinen Gedanken nachhing. Er folgte ihnen. Zurzeit führten sie ihn zu der bevorstehenden Hochzeit seiner ältesten Schwester, die ihn immer noch als kleines Kind behandelte, natürlich nicht bösartig, aber stichelnd, herzlos, gnadenlos sogar vor Fremden Zenzi rief. Für sie ein Überbleibsel aus der schwesterlichen Rivalität, weil ihm mehr Beachtung geschenkt worden wäre, als sich die Eltern trennten als ihr, und weil er mit seinen braunen Löckchen, die immer noch als Lockenpracht sein Gesicht umranken, unwiderstehlich aussah für sämtliche Personen, und ihm deshalb keine kleinste Bitte abschlugen, er eine Narrenfreiheit besaß, von der sie überzeugt war, daß er alle mit seinem Mädchengesicht nur täuschte.

Heute Nachmittag sollte er seinen zweiten Anzug, den ersten bekam er zur Kommunion, mit seiner Mutter bei „Witbert“, Anzüge nach Maß, aussuchen. Nach anfänglichen Abwehrmechanismen, denen er fähig war, sich dagegen zu sträuben, willigte er schließlich ein, unter der Bedingung dies nur über sich ergehen zu lassen, wenn sein Vater dabei anwesend sei. Seine Eltern waren zwar geschieden und lebten an verschiedenen Orten, genauer gesagt etwa fünf Kilometer voneinander entfernt, dennoch führten sie wieder eine Beziehung, nachdem sie nach der Scheidungsphase ihrer Aussage nach festgestellt haben, sie liebten sich, aber nur mit räumlicher Trennung.

Für Innozenz war diese Situation eine Selbstverständlichkeit, weil er von klein auf damit aufwuchs, seine Geschwister hingegen drängten die Eltern anfangs mit verzweifelter Vehemenz, wieder zusammenzuziehen, weil alle Eltern nun mal zusammen wohnen würden und sie sich vor ihren Freunden lächerlich vorkamen, inzwischen aber ist es auch für sie eine gewohnte Lebenssituation geworden, gegen die sie sich nicht mehr auflehnen.

Innozenz leckte an seinem Eis, für das er extra einen Umweg gegangen ist, nicht weil er eine Auswahl an Eisdielen gehabt hätte, es gab nur eine im Dorf und war eher eine Kneipenwirtschaft, sondern weil er den Nachhauseweg hinauszögern wollte. In seiner Vorstellung war dieser Anzugskauf ein Raub seiner Jugend, er wollte noch nicht erwachsen sein, das heißt eigentlich schon, es fühlte sich zumindest ab und an so an, als sei nicht nur seine Kindheit, auch seine Jugend verloren, wenn er seine Gedanken wandern ließ und bemerkte, sie glichen mehr oder weniger den Gedanken von Erwachsenen, wenn er sie mit deren Gesprächen verglich oder deren Inhalt in Büchern fand.

Ein Eis so langsam zu genießen wie einen Lutscher, den man über Minuten hinweg einfach in der Hand halten konnte, ohne Bedenken etwas von dem Genuß zu verpassen, wenn man nicht schnell genug leckte, war ihm spätestens dann ins Bewußtsein gerückt, als das Eis anfing, sich durch die Waffel einen Weg über seine Finger Richtung Erde zu unternehmen. Hastig beeilte er sich, das Fließende aufzuhalten, indem er die Eiswaffel in verschiedenste Richtungen hielt und somit zu verhindern suchte, die Fließrichtung zu ändern, natürlich unter Einsatz der immer flinker lutschenden Zunge. Vielleicht war es seiner ständigen wechselnden Kopfhaltung zuzuschreiben oder dem klebrigen Gefühl an seinen Fingern, daß er auf die Idee kam, seinen eingeschlagenen Nachhauseweg noch ein bißchen mehr zu verlängern und den am Waldrand entlang fließenden Bach barfuß durchwaten wollte. Dies sollte ausreichen, die Verzögerung, die sich dadurch ergab, den anstehenden Anzugskauf möglichst schnell hinter sich zu bringen, da sein Vater einen wichtigen Termin wahrnehmen wollte, den er schon ihm zuliebe um eine Stunde verschoben hatte.

Das Bachwasser war trotz Sonnenbestrahlung extrem kühl, eher kalt aber erfrischend und Innozenz gedanklich auf dem Weg zu Abenteuern, die nur ein Mensch bestehen konnte, der in der Vergangenheit mit Ungeheuern, wilden Ureinwohnern, Gespenstern, Feen, Trollen und Phantasietieren gekämpft hat. Nachdem die Füße anfingen, sich eher wie kleine Eisklumpen anzufühlen, beschloß er, es sei nun an der Zeit, über die noch nicht gemähte Wiese schnurstracks den Weg nach Hause zu nehmen, da erblickte er im Bach liegend einen schwarzen Schlauch, der an einer Umwälzpumpe angeschlossen war, die leise vor sich hin brummelte. Er wußte Bescheid.

Dies war Lehrer Hubers Wasserversorgung für seine in einem Gewächshaus stehenden Pflanzen. Gehört hatte er davon. Das Dorf war sich nicht einig, ob dies gestattet sei, Wasser abzuzapfen, das nicht bezahlt würde. Die einen meinten, daß dies nicht rechtens sei, sie müßten ihr Wasser auch bezahlen, die anderen hielten dagegen, das Wasser diene ja nicht zur Trinkwasserversorgung, sondern fließe in den Ammerbach, der wiederum genügend Wasser führe, um eine Stadt damit zu versorgen.

Er begutachtete die Pumpe, die er bombastisch fand, ganz im Gegensatz zu dem Schlauch, der schwarz mit Dreieckslinien ihm nur als mickrig erschien. Er trat auf den Schlauch, der sich merklich unter seinen Füßen niederdrücken ließ. Seine Schuhe stopfte er in seinen Schulrucksack und folgte mit den Händen das Gleichgewicht auspendelnd den Weg des Schlauches durch die bis zu seinen Knien hochstehenden Gräser. Auf und ab, auf und ab, Wasser marsch, Wasser stop. Etwa in der Mitte der Wiese war ihm die Lust vergangen und er spurtete sich, nach Hause zu kommen, da drehte er sich mitten im Lauf um, rannte zurück an die Stelle, an der der Wasserschlauch lag und hopste zweimal mit beiden Füßen auf den runden Schlauch, der nach dem zweiten Sprung sich aufgelöst hatte. Etwas irritiert, weil es nicht seine Absicht war, den Schlauch zu zerstören und müßte jetzt nicht Wasser hochspritzen, stellte er beim genaueren Hinsehen fest, da liegt gar kein Schlauch auf dem Wiesenboden.

Wie lange eine Ewigkeit dauert, die in Sekundenbruchteilen ganze komplexe Zusammenhänge von Erkenntnissen vermittelt, verstand Innozenz, als er abends im Bett nicht nur über die von den besorgten Eltern geäußerten Bedenken hinsichtlich seines Verhaltens nachdachte, sondern auch, als er immer und immer wieder das Gefühl unter seinen Fußsohlen spürte von diesem runden warmen Schlangenkörper, der blitzartig seine Wärme durch die erkalteten Beine in sein Bewußtsein schoss.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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