Verwischte Blumen


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So blöd. Verwischte Blumen. Ihr Aussehen glich einem Blick aus dem Fenster bei Starkregen, durch die ständig mit Regenwasser bespritzte Scheibe, an der die zu schwer gewordenen Tropfen langsam, mal schneller herunterfließen konnten, die Blumen wie auf einem Gemälde aussahen, auf dem jemand mit einem großen Lappen von der einen auf die andere Seite gewischt hatte. Oder wenn ich durch strömenden Regen fahre und ein defekter Scheibenwischer Wasserstreifen auf die Frontscheibe malt, dachte sie. Und sie dachte weiter. Blöd. So was.

Nicht nur vor ihren Augen konnte sie die verwischten Blumen erkennen, sie schmeckte ihren Geruch vermischt mit Wasser in ihrem Mund, sie roch den frischen, herb süßen Duft von getränkter Erde, sie spürte den massiven Wasserdruck, den die Tropfen mit jedem Aufprall die Blüten erzittern ließen. Sie nahm diese Empfindungen seit Tagen wahr. Wahrlich, ich fange an, irr zu werden. Kein Tagtraum. Vielleicht ein Zeichen? Für was? Warum?

Ihr ging es gut. Was heißt gut? Ihre Arbeit machte ihr Spaß. Keine großen finanziellen Sorgen, außer daß sie es irgendwann mal zu einem Häuschen im Grünen schaffen wollte, gab es keine großartigen Bedürfnisse oder Widrigkeiten. Ihre Eltern waren im Urlaub. Ihr Bruder frisch verliebt. Ihre Schwester glücklich verheiratet, vor acht Wochen zum dritten Mal Mama geworden. Ihre Freundin zwar im Umzugsstreß, aber rundum zufrieden mit der Beschäftigung durch Möbelhäuser zu stöbern. Niemand in ihrem näheren Umfeld, der krank, unglücklich wäre.

Verwischte Blumen. Sie bastelte ihr Abendessen zusammen, kochen war nicht ihre Stärke, und sie gab sich nur wenig Mühe, es zu lernen. Wenn sie gut essen wollte, war ein Besuch bei den Eltern angesagt, oder sie ging mit Freunden in ein Restaurant. Man kann nicht alles haben und muß nicht alles können. Verwischte Blumen, wie ein gemaltes Bild. Kunst interessierte sie auch nicht. Klar, ein Museumsbesuch, ein Konzert, ein Abend im Theater war ab und an schon drin, aber mehr auch nicht. Sie haßte die Gespräche, wenn andere stundenlang über ein Bild, ein Musikstück, über Schauspieler fachsimpelten. Dabei wurden sämtliche Sicht- und Sehweisen auf eine Person, ihre Handlungen, warum sie eventuell so gehandelt haben, wie sie taten, was der Ausdruck vermittelt über ihre möglicherweise zu erkennenden Beweggründe so lange hin und her analysiert, daß sie immer zu dem Schluß kam, nichts würde von den Personen, von den Inhalten mehr übrigbleiben. Nackt waren sie. Bloß gestellt. Nichts. Keine weiße Wand. Selbst die wurde weganalysiert.

Vielleicht verschwinden die verwischten Blumen, wenn ich sie analytisch unter die Lupe nehme? Was bedeuten Blumen? Frische, Leben, Schönheit, Nahrung! Scheiße! Ihre in die Pfanne geschlagenen Eier sind am Rand stark angebräunt, um es freundlich zu beschreiben. Das kommt davon, wenn man vor sich hin stiert! Und nicht sieht, was man tut vor lauter verwischten Blumen. Ich hasse Blumen! Ich hasse Wischen! Ich hasse Putzen. Ich brauch eine Putzhilfe, einmal die Woche, das werde ich mir leisten. Mist. Blumen.

Bianka bestellte sich eine Pizza, einen großen Salat und einen Rotwein, ja, den Vino Rosso, Bucefalo, trocken. Und wäre es möglich, den Vanille-Erdbeer-Becher mit Amarettolikör? Sie streckte sich auf dem Sofa aus, zufrieden, der Abend war gerettet. Keine Gedanken mehr an verwischte Blumen. Aus. Vorbei.

Klingeln. Pizza. Das ging ja schnell. Sie drückte den Türöffner und stellte sich erwartungsvoll, hungrig in den Türrahmen. Ein leichtes Keuchen war im Treppenflur zu hören, das immer näherkam. Der Geruch nach Essen erfüllte das Treppenhaus. Fast dankbar nahm sie die Plastiktüte entgegen, weiße Pizzaschachtel, Rotwein, Salat in Plastikschüssel, Eis in Styroporhülle. Dem Pizzaboten drückte sie Geldscheine in die Hand, stimmt schon. Türe zu. Glücklich strahlend, die Tasche an ihre Brust drückend, die ihr eine wohlige Wärme nach Genuß ausstrahlte, eilte sie ins Wohnzimmer. Genau in diesem Moment muß ihr Kater seinem Instinkt folgend, etwas Fremdes genauer zu begutachten, gegebenenfalls in Kampfbereitschaft sein Zuhause zu verteidigen, von seinen Träumen aufgewacht sein, jedenfalls war er urplötzlich zwischen ihren Beinen, um sein Reich zu schützen.

Bianka stürzte, ohne sich abstützen zu können mitsamt der Tasche vor der Brust auf den Flurboden. Sie hörte Knirschen, sah Blut, roch herb süße Erde. Fühlte sich nicht verletzt. Stand sie unter Schock? Sie richtete sich auf, tastete ihren Bauch und die Brust ab, sah die verwischten Blumen auf ihrer Bluse.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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