Am Abend als National Crid in die Schlagzeilen geriet


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flickr.com/ blacklord/ (CC BY 2.0)

Die einsetzende Dunkelheit überraschte nicht wirklich, schließlich gehörte dies zum Spätherbst an jenem Novembernachmittag, lediglich die Stille störte die beiden jungen Frauen, die nach langem Spaziergang endlich zu hause wieder eintrafen. Als Cleo das Licht im Flur einschalten wollte, blitzte ganz kurz die Deckenlampe auf, im selben Moment spürte sie einen heftigen Schlag im Kreuz und fiel der Länge nach hin.

Mandy reagierte geistesgegenwärtig vollkommen richtig, ließ sich fallen, rollte schnellstmöglich in Richtung Kellertür, stieß diese mit dem linken Fuß auf und stürzte die Treppe hinunter, um den langen Gang bis zur Luke zu sprinten. Ein wenig später lief sie nach Luft schnappend in den nahen Buchenwald. Als sie die ersten Flammen aus den unteren Etagenfenstern sah, wußte sie, daß für ihre alte Schulfreundin keine Rettung mehr zu erwarten war und begab sich wie in Trance in Richtung Nordosten zu den nächsten Nachbarn, den Kimberleys.

Alle möglichen Gedanken schossen Mandy durch den Kopf. Wer sollte es auf sie abgesehen haben? Vielleicht war Cleo doch zu weit gegangen mit ihrer ungebremsten Neugier im Fall National Crid, dem größten Stromkonzern im Lande. Dieser hatte still und heimlich etliche atomare Brennstäbe auf illegalem Weg abtransportieren lassen, ohne die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis gesetzt zu haben. Ein Insider hatte Cleo Infos zukommen lassen, ein Date mit der BBC sollte nächsten Montag stattgfinden.

Hier im Süden Schottlands gönnten die beiden Freundinnen sich ein paar Tage Urlaub nach den zurückliegenden hektischen Wochen. Instinktiv duckte sich Mandy im nächsten Moment, irgendein merkwürdiges Geräusch ließ sie aufhorchen. Gerade noch rechtzeitig verschwand sie in einem Gebüsch, als lautlos eine Drohne an der Stelle vorbeischwirrte, wo sie Sekunden vorher noch langlief. „Die wollen es aber jetzt wissen“, murmelte sie ganz leise vor sich hin. Die dreiundzwanzigjährige Journalistin wußte, daß nur noch rund dreihundert Meter sie vom Nachbarhaus trennte.

Allerdings grübelte sie, ob man dort sie nicht bereits erwartete. Höchste Vorsicht war geboten, erst mal rantasten, überlegte sie. Ein fremder Rangerover stand im Hof, was ihren Verdacht somit bestätigte. Die Kühlerhaube war noch warm, im Wohnzimmerfenster brannte Licht, aber niemand schien sich im Raum aufzuhalten. Plötzlich trat Harriet Kimberley ins Wohnzimmer, jedoch per ungewohnter Körperhaltung. Stocksteif mit einer Pistole im Kreuz, die ein ziemlich großer Kerl hielt, gingen die beiden zur Couch, der Hüne stieß die Frau des Hauses, so daß Harriet unsanft aufs Sofa landete.

Ein knackender Ast verriet Mandy die nahe Gefahr, reflexartig schwang sie ihren Arm heftig um sich, ihr Angreifer ging im nächsten Moment zu Boden. Mit einem gezielten Schlag in dessen Nacken beförderte die junge Frau ihn ins Land der Träume. „Das war knapp!“, murmelte Mandy vor sich hin, durchsuchte die Taschen des Ohnmächtigen, fand ein Paar Handschellen, drehte dessen Arme nach hinten, und schloß sie über Kreuz an den Handgelenken. Ihr Schal sollte sich nunmehr als nützlich erweisen, einen Fuß verknüpfte sie nach hinten ziehend mit den gekreuzten Armen. Ein solches Paket würde nicht mehr laufen können, bemerkte grinsend die Journalistin.

„Bloß kein weiteres Risiko eingehen“, sagte sich Mandy, rief per Handy ihren Chef an, um in kurzen Sätzen das Neueste diesem zu erzählen, er solle die Polizei unterrichten, sie möge vor allem lautlos hier eintreffen.

Unterdessen schlich Mandy ganz vorsichtig tiefer in den dunklen Wald, den sie ziemlich gut kannte, die letzten Wochen machten sich insofern bezahlt, schließlich wollte sie kein weiteres Risiko mehr eingehen. Der Schock über den Tod von Cleo saß äußerst tief, Tränen liefen ihr über beide Wangen, sie konnte sich kaum beruhigen. Der Gedanke, National Crid das bösartige Handwerk zu legen, hielt sie gerade noch aufrecht, nur zu gut, daß die beiden Journalistinnen sämtliche Rechercheinfos an einen sicheren Ort hinterlegt hatten.

Cleos Tod war daher vollkommen umsonst. Doch mit Logik oder gezielter Berechtigung hatten derartige Verbrechen ohnehin nichts zu tun. Irgendwelche Handlanger für schmutzige Jobs fanden sich wohl stets, weiße Westen wähnten sich in Sicherheit. Das verhinderten die beiden Journalistinnen trotzdem, selbst wenn eine ihr Leben dadurch verlor.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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