Fünfhundertdreiundzwanzig


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Haben Sie sich schon einmal überlegt, so richtig überlegt, ich meine gestapelt, alle Ihre Gedanken übereinandergelegt, da entsteht ein Stapel, der kann mächtig groß sein. Als ich anfing, das erste Mal zu stapeln, was ich übereinandergelegt habe, da kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Inzwischen kann ich aus den Fenstern nicht mehr heraussehen, aber wer braucht schon Fenster, die Stapel sind das Licht, das den Geist erhellt. Sowieso ist schlau sein im Dunkeln besser, das weiß ich. Da wird nämlich nichts mehr eingeblendet. Da ist alles überlegt.

Den ersten Stapel habe ich auf den Küchentisch stellen können. Da steht er noch. Ist praktisch, wegen dem Erinnern. Der steht da ganz allein, da wird nichts mehr draufgelegt, auch nicht mehr überlegt, das sind genau fünfhundertdreiundzwanzig Blätter. Da habe ich so lange überlegt und überlegt, das war ziemlich anstrengend, weil die Überlegungen alle auf dem Boden lagen. Hatte dann kaum mehr Platz. Gehen konnte ich nur auf Zehenspitzen. Weil, die Überlegungen durften sich nicht berühren, sie sollten unabhängig bleiben. Da bleiben auch die Fenster zu, wegen Durchzug und so. Und durcheinanderwirbeln. Wo ich doch alles so gut sortiert habe. Aber mit der fünfhundertdreiundzwanzigsten Überlegung hatte ich es geschafft. Und genau da war mir klar, der größte Fehler war, sie nebeneinander zu legen, die Überlegungen. Deshalb hat auch alles so lange gebraucht. Und gebraucht habe ich dann noch mal lange, die Überlegungen übereinanderzulegen, denn ich durfte ja nicht die Überlegung 137 auf die Überlegung 428 legen. Verstehen Sie?

Man darf da nicht durcheinanderkommen. Alles der Reihe nach. Und auch nicht umgekehrt. Das habe ich mal aus einer Laune heraus, die fünfhundertdreiundzwanzigste Überlegung ganz nach unten gelegt, damit ich die erste Überlegung noch mal überlegen hätte können. Das war vielleicht ein Fehler, sag ich Ihnen. Denn da mußte ich alle Überlegungen nochmal überlegen, weil es kam mir so vor, als ob ich falsch überlegt hätte. Aber es war alles richtig überlegt. Verstehen Sie, Sie dürfen nie von vorne wieder anfangen zu überlegen. Wenn Sie je das Gefühl haben, falsch überlegt zu haben, dann müssen Sie einen neuen Stapel beginnen, ganz neu. Von Anfang an bis fünfhundertdreiundzwanzig. Und wenn Sie dann bei der Fünfhundertdreiundzwanzig merken, daß Sie weiter überlegen wollen, dann müssen Sie wieder von eins anfangen.

Die Menschen wären heute alle viel schlauer, würden sie die Bücher aufeinanderstapeln. Aber was soll ich sagen, die stellen die Regale voll, Bibliotheken sind voll mit Büchern. Da stehen die Blätter senkrecht. Senkrecht! Kein Wunder, daß immer mehr Bücher überlegt werden müssen. So wird es nie Ruhe geben. Was meinen Sie, wie anstrengend ein Leben im Stehen ist. Deshalb überstehen die meisten die Überlegungen nicht. Im Stehen, Bücher stehen da! Nein, nein. Liegen, liegen müssen die Überlegungen. Das sagt doch schon das Wort. Ich würde sonst meine Überlegungen nicht überstehen. Verstehen Sie, überlegen Sie mal, was das heißt in Wirklichkeit. Jeder müßte, wenn er etwas, also ich erklär Ihnen das mal so. Wenn Sie sich nach einem langen Spaziergang ausruhen, dann müßten Sie, wenn Sie wieder aufstehen, auf allen Vieren krabbeln oder gar noch sabbern und sich nur seitwärts wälzen, weil Sie von vorne anfangen müßten zu gehen. Sie würden bei allen Dingen wieder bei null anfangen. So aber, wenn die Überlegungen hochgestapelt sind, akurat, brauchen Sie nicht die erste Überlegung nochmal überlegen, Sie legen einfach die anderen Überlegungen auf die fünfhundertdreiundzwanzigste Überlegung. Das ist richtig schlau, was!

Sehen Sie hier diese Überlegung hat, die habe ich bereits schon 520 Mal überlegt. Deshalb steht diese Reihe von Überlegungen so eng zusammen. Weil die Deckenhöhe. Also, ein Stapel bis zur Decke sind 45 Überlegungen von 523 Überlegungsblättern und das sind jetzt inzwischen elfeinhalb Stapel, soviel habe ich darüber schon überlegt.

„Luke!“ „Luke!“

„Ja, wir sind gleich fertig mit, ich erkläre gerade die Überlegungen!“

„Ich dachte, Sie heißen Dennis!“

Ursprünglich, bevor ich angefangen habe zu überlegen, hieß ich so. Das steht alles in den ersten fünfhundertdreiundzwanzig Blättern, die auf dem Küchentisch liegen. Ganz oben auf steht Luke, das bin ich jetzt.

„Müßte das nicht Luke heißen, also ohne e ausgesprochen?“

Nein, nein, Luke ist richtig, hört sich so an wie Glück, und das habe ich, finden Sie nicht auch? Ich habe so viel Gluck gehabt in meinem Leben, da konnte ich doch nicht weiter Dennis heißen. Denn das hört sich an wie: Denn ist. Aber nichts ist mehr mit Denn ist. Dennis t alles in Ordnung? Was meinen Sie, wie oft ich das gehört habe.

„Luke, ich finde du vereinnahmst unseren Gast zu lange!“

„Nein, ist schon in Ordnung, nur, nur Silke sagte, ihr Bruder hieße Dennis. Er wollte mir gerade erklären…“

„Jetzt kommen Sie erst mal runter. Der Kaffeetisch ist bereits gedeckt. Und passen Sie auf, ziehen Sie ihren Kopf ein, wenn Sie die Treppe herunterkommen.“

Ja, passen Sie auf, damit Sie sich an der Luke nicht stoßen, ich hab das fünfhundertdreiundzwanzig Mal erlebt. Verstehen Sie jetzt, warum ich: „Dennis t alles in Ordnung?“ auf die allererste Seite geschrieben habe?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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