Wohnungssuche ein Glücksspiel


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Wieder mal so weit, das Ränzel zu schnüren?

Samstags finden sich in vielen Regionalzeitungen nicht nur mehrere Extraseiten für Stellenausschreibungen, sondern auch etliche Seiten mit den Rubriken: Wohnung, Haus zu mieten, Wohnung, Haus zu kaufen oder Wohnung, Haus: Suche. Es gibt Gebiete, egal ob auf dem Lande oder in der Stadt, da bemühen sich, nicht übertrieben, Hunderte für eine Wohnung, weil der Wohnraum knapp ist. Die Wohnungsknappheit hat je nach Gebiet verschiedene Ursachen und betrifft nicht nur den deutschen Raum.

Wer also eine Wohnung, ein Haus kaufen oder mieten will, der kann je nach seinem Glück schnell fündig geworden sein oder seinem Unglück, nach wochen- oder monatelanger Suche wahrscheinlich Bücher füllen über die interessante, zermürbende aber auch erkenntnisgewinnende Zeit.

Wohnen, mittelhochdeutsch wonen, althochdeutsch wonēn, sich aufhalten, bleiben, wohnen; gewohnt sein. Andere Ausdrücke sind ansässig sein, hausen, residieren, einnisten, sich breitmachen, sich häuslich niederlassen.

Anhand der verschiedenen Ausdrücke läßt sich leicht erkennen, Wohnen erstreckt sich vom Hausen in einer Hütte bis zum Residieren in einem Palast. Die Begrifflichkeit „wohnen“ ist nicht einem festgelegten „so soll es sein“, „so soll es aussehen“ unterlegen, vielmehr nur eine Zustandsbeschreibung, wo man sich aufhält, wo man bleibt, wo man gewohnt ist, zu sein. Theoretisch wäre also, faktisch ist ein jeder Platz, den man ständig über einen längeren Zeitraum aufsucht, um sich dort aufzuhalten, eine Wohnung.

Noch nicht erwähnt, aber unverzichtbar in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen ist, daß „wohnen“ sprachverwandt ist mit „gewinnen“.

Gewinnen, nach etwas trachten, gernhaben, dann: Gefallen finden, zufrieden sein, sich gewöhnen. Althochdeutsch giwinnan, zu etwas gelangen; erlangen, althochdeutsch winnan, kämpfen, sich anstrengen; erlangen, ursprünglich, umherziehen; nach etwas suchen

Und tatsächlich scheint es für viele Menschen ein Gewinn zu sein, wenn sie nach anstrengendem Suchen in Zeitungen, im Internet, durch Beziehungen das Glück haben, eine Bleibe zu finden, und die eine absolute Vollkommenheit von Glück bedeutet, wenn die Wohnung auch noch den Ansprüchen, Vorstellungen entspricht. Werden deshalb gerne Feste veranstaltet, um die Einweihung der neuen Wohnung zu feiern?

Ob dies nun sprachwissenschaftlich bewiesen ist oder nicht, sei im Vorfeld dahingestellt, dennoch kann man davon ausgehen, daß wohl beide Wortbegriffe in etwa zeitgleich entstanden sind. Denn hier liegt ein ähnlicher Umstand vor, wie bei der Frage: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei?

Fast könnte man den Werbeslogan einer Möbelkette benützen, um diese Frage zu beantworten: Wohnst du noch oder lebst du schon? Egal, welche Vorstellungen uns vorliegen über das Leben der Vorfahren, ob wir sie als in Höhlen, in der Savanne hausende Menschen oder als umherziehende Nomaden vorstellen, es muß bei beiden Annahmen ein Vorher gegeben haben. Und bei diesem Vorher ist es sowohl richtig anzunehmen, sie sind ständig unterwegs gewesen und ständig an einem Platz geblieben. Also sie haben gekämpft, sich angestrengt, nach etwas getrachtet, einen Gefallen daran gefunden (gewinnen) und sie haben sich aufgehalten, sind geblieben (wohnen). Und das Ganze funktioniert auch umgekehrt, sie haben sich aufgehalten, sind geblieben (wohnen) und sie haben nach etwas gesucht, sich angestrengt, gekämpft, erlangt, etwas gern gehabt, Gefallen gefunden (gewinnen). Es sind beide Varianten möglich.

Gründe, warum der jetzige Platz nicht mehr genügt, nicht mehr passend ist, gab es nicht nur in früheren Zeiten, auch heute sind die Gründe, warum man den Standort wechselt, sicher so mannigfach wie die bekannten Sandkörner am Meer. Und was augenscheinlich sich ebenso nicht geändert hat, ist die Tatsache, daß man für eine neue Bleibe, ein Ort der Gewohnheit, etwas sucht, anstrengt, kämpft, Gefallen findet, sich gewöhnt, sich aufhält, bleibt.

Bis, ja, bis was? Bis es wieder mal soweit ist, das Ränzel zu schnüren und sich einen anderen Ort zu suchen, an dem man sich häuslich niederlassen kann.

Ach ja, der Spruch aus der Werbung, mit wohnen und leben und so.

Leben, althochdeutsch lebēn, ursprünglich, übrig bleiben (im Sinne von: Überleben nach einem Kampf). Synonyme für leben sind, existieren, vorhanden sein, angesiedelt sein, hausen, wohnen, sich aufhalten, residieren, sich erhalten, daheim sein, ein Dasein führen, sich häuslich niederlassen.

Falls Sie zurzeit in der langen Reihe der Wohnungssuchenden sind, egal welche Vorstellung Sie von ihrer nächsten Bleibe haben, und Sie haben jetzt die Zusage bekommen, diese Wohnung mieten, das Haus kaufen zu können, so sind Sie die Übriggebliebenen im Kampf um dieses Domizil, diesen Palast, diese Hütte, denn Sie haben einen Mietvertrag, einen Vertrag des Hauskaufs in der Tasche und können sich nun zufrieden zurücklehnen. Und leben.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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