Das Ende von was auch immer


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Den Roman zu Ende gelesen, den Film zu Ende gesehen, die Beziehung einer Partnerschaft ist zu Ende, die Reise ist zu Ende, das Gezänk der Nachbarn ist zu Ende, die Ferien sind zu Ende, das Leben ist zu Ende. Im Laufe eines Daseins gibt es die mannigfaltigsten Enden, aus, vorbei, Schluß, Punkt. Wobei natürlich „Ende“ nicht unbedingt bedeuten muß, daß ein schreckliches Ereignis vorliegt, wie zum Beispiel, es ist keine Schokolade mehr im Haus. Das Ende von Schmerzen, das Ende von Ungewißheit in jeglicher Form sind positive Erfahrungen vom Ende.

Das Ende, mittelhochdeutsch ende, althochdeutsch enti, äußerster räumlicher oder zeitlicher Punkt, ursprünglich, vor einem liegendes. Andere Begriffe sind, Abschluß, Exitus, Abgang, Finale, Beschluß, Schlußstrich.

In der ursprünglichen Aussage, vor einem Liegendes, kann nicht von einem wirklichen Ende gesprochen werden, so wie das Wort in der jetzigen Bedeutung angewandt wird, als absoluter Schlußpunkt, selbst der äußerste räumliche oder zeitliche Punkt erklärt kein wirkliches Ende.

Stellt sich hier eventuell die Frage, haben unsere Vorfahren bereits in der Wortfindung die Erklärung geliefert, daß es möglicherweise nie ein tatsächliches Ende geben wird? Woher nahmen sie dieses Wissen, und ist es wirklich unvorstellbar, das Ende. Das Ende von was auch immer?

Ist der Tod nicht das Ende des Lebens, ist die Tatsache, daß eine Sache nicht mehr vorhanden ist, nicht auch das Ende dieser Sache oder dieser Sachen? Ist der Weg nicht zu Ende, wenn man vor einer Schlucht steht, ist die Kraft nicht zu Ende, wenn man sich verausgabt hat, erschöpft ist?

Ja und nein! Der Tod ist zwar das Ende des Lebens für ein Wesen und für Pflanzen, dennoch ist das „gewesene Leben“ rein faktisch nicht nur in der Erinnerung der Nachfahren vorhanden, sondern als Substanz, als Materie in einer anderen Form, die selbst in ihrer „Auflösung“ in andere Stoffe, nicht als zu Ende betrachtet werden kann, denn selbst in minimalsten Bestandteilen ist ein Vorhandensein eben ein Vorhandensein und kein Ende.

Wenn die Schokolade aufgegessen, ist die Schokolade zwar nicht mehr sichtbar, aber sie ist dennoch vorhanden, auch sie weiterhin in einer anderen Form. Die Kluft, die sich an einer Schlucht auftut und ein Weiterkommen verhindert, ist de facto nicht wirklich ein Ende, da sie mit verschiedenen Arten von Hilfsmitteln überwunden werden kann.

Selbst das Szenario eines Weltuntergangs, also die Zerstörung der Erde, ist kein definitives Ende. Die Erde wird in ihren Bestandteilen sich in den Weiten des Weltalls auflösen. Und sollte das Weltall sich einem Ende zuneigen, so wird die Masse des Alls, selbst wenn es nur noch stofflich oder als Staubkorn vorhanden sein sollte, nicht ein reales Ende haben, sondern ist in einer anderen Materie vorhanden.

Bei dieser ganzen Aufzählung ist zu erkennen, daß ein Abschnitt, eine Epoche, ein Ausschnitt, die Begriffe sind, die als beendet angesehen werden können. Da aber Abschnitte, Ausschnitte, Epochen, Teile eines Ganzen sind, die wiederum nur in andere Formen von Substanzen oder Zeitberechnungen übergehen, besaßen oder vertraten unsere Vorfahren bereits ein Wissen, daß sie uns mittels der Sprache weitergereicht haben.

Das vor uns Liegende ist nicht das Ende, sondern entweder das neu zu Erkennende oder das Altbewährte, je nachdem von welchem Standpunkt, Sichtweise das Ende betrachtet wird.

Der äußerste räumliche oder zeitlicher Punkt ist nicht das Ende, sondern die Fähigkeit bis an den Rand des Horizonts (möglichweise darüber hinaus) zu sehen oder den Rand einer Zeitbemessung (möglicherweise die Ewigkeit) zu erkennen.

Der Text ist nun zu Ende, Schluß, aus, fertig, vorbei. Möglicherweise fließt der Inhalt des Textes in anderen Gedankensphären zu Ihnen, dem Leser, zu den vorliegenden äußersten, räumlichen oder zeitlichen gedanklichen Erfahrungspunkten.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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4 Antworten zu Das Ende von was auch immer

  1. gkazakou schreibt:

    das ist eine tröstliche Sicht auf das Ende, das immer auch ein Anfang ist. Mir kam das Wort „verenden“ in den Sinn. Zu dumm.

    Gefällt 2 Personen

  2. quittenbluete schreibt:

    Oh, das klingt nicht gut. Aus eigener Erfahrung kann ich nachvollziehen, wie schwer so eine Situation ist. Drücke ganz fest die Daumen, daß er die OP gut übersteht und ihr beide noch viele gemeinsame Erinnerungen sammeln könnt. LG Doris

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