Nein, Mama


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flickr.com/ Nick Bastian Tempe, AZ/ (CC BY-ND 2.0)

Janine, 28, blond, nicht verheiratet, bei den Eltern lebend, Studium BWL, halbherzig, noch immer nicht wissend, was sie wirklich interessieren könnte. Jane, wie sie von Freunden gerufen wird, rot gefärbte Haare, fast orange, mittellang, schlendert durch die Fußgängerzone einer x-beliebigen Kleinstadt in Deutschland.

Rechts und links dieser Straße sind Modegeschäfte von exquisiten Modelabels, weniger exquisiten Modelabels, No-Name-Modelabels, Hauptsache Modelabel. Dazwischen Coffee-Shops unter amerikanischen Besitz, bekannte, weniger bekannte Bäckereien, auch mit Coffee-To-Go-Angeboten von Bäckereifilialen, aus der näheren und aus deutschlandweiten Filialketten. Zwei Spielhallen, drei Schuhgeschäfte, in denen man immer ein Paar Schuhe umsonst bekommt, wenn man drei Paar Schuhe kauft, ach ja, drei Pizzerien, eine davon von der oberen Preisklasse. Auf dem kleinen Platz zwischen der Fußgängerzone, die von Süden sich über vier Straßenzüge Richtung Norden zieht und an der Straße des kleinen Flußes endet, verkaufen zwei Imbissbuden Kebab und Würstchen.

Sie ist verabredet mit Yannick und Dörte in der Pizzeria der oberen Preisklasse, weil dort nicht nur Pizzen angeboten werden, sondern auch viele andere Gerichte, und man kann auf einer kleinen Terrasse sitzen, dem Treiben auf dem Fluß zusehen, ab und an tuckert zwischen Frühling und Herbst ein Touristenschiff vorbei, dazwischen verirrt sich schon mal ein privates Boot, vor allen Dingen an den Wochenenden. Manchmal hat man zudem das Glück, Kanuten zuzusehen, die in schnellen Zügen den Fluß abwärts fahren. Auf diesem Streckenabschnitt verirren sich nicht so oft Schwäne, Enten, Tauben, will man diese zu Gesicht bekommen oder wenigstens die, die diese Tiere füttern, muß man etwa 800 Meter nach Ende der Fußgängerzone rechts gehen, bis man an die Brücke kommt, die den Ort verbindet. Dort unter der Brücke ist das Ufer an großen Flächen versandet, der ideale Platz, um bis runter zum Fluß zu gelangen, aber man kann die Tiere auch von der Mauer, die den Fluß auf der ganzen Länge des Städtchens auf beiden Uferseiten umschließt, füttern, beobachten.

Yannick und Dörte verbringen öfters die Woche über ihre Mittagspause bei Giulio, sie arbeiten zusammen bei Henderson GmbH &Co KG, Hausverwaltung von Großprojekten, in der Buchhaltung, haben sie sich dort kennengelernt, sind aber nur Freunde. Nur Freunde behaupten sie, Jane bezweifelt das. Yannick ist ihr alter Schulfreund, sogar seit Kindergartentagen, sie sind wirklich nur Freunde, eher wie Bruder und Schwester.

„Der merkt einfach nicht, daß sie ihn anhimmelt. Und sie traut sich nicht, den ersten Schritt zu tun. Habe so oft schon versucht zu vermitteln, Anstöße gegeben, mit ihm alleine gesprochen, mit ihr. Die sind irgendwie beide verklemmt, wenn es um ihre Freundschaft geht. Die machen sich beide was vor. Oder wollen mich auf den Arm nehmen?“

Jane hat wieder mal die Laune von „alles egal“, uninteressant. Ihre Mutter würde inzwischen sogar nichts mehr dagegen haben, wenn sie das Studium abbrechen würde, den Vater würde sie schon überzeugt kriegen. Ach, Mutter! Und was soll ich dann machen? Die Straße kehren! Dann machst du erstmal Urlaub, ich klär das schon mit Papa. Nein, Mama!

„Nein, Mama!“ sagt sie laut vor sich hin. „Das würde ich auch sagen!“ In ihrem Blickfeld taucht ein in Anzug und Krawatte gekleideter, geschätzte 45, sonnengebräunter Mann auf, der wie aus heiterem Himmel fast vor ihr steht. Sie sieht im direkt in die Augen, er zwinkert und lächelt mit einem schneeweißen Gebiß zurück wie in den amerikanischen Filmen, in denen die 100-Jährigen noch die Zähne aus ihrer Pubertätsphase besitzen.

„Wie, wie bitte?“ „Das würde ich auch sagen, nein, Mama!“ „Aha, wie kommen Sie auf nein, Mama?“ „Nicht ich, Sie, Sie sagten, nein, Mama!“ „Ich? Das habe ich gar nicht gemerkt!“

Janes Gesicht überzieht eine leichte Röte, sie nickt geistesabwesend, stammelt „Entschuldigung“, greift nach dem Smartphone in ihrer Jackentasche, eigentlich nur, um irgendetwas zu tun und versucht, schnellen Schrittes zum Giulio zu gelangen, wobei es ihr vorkommt, als würde sie plötzlich auf moorigem Boden gehen, denn anscheinend kommt sie nicht vom Fleck. Einen kurzen Blick zurück wagt sie, trotz ihrer Bemühung schnell den Standort zu wechseln. Der Anzugträger ist nirgends zu sehen, Fata Morgana am Mittag, sah gar nicht so übel aus, der Typ, viel zu alt, zu hübsch, sicher verheiratet, oder er hat tausende Freundinnen, mal hier mal da. Ein Casanova erster Klasse, so geschniegelt wie der rumläuft! Hey, nicht mit mir, so eine Anmache. Nein, Mama!

„Wie siehst du denn aus, bist du auf der Flucht!“ „Wieso?“ „Du wirkst so abgehetzt, als ob gleich eine Feuerwalze hinter dir ausbricht!“ „Nö, nö, alles in Ordnung! Wartet ihr schon lange?“ „Nein, haben gerade die Getränke bestellt, sind ein bißchen später aus dem Büro rausgekommen, weil wir noch in einer Konferenz festsaßen und…“

Yannick steht auf, Jane denkt, er will mir seinen Platz anbieten, damit ich neben Dörte sitzen kann, diese zwei Freundschaftslügner, nur Freunde, Mensch, seid doch mal ehrlich, ich weiß doch, daß es dauernd zwischen euch funkt, nicht hinter mir brennt eine Feuerwalze, zwischen euch, da streckt Yannick seine Hand aus, wie zu einer Aufforderung oder einem Handschlag, als sie hinter sich eine vertraute, eben erst gehörte Stimme hört: „Nein, Mama!“

„Hallo Omar, was soll das heißen, nein, Mama?“ „Ach, das ist so eine Redewendung, um Leute kennen zu lernen, so wie hey, Mann, wie geht’s, oder so, kennt ihr die noch nicht? Ist die neueste Begrüßungsformel, unverbindlich, bedeutet in etwa, ich bin cool, kann schon alleine entscheiden, oder so.“

Yannick und Dörte lachen, Janes Gesicht gleicht inzwischen ihrer rot-orangenen Haarfarbe, und als sie sich umdreht, nimmt ihre Gesichtsfarbe für einen kurzen Augenblick den Farbton von cremeweißer Wandfarbe an, um sich danach in ein leicht gesprenkeltes Altrosa zu verwandeln, ähnlich den Modellen auf den Bildern der großen Maler des Mittelalters.

„Jane, das ist Omar, unser neuer Abteilungsleiter. Omar, das ist Jane!“, hört Jane Dörte sagen, sie spricht wie aus einem gedämpften Tunnel heraus. Jane schüttelt den Kopf, nicht das letzte Mal während des Essens mit ihren Freunden und auch in den kommenden Wochen und Monaten.

Omar liebt es, dieses „nein, Mama“ bei sämtlichen Gelegenheiten zum Besten zu geben, so daß Jane sich des Gedanken öfters nicht erwehren kann, er liebe diesen Ausdruck mehr als sie, besonders wenn Omar sich zu seiner Tochter runterbeugt, ihr einen sanften Kuß gibt und ihr zuflüstert: „Keine Sorge, nein, Mama, wir lassen beide Mama nie mehr alleine durchs Leben gehen!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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