Zwischen den Zeilen


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Auf dem kleinen runden Bistrotisch, so nennt man diese kleine Tische wohl, auf denen mit aller größer Mühe vier Kaffeetassen mit Unterteller, vier Kuchenteller, eine kleine Speisekarte in einer Steckvorrichtung, möglicherweise ein Aschenbecher oder eine schmale Blumenvase Platz haben, saßen sie nun. Es gab einen roten Aschenbecher, eine rote Vase, in der eine Kunstblume steckte. Weiß war sie. Die Kunstblume. Ihr Aussehen eine Mischung aus Margerite und Nelke. Zwischen den Margeritenblütenblättern formten sich leicht gepreßte oder eher verknitterte Nelkenblütenblätter hervor. Oder umgekehrt, zwischen den gequetschten Nelkenblütenblättern steckten Margeritenblütenblätter.

Da saßen sie nun. Vor ihnen ein Cappuccino und ein Michkaffee. Er Milchkaffee, sie Cappuccino. Ich habe es anscheinend verpaßt, jedenfalls kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob sie sich, seit ich sie bemerkte, angesehen haben, als sie die kleine Terrasse, die auf Holzbalken vor dem Restaurant, Café aufgebaut war, betreten haben. Beide haben zielstrebig den Tisch neben den Blumenkübeln ausgesucht, sich gesetzt, die Bedienung kam, sie bestellten, ohne in die Karte zu sehen. Sie kramte in ihrer Handtasche, er beobachtete den See. Auf dem See war nur Wasser, in dem See war nur Wasser. Es war warm. Nicht schwül, nicht heiß.

Sie trug ein Sommerkleid, er kurze Shorts, T-Shirt. Man hörte die Geräusche vom etwas entfernten Marktplatz, Stimmen, Verkehrslärm von der Umgehungsstraße, die hinter dem Restaurant vorbeiführte. Wir hatten Frühling. Es war Dienstag. Sie hörte auf, in ihrer Handtasche zu kramen. Er sah sie an, lange. Sie hielt dem Blick stand. Sie zog ihre Schuhe aus, strich mit ihren Füßen an seinen Waden lang. Keine Miene verzogen sie beide. Ihre Gesichter blieben fast starr. Sein Blick schweifte für einen kurzen Augenblick in Richtung Marktplatz.

Sie stand auf, betrat das Restaurant, kam wieder zurück. Hinter ihr die Bedienung mit zwei Weinbrandgläsern. Sie schwenkten die nach dünnen Schwarztee aussehende Flüssigkeit in den bauchförmigen Gläsern, lange, ziemlich lange, bevor sie den Weinbrand in einem Zug austranken.

Das Telefon klingelte. Das Telefon. Oh, jetzt nicht. Chiara. Chiara!

„Ey, hey, Chiara! – nach dem Kino bei Randis! – Weiß nicht, schreibe gerade an meinem Roman weiter. Ja, der Lovestory-Krimi. – Die ganze Clique wird da sein. –Wer?- Der Maler, der bei Susie ausstellt. – Ist das der Australier, dieser braungebrannte Bartmensch?- Okay, wann? – So gegen elf. Bis dann!“

„Schön dich zu sehen!“

Chiara umarmte mich, Küßchen links, Küßchen rechts. Sie schien wieder mal, in ihrem Element zu sein. Sie liebte es, wenn alle ihre Freunde und Bekannten um sie herum feierten. Chiara, das wuselige Wiesel.

Randis war voll, so voll, daß kaum ein DIN-A4-Blatt zwischen die vielen Menschenleiber paßte. Die Clique saß an dem einzigen runden Tisch, in der Nähe der kleinen Tanzfläche, die Musik war laut, der Gesprächskegel allerdings lauter.

„Und wie war der Film?“

„Oh, wir sind gar nicht im Kino gewesen. Wir sind direkt nach der Ausstellung essen gegangen und anschließend hierher.“

„Wo ist Susie abgeblieben?“

„Susie, die sitzt mit Jeff, dem Maler, doch dort drüben!“

„Na, glücklich sieht sie aber nicht aus.“

„Findest du?“

An dem kleinen Bistrotisch vor der Theke, da saßen sie. Vor ihnen ein Bier und ein Weinglas. Er Bier, sie Wein. Sie kramte in ihrer Handtasche, er beobachtete das Treiben auf der Tanzfläche. Menschen auf der Tanzfläche, Körper an Körper. Es war heiß. Nicht schwül, nicht warm. Sie trug ein Sommerkleid, er kurze Shorts, T-Shirt.

Sie hörte auf, in ihrer Handtasche zu kramen. Er sah sie an, lange. Sie hielt dem Blick stand. Sie zog ihre Schuhe aus, strich mit ihren Füßen an seinen Waden lang. Keine Miene verzogen sie beide. Ihre Gesichter blieben fast starr. Sein Blick schweifte für einen kurzen Augenblick in Richtung Eingang.

Sie stand auf, ging zur Theke, kam wieder zurück. Hinter ihr die Bedienung mit zwei Weinbrandgläsern. Sie schwenkten die nach dünnen Schwarztee aussehende Flüssigkeit in den bauchförmigen Gläsern, lange, ziemlich lange, bevor sie den Weinbrand in einem Zug austranken.

Ich fuhr zusammen, als Micha, Susies Mann, mit seinem festen Schlag mir auf die Schulter klopfte.

„Netter Anblick, was! Aber nicht mehr lange, dieses Flittchen!“

Schon knallten Schüsse. Obwohl ich laut schrie: „Die beiden sind doch nur ein unbeteiligtes Ehepaar, die Bedienung ist das Flittchen, das sich mit ihrem Chef amüsiert!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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