Gewonnen. Punkt!


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flickr.com/ keichwa/ (CC BY-SA 2.0)

„Er griff gerade nach dem letzten Stück Schokolade, als…“

„Simone, sieh in dein eigenes Heft.“

„Er griff gerade nach dem letzten Stück Schokolade, Komma, als Hanna mit gerötetem Gesicht und zerzausten Haaren in die Küche stürmte. Punkt.“

„Er griff gerade nach dem letzten Stück Schokolade, Komma, als Hanna…“

Dem Fitzl wäre jetzt die Hand ausgerutscht, hätte ohne Vorwarnung hinter sie getreten und mit Wucht auf ihren Hinterkopf geschlagen. Wäre sie eine seiner Lieblinge oder wie die Liesel, die Bürgermeistertochter, ein Kind aus gutem Hause, hätte er sanft an den Ohrläppchen gezogen, im Gegensatz zum Johannes, der regelmäßig von ihm Schläge bekam, selbst als der schon am Boden lag. Geschlagen, gezogen, geworfen hat der Fitzl in jeder Schulstunde, alle wußten das. Keiner hat etwas dagegen unternommen, er war halt so. Selbst als der Hubertus Brandblasen auf der rechten Handfläche hatte, weil der Fitzl ihm die Hand auf den Kohleofen hielt, da er sich durch sein Husten gestört fühlte und zum Doktor mußte, die wunden Stellen nicht verheilen wollten, hat keiner im Dorf sich gegen Fitzl gestellt. Herr Konrad von Fitzstetten. Guten Morgen Herr von Fitzstetten! Wir alle im Chor! Danach durften wir uns setzen und wehe einer von uns war zu schnell und die Bank oder der Holzboden knarrte, dann durften wir alle die Zeremonie wiederholen, bis wir akurat gleichzeitig saßen.

„Er griff gerade nach dem letzten Stück Schokolade, Komma, als Hanna mit gerötetem Gesicht und zerzausten Haaren in die Küche stürmte. Punkt. Sie warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in seine Arme, Komma. Sie warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in seine Arme, Komma.“

„Julian, ich habe dein Handzeichen gesehen, aber wir schreiben ein Diktat und diskutieren nicht.“

„Ich, ich, meine Patrone ist alle.“ „Dann benütze einen Bleistift.“ „Ich habe mein Mäppchen vergessen.“ „Aha!“ „Der Füller ist vom Dominique, der hat zwei, einen mit breiter Mine und einen mit feiner Mine und ich hab…“ „Wer kann Julian einen Bleistift leihen?“ „Okay, das war jetzt lustig! Und jetzt geht´s ernst weiter. Sie warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in seine Arme, Komma.“

Der Johannes ist nach der sechsten Klasse spurlos verschwunden. Seine Mutter hat wochenlang geflennt und ist dauernd durchs Dorf und zum Pfarrer gelaufen. Sein Vater hat jedem erzählt, wieviel Prügel Johannes bekommt, wenn er wieder auftaucht. Aber er ist nicht mehr aufgetaucht, solange er noch gelebt hat. Nach über zehn, oder waren es zwölf Jahre, fuhr er mit einem grünen Mercedes hupend durch sämtliche Dorfstraßen, bis das ganze Dorf auf den Beinen war. Dann stieg er vor dem Elternhaus aus, als gemachter Mann. Hat sich ein paar Jahre auf See verdingt und bei einem Landgang in Hamburg seine Frau kennengelernt. Sein Schwiegervater war gegen die Verbindung, aber da war der Johannes schon nicht nur der Liebling seiner Tochter, sondern auch seiner Frau. Was der jetzt wohl treibt? Hat jedenfalls, soweit ich weiß, später sogar die Firma vergrößert und Überseehandel betrieben.

„Sie warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in seine Arme, Komma, brüllte, Komma, bis fast sein Trommelfell platzte in sein Ohr, gewonnen. Punkt,brüllte, Komma, bis fast sein Trommelfell platzte in sein Ohr, gewonnen. Punkt.“

„Alexandra, das mit dem Flüstern üben wir noch ein bißchen, …brüllte, Komma, bis fast…“

„Herr Brand, ich muß mal!“ „Alexandra, falls du es nicht weißt, wir schreiben gerade ein Diktat und da…“

„Ich muß aber ganz dringend!“ „Dann gib dein Heft ab und warte vor dem Klassenzimmer!“

„Habt ihr euch wieder beruhigt? Till, Bastian, ihr habt nichts davon, wenn ihr von euch abschreibt!“

„Also, …brüllte, Komma, bis fast sein Trommelfell platzte in sein Ohr, gewonnen. Punkt. “

„Muß ich jetzt das „also“ auch schreiben?“

„Nein, Jenny, natürlich nicht!“

„Gewonnen? Fragezeichen. Ja, Komma, ich war die Schnellste von allen. Punkt.“

„Gewonnen? Fragezeichen. Ja, Komma, ich war die Schnellste von allen. Punkt.“

Ich war auch der Schnellste, allerdings im Wegrennen, als der Hubertus auf der Herbstkirmes, völlig betrunken, Fitzl aus heiterem Himmel ins Gesicht schlug. Er war nicht mehr zu bremsen, als Fitzl nach hinten fiel, schlug er nochmal zu und nochmal und nochmal. Vier Mann mußten ihn von Fitzl wegziehen. Jede Hilfe kam zu spät, Fitzl hatte sich das Genick gebrochen, durch den Sturz nach hinten, die Schlagverletzungen im Gesicht waren nicht die Todesursache. Der Sepp, Hubertus, Meinrad und ich hatten seit nachmittags im Zelt getrunken. Hubertus hatte immer wieder Schmerzen in seiner rechten Hand, den kleinen Finger und den Ringfinger konnte er seit dem Vorfall damals nicht mehr richtig bewegen, die Haut war an dieser Stelle gespannt, diese Finger waren für immer gekrümmt, deshalb sollte sein jüngerer Bruder die Schreinerei übernehmen. Wir haben uns richtig in Wut geredet über die ganzen Schandtaten von dem Fitzl, und als Hubertus ihn da sitzen sah, neben dem Bürgermeister, selbstgefällig grinsend, da ist ihm wohl die Sicherung durchgebrannt. Nach dem ersten Schlag haben Meinrad und ich ihn wegziehen wollen, aber Hubertus war zu stark, und als dann der Sepp schrie, der ist tot, da bin ich nur noch gerannt. Hubertus ist wegen Totschlags verurteilt worden, er hat sich aufgehängt, einen Tag nach dem Urteil.

„Hanna nahm ihm die Schokolade aus der Hand, Komma, steckte sie genüßlich in ihren Mund und… Hanna nahm ihm die Schokolade aus der Hand, Komma, steckte sie genüßlich in ihren Mund und…“

„Und Schluß für heute, Jenny, Julian, ihr sammelt die Hefte ein. Chantal, hol Alexandra.“

„Die Geschichte ist aber nicht zu Ende, oder?“

„Ja, das stimmt, sie ist nicht zu Ende, ich lese euch morgen den Rest vor. Jetzt bekommt Alexandra die Chance, die letzten beiden Sätze noch fertig zu schreiben, und ihr geht leise schon mal in die Pause.“

Die Geschichte ist zu Ende, und sie darf sich nicht wiederholen.

„Alexandra, bis hierhin hattest du mitgeschrieben, oder? …brüllte, Komma, bis fast sein Trommelfell platzte in sein Ohr, gewonnen. Punkt.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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