Das zweite Gesicht


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Ist das aber heute wieder so voll! Und der Geruch dieser vielen Menschen. Abgestanden und schal. Ein jeder trägt den Mief von einem ganzen schäbigen Arbeitstag mit sich herum und verpestet die Luft in diesem kleinen Abteil. – Wie ich das hasse! Es ist, als würde mich der Gestank an der Kehle packen und versuchen, mich zu erwürgen. Hach, das ist wirklich die Krönung eines so scheußlichen Tages wie heute. Jeden Tag wird es schlimmer auf dieser Welt. Es ist bald nicht mehr zum Aushalten!

Mein Boß hatte heute auch nicht gerade die allerbeste Laune, und wenn ich nur an meine Kollegen denke. Solche Ignoranten, die wissen auch nicht, wo die Grenze ist. Aber hetzen, ja hetzen können sie ganz gut. Als wenn ich nicht schon mein bestes bringen würde… und überhaupt, warum soll ich mich denn so reinhängen. Bringt doch eh nichts mehr in dieser heutigen Zeit.

Au! Was für ein Idiot, kann der denn nicht aufpassen, wohin er da tritt?! Kommt sich wohl besonders stark vor, so groß und breitschuldrig wie er ist. Kein Wunder, daß da die Welt vor die Hunde geht. Haben anscheinend keine Augen mehr im Kopf, diese jungen Leute!

Oh, nein. Da hinten ist schon wieder so ein Irrer, der nicht weiß, was sich gehört. Sollte gefälligst seine Meinung für sich behalten. Interessiert sowieso kein Schwein. Und deinen Sitznachbarn auch nicht. Sieht man ihm doch an. – Moment mal, schaut der mich etwa an?! Was soll der Blödsinn! – Starr gefälligst jemand anderes an, hab mit mir genug zu tun. Und außerdem, was geht mich das Ganze an, he?! – Ein jeder ist sich selbst der Nächste.

Muß mich dieser Blödian von Angsthase denn weiter so komisch anstieren? – Wo ist nur die Zeitung. Ah, hier. Mal sehen, was da so alles steht… oh mein Horoskop: Machen Sie sich auf eine Überraschung gefaßt. Der Schein trügt, folgen Sie Ihrem wahren Gefühl. – Die Zukunft hält postive Eigenschaften für Sie bereit. Noch so´n Quatsch! – Ach, endlich. Da ist meine Haltestelle, Gott sei dank…

Am nächsten Morgen

Ah, der Schlaf hat gut getan. Auch wenn ich diesmal sehr unruhig geschlafen hab. Muß wohl am Vollmond gelegen haben. Scheiß drauf, der heutige Tag wird sowieso genauso scheußlich sein wie der davor. Wenn nicht noch scheußlicher als gestern! – Hach, Kaffeesatz in der Tasse – die Filtertüte ist wohl schon wieder gerissen.

Aber, was… was suchen die Farben, die Formen so plötzlich darin? Sieht ja aus wie ein Gesicht. Wie ein scheußlich grinsendes Gesicht. Mir wird so eigenartig! – Was geschieht mit mir? Ich trete ja aus mir heraus, hinein in eine stickige Dunkelheit. Oh, dieser Geruch. Dieser abgestandene und schale Geruch. Er greift mir an die Kehle und würgt mich. Wie wird mir… so schwindlig. Es erfaßt mich und reißt mich in eine Tiefe hinab.

O nein, wo… bin… ich denn jetzt?! Es wird plötzlich so hell, …nein… fleckig. Dunkle Konturen tauchen mich hinein in ein Licht. Neonweiß und kalt. Huch, wie komm ich hierher?! Ist das denn die Möglichkeit?! Das ist ja… dieses gräßliche Abteil von gestern Abend.

Da… ist ja schon wieder dieses abstoßende Gesicht aus meiner Kaffeetasse. Und es kommt näher und näher. Verschwinde, los verzieh dich! Ich will mit dir nichts zu tun haben. Komm mir nur nicht näher. Was willst du nur von mir? – Hab doch gar nichts getan. Wirklich nichts!! – Laß deine dreckigen Finger von mir! Hilfe, zu Hilfe, hört mich denn keiner hier? Man bedrängt mich! – Das müßt ihr doch alle sehn! Schaut doch her – seid ihr etwa blind und taub?!

Ignoranten, habt wohl Tomaten auf den Augen und Petersilie in den Ohren? So helft mir doch endlich. Dieser freche Kerl. Der… der will mir an die Wäsche! – Ach, so ist es. Ihr wollt nichts damit zu tun haben, ihr Feiglinge. Ja, schaut nur weg, könnte euch ja jemand ans Bein pinkeln.

Und was ist mit dir, du dort an der Ecke, du hast doch alles genau gesehen. Warum tust du nichts? – Ja, du! Du weißt genau, daß ich dich ansehe. Oh, nein. Genauso ein feiges Schwein, versteckt sich hinter der Zeitung! Du Elender, läßt mich auch einfach im Stich. Egoist du! Hirn hast du nicht mal für einen Pfennig, sonst wüßtest du, was zu tun ist.

Ah, endlich. Er hat die Zeitung weggelegt und kommt näher. Aber, aber… ist so etwas denn möglich? Der… der schaut ja genauso aus wie ich! – Nein, nein das kann nicht sein. Unmöglich!

Hilfe, ich falle, falle immer tiefer… nein, falsch! Es ist die Tasse. Sie fällt aus meiner Hand. Nein, sie springt geradezu aus meiner Hand. Braune Brühe tropft nun an meinem Glastisch herunter. Malt Wege, viele Wege. Sie laufen alle in Zickzacklinien. Sie haben alle unterschiedliche Richtungen eingeschlagen und dennoch, sie laufen einem Ziel entgegen. Und ich, ich bin mittendrin.

Andrea Dejon

Kategorie: Satire

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