Soziale Systeme in Abhängigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen


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Zwänge, Isolation oder Führung – was verbirgt sich in Gruppendynamiken?

Ohne die Hilfe seinesgleichen vermag der Mensch nicht im geringsten überleben, da von Geburt an ein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Durchaus kann eine soziale Isolation später eintreten, aber zunächst benötigen wir unsere Entwicklung zum lebensfähigen Sein zusammen mit all jenen, die uns dorthin führen.

Bleibt menschlicher Beistand während unserer ersten Lebensjahre vom Baby zum Kind und Jugendlichen aus, würden wir tierähnlich vor uns hin vegetieren, ohne Sprachgebrauch und kulturell menschlichen Verhaltens. Mitarbeiter in psychiatrischen Anstalten oder ähnlichen Einrichtungen wissen, daß es leider ziemlich alle Formen der Verwahrlosung gibt, die Menschen einander antun können. Daß dadurch unterschiedliche Handicaps während der Entwicklung entstehen, liegt auf der Hand.

Gruppenstrukturen beeinflussen uns bishin zur Isolation

Die Kleinfamilie, wie Eltern und ihr Kind, bildet bereits eine Gruppe. Es sind Gruppen, die uns Menschen ein Leben lang begleiten. Sei es im Kindergarten, in der Schule, beim Arbeitsplatz, beim Sport, in unserer Freizeit im Bekannten- und Freundeskreis, Gruppen geben uns somit genügend Halt, auch um unser Selbstwertgefühl zu bestätigen, wir fühlen uns sicher und aufgehoben, vorausgesetzt, es gibt keine tragischen Differenzen.

Darin begründet sich die Feststellung einer gewissen Gruppenstruktur, die in jeder Gruppe vorhanden ist. Wer sich in sehr vielen Gruppen „bewegt“, z.B. durch häufigen Klassenwechsel in der Schulzeit, der weiß, daß in jeder Gruppe stets die gleichen „Typen“ anzutreffen sind: der Außenseiter, der Clown, der Führer, der Intrigant, der Schöne, der Sündenbock und noch etliche andere Rollen. Eine gewisse Rangordnung findet stets statt, was die Interaktion der Gruppendynamik beeinflußt, je nachdem, wie homogen sich ihre Mitglieder untereinander verhalten. Friedhelm Neidhardt definiert Gruppe soziologisch wie folgt: „Gruppe ist ein soziales System, dessen Sinnzusammenhang unmittelbar durch diffuse Mitgliederbeziehungen sowie durch relative Dauerhaftigkeit bestimmt ist.“

Was geschieht mit Menschen, die sich von bestehenden Gruppen lösen, eben für sich entscheiden, lieber allein zu sein, da auf lange Dauer zur Vereinsamung führen kann? Hierbei sollten wir nicht unterschätzen, wie schnell ein Rückzug entsteht, ganz besonders dann, wenn der Einzelne dem Gruppenzwang sich nicht mehr aussetzen will. Selbst der scheinbar Schwächste in einer Gruppe bleibt ein Individuum. Genau das zeichnet uns Menschen aus. In diesem Zusammenhang sei an die Zunahme von Singles erinnert, die nicht nur mit einer Beziehungsunfähigkeit erklärt werden können, sondern ebenso ein Phänomen zunehmender Vereinsamung darstellen.

Wer führt Gruppen an?

Viele Menschen blicken ihren „Führern“ oder Alpha-Menschen entgegen, nicht immer bewußt und unbedingt nach außen sichtbar, aber in der praktischen Anwendung unbedingt. Während man den Alpha-Menschen grob zwischen Commander, Macher, Strategen und Visionär unterscheidet, sind es genau deren Eigenschaften, die sie ausmachen.

Der charismatisch, erfolgshungrige Commander betrachtet sich selbst als Einzelkämpfer, der durchaus Streitigkeiten schlichtet, dennoch dominant und einschüchternd wirkt, sogar Regeln nicht so genau befolgt. Der Macher, überfordert zwar sein Team, weil er überkritisch und ungeduldig zu viel erwartet, einerseits ein gutes Auge für Probleme hat, andererseits aber oft Mißfallen zum Ausdruck bringt und daher auch keine Anerkennung ausspricht.

Der datenorientierte, analytische Stratege als selbstgefälliger und sturer Besserwisser blickt kühl und somit emotionslos hinter das Offensichtliche, hat keinerlei Teamgeist und schafft es dennoch, abweichende Vorstellungen zu integrieren. Der vierte Alpha-Typ, der enorm kreative Visionär hingegen schafft es tollkühn, die Menschen von seinen Ideen zu begeistern, sie zu überzeugen, auch wenn er sogar die Wahrheit verdreht, inspiriert er einfach mit der Zukunftsperspektive. Dennoch blicken Gruppenmitglieder auf, wenn eines dieser Alpha-Menschen in Erscheinung tritt, sie delegiert.

Menschenführung zwischen Unterdrückung und individueller Freiheit

Greift somit das Prinzip der Menschenführung, weil Menschen vielleicht doch geführt werden müssen und geführt werden wollen? Das sollte uns nicht weiter in helle Aufregung versetzen, da es ständig um uns herum geschieht. Vom Familienoberhaupt, dem Klassenlehrer, dem Abteilungsleiter bis hinein in die Politik und leider auch in despotische Verhältnisse, Führungspersönlichkeiten begleiten alle Menschen weltweit überall.

Es kommt dabei nur darauf an, daß dies in einem humanen, vertretbaren Verhältnis geschieht. Diesen Idealfall gibt es genauso wie die vielen Mißstände. Und es liegt an uns selbst, in wie weit wir trotz Führung unser ureigenes Individuum bewahren oder eben zugunsten der Gruppe aufgeben. Lassen wir Unterdrückung und einen kollektiven Zwang erst gar nicht zu, die Ergebnisse solcher Handlungsweisen an Menschen füllen schon zu genüge die Geschichtsbücher.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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