Gerade zum Trotz


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Widerstände beim Heranwachsen oder Raubbau treiben?

Obwohl Ihnen das angebotene Produkt gefällt, wollen sie es trotzdem nicht kaufen. Der Grund für Ihre Entscheidung mag Ihnen bewußt sein oder es ist einfach ein Bauchgefühl, also ein unbestimmtes Argument, warum Sie es nicht kaufen möchten. Man könnte sagen, Sie trotzen sich selbst gegenüber.

Wenn Kleinkinder in der Trotzphase stecken, ist ihr Trotz genauso oft nachvollziehbar wie unerklärlich, da bis eben noch alles in Ordnung war. Der Trotz ist demnach selbst für Kinder nicht immer ausgelöst durch einen triftigen Grund, sondern geschieht eben auch des Trotzens willen. Man ist trotzig, trotzdem es keinen Grund gibt. Scheinbar. Denn oft erklärt sich der Trotz, weil man trotzt.

Trotzen, herausfordern zum Kampfe, Widerstand leisten, selbstbewußt, stolz sein. Die Herkunft des Wortes läßt sich nicht genau bezeichnen. In den mitteldeutschen Gebieten wird trotzen überliefert als trotzen, trutzen, tratzen und nahmen wohl von dort den Weg in die niederländische und die nordischen Sprachen. Im Bereich des Ruhrgebietes war „trotzen“ auch „Raubbau treiben“, der Begriff stammt aus dem Bergbau und Hüttenwesen und bezog sich auf Eigentümer, die das ausgehende der Flötze abbauten, also mehr oder weniger die letzten Reste noch abbauten.

Andere Begriffe für trotzen sind sich auflehnen, die Stirn bieten, entgegenwirken, opponieren, rebellieren, aufmucken, meutern, sich zur Wehr setzen, auf die Barrikaden gehen, Widerspruch erheben.

Aus dem Geschichtsunterricht vielleicht noch in Erinnerung die als Trutzburgen bezeichneten Anlagen. Die Trutzburgen sollten dem Begriff nach als wehrhaft und uneinnehmbar für Angriffe gewappnet sein. Wobei nicht jede Trutzburg gleichzeitig ständig „bewohnt“ war. Es gibt verschiedene Auslegungen für diese Art der Burgen, mal waren es rein strategische Bauten, die in der Nähe von zu erobernden Burgen erbaut wurden. Sie waren Rückzugspunkte, dienten als Waffennachschub, verhinderten durch Wegsperren eine Flucht und ermöglichten das Anbringen von Wurfgeschossen in möglichster Nähe zur feindlichen Burg. Anderseits waren diese Burgen auch Bauten auf Fremdgebiet, um deren Expansion zu verhindern. Seit dem Spätmittelalter sind diese Burgbauten bezeugt, und viele dieser Burganlagen bestanden aus Holz und befanden sich meist oberhalb der Zielburg, die es zu erobern galt.

Vielleicht ist trotzen im weitesten Sinne mit einer Nachlese zu vergleichen. Arme Menschen durften nach der Kartoffelernte über die Äcker ziehen, um die letzten Kartoffeln auszubuddeln. Oder möglicherweise vergleichbar mit, die letzten Reste noch zu verwerten, obwohl eigentlich keine mehr übrig sind. In der Bergmannsprache bedeutet „ausrauben“ die Betriebsmittel, aber auch den Ausbau aus einem aufgegebenen Grubenbau entfernen. (trotzen, Raubbau treiben)

In der deutschen Sprache gibt es einige Wörter, die heute nicht mehr häufig im Sprachgebrauch vorkommen, sich in ihrem Ausdruck auf Trotz beziehen. Trotzfeder, Feder auf dem Hut rauflustiger Burschen, Trotzfeste, Stätte des Widerstandes, Trotzgesang, Spott- und Scherzlied, Trutzgesicht, „die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht“ (Wilhelm Schäfer), Trotzgott, Bezeichnung für den Turm zu Babel, trotzhaft, hochfahrend, Trotzhut, Prahler, Aufschneider, Trotzkrieg, Angriffskrieg, trotzmütiglich, unerschrocken, kühn, Trotzwaffe, Angriffswaffe, Trotzwinkel, und natürlich nicht zu vergessen Trotzkopf, eigensinniger, halsstarriger Mensch oder Haltung.

Dies ist nur eine Auswahl, zeigt aber deutlich, daß unsere Altvorderen sich wohl intensiv mit diesem Wort, Begriff und dessen Aussage beschäftigt haben oder anders ausgedrückt, sie haben trotzig das Wort ausgeraubt, getrotzt. Scheinbar hat es ihnen gefallen, den Raubbau, den Widerstand in vielen Dingen, Angelegenheiten zu sehen und zu benennen. Möglicherweise war es der Beginn (seit dem Spätmittelalter) nicht nur in der Sprache sich zu wehren, zu rebellieren, aufzumucken, sondern auch in verschiedenen Lebensbereichen jemanden die Stirn zu zeigen, selbstbewußter zu werden?

Wie immer man es sehen oder interpretieren mag, trotzen kann das Gegenüber dazu verleiten, eine Zustimmung zu erteilen, die ohne die Beharrlichkeit, Sturheit, des sich zur Wehr Setzens nicht zustande gekommen wäre. Trotz ist demnach ein Mittel für eine erzwungene Einwilligung, ein Angriff auf die persönliche Einstellung.

Der Trotz der Kleinkinder, der Pubertierenden, unser eigener Trotz ist sowohl als auch ein Zeichen von Selbstbewußsein, ebenso die Fähigkeit der Zerstörung (Störung) des Selbstbewußtsein des Gegenübers.

Einige der Trutzburgen wurden nach Beendigung der Angriffe aufgegeben und der Natur überlassen, andere wurden als Lehensburg dem ehemaligen Feind überlassen, andere wurden ausgebaut, um sie als eigene Burganlage zu benützen. Ähnlich verhalten wir uns, entweder reagieren wir auf den Trotz nicht, oder wir gehen Kompromisse ein, oder wir erkennen an dem trotzigen Verhalten ein Stück „Wahrheit“, so daß wir diese Position des Trotzes einnehmen können.

Bezogen auf die politischen Auseinandersetzungen, die zurzeit auch durch „Trotzreaktionen“ gekennzeichnet sind, sollte jedem klar sein, daß ein vorschnelles Einknicken die eigene Position schwächt. Anders ausgedrückt, wer sich dem Trotz von Haß, Gewalt, Häme, Diskriminierung beugt, der wird höchstens ein Lehen bekommen, geduldet sein und werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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