Paule auf dem Heimweg


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„Haben wir uns verstanden?!“
Paule nickte stumm mit gerunzelter Stirn, die Augen leicht zusammengedrückt, als ob ein winziger Lichtstrahl gerade auf sein Gesicht scheinen würde. Er hielt den Kopf unten, niedergebeugt über sein aufgeschlagenes Schulheft, das Ende des Füllers im Mund. Er spürte immer noch den Blick seines Vaters, wußte, er stand direkt vor ihm, dazwischen nur der Küchentisch, auf dem noch vom Mittagessen die Teller und die Töpfe standen. Seine Zunge begann an dem Füllerende zu lecken, langsam, dann schneller, so als ob er befürchtete, nicht genug von dem Plastik ablecken zu können, bevor, bevor seinem Vater die Hand ausrutschen würde.

Mutter war auf Kur, seine jüngeren Geschwister bei Mutters Schwester, Simon und Anna, fünf Jahre jünger als er und Susanne, gerade erst drei geworden. Die Ferien beginnen in einer Woche, dann soll er zur Großmutter fahren. Die Zwillinge Anna und Simon durften eine Woche früher in die Ferien, das hat so eine Frau für Mutter organisiert und ihr geholfen. Mutter hat viel geweint.

„Haben wir uns verstanden?“ „Ja.“ Paule schaute auf, versuchte das Gesicht seines Vaters zu sehen und sah doch nur Umrisse. „Ich bringe die Töpfe nach den Hausaufgaben rüber.“ Es war heute nicht der erste Versuch, seinem Vater zu erklären, daß Onkel Reinhard, dieses Schwein, sich ihm immer wieder näherte. Sie waren Nachbarn, nicht verwandt, aber die Eltern feierten oft zusammen, gingen zusammen auf die Dorffeste, und Tante Annegret saß fast täglich bei Mutter, seit ihr Sohn ausgezogen war und nur noch alle Schaltjahre lang kurz vorbeischaute. Sie wollte es sich auch nicht nehmen lassen, wenigstens das Mittagessen für seinen Vater und ihn zu kochen. Paule ekelte sich vor ihr, nicht weil sie nicht nett war, sie war übernett, ihre aufdringliche Art war ihm zuwider, und oft überfiel ihn eine Beklemmung, weil er bei jeder Berührung von ihr Onkel Reinhards Hände spürte.

Ich laß deine kleinen Geschwisterchen in Ruhe, wenn du nett zu mir bist, du bist doch ein großer Junge. Falls du jemals deinen Mund aufmachen solltest, du weißt ja, wie gern ich deine Mama vernaschen würde. Du wirst mir nie entkommen, egal wo du dich hinbewegst, ich werde dich überall finden. Wer glaubt denn schon einem kleinen Hosenpisser wie dir, ja, ja, ich weiß das, deine Mutter hat es Annegret erzählt, daß du immer wieder einnäßt.

Paule dachte eine Weile, wenn sie, alle, auch seine Freunde ihn Paul nennen würden, einfach Paul, dann könnte er stärker sein, erwachsener, männlicher. Trotz seines Stimmbruches klingt seine Stimme noch nicht tief genug, das hatten alle seine Freunde bestätigt, und sein Bartwuchs war mehr als dürftig. Kilian aus der Parallelklasse rasierte sich bereits täglich, der hat richtige dunkle Stoppeln. Aber er war körperlich kräftiger als seine Klassenkameraden, Mutter meinte, er käme nach seinem Opa. Er hatte in dem letzten Jahr an Körpergröße und Muskeln zugelegt, sein Sportlehrer muß ihn ab und an bremsen, wenn er wie vom Teufel besessen seine Runden um den Platz dreht oder beim Handball vergißt, daß dies ein Mannschaftssport ist.

Inzwischen war Paule zu dem Entschluß gekommen, es gibt nur noch eine Lösung, entweder er oder ich. Die Reaktion seines Vaters, der einfach nicht zulassen wollte, daß über Onkel Reinhard schlecht gesprochen wird, als er vorhin wieder einmal versuchte, über das zu sprechen, das er nicht aussprechen konnte, ließ ihm keinen Zweifel an diesem Plan. Abhauen, einfach verschwinden, sich irgendwo verstecken, unterkriechen, vielleicht in irgendeiner Großstadt auf der Straße leben, hat er sich tausendmal ausgemalt. Aber was wäre dann mit Simon, Anna, Susanne? Was wäre dann mit seiner Mutter? Abschiedsbriefe hat er geschrieben, an Mutter, an die Großeltern, an Thomas, seinen besten Freund, an Julian, an Checker, der eigentlich Florian heißt, an Micha, an Eva. Eva, eine Klasse unter ihm, mit den dunklen Locken, in die er sich verliebt hat, seit einem halben Jahr auf dem Schulhof nur noch Augen für sie hat, wenn sie mit ihren Freundinnen während der Pause Seilspringen spielen und die ihn anlächelt, wenn sie sich auf der Schultreppe begegnen.

Seit kurzem trägt er sein Schnitzmesser in der Hosentasche, es steckt in einer Schutzhülle, die er sich gebastelt hat aus Plastiktüten und Schnur. Sollte Onkel Reinhard es noch einmal wagen, dann, zack. Haben wir uns verstanden? Nein, Papa, du hast nichts verstanden.

Paule packte seine Schulsachen zusammen. In den großen Korb, der auf der Anrichte stand, stellte er die beiden Töpfe der Nachbarin, Tante Annegret. Er verließ das Haus durch die Küchentür, die in den Garten führte, um sich den Umweg durch die Haustüre zu sparen. Gleich hinter dem Garten stand die Scheune von Reinhard und Annegret, Onkel Reinhard hatte sie in eine Art Werkstatt umgebaut, in der er fast immer nach seinem Feierabend verschwand. Hinter dieser Werkstatt ging es zu seinem Hobbyraum, wie er es nannte, dort standen ein Sofa, Sessel, ein Tisch, eine kleine Theke mit Hockern, ein großer Fernseher, eine Stereoanlage, aus der gerade Musik schepperte, die Wände zum Einstürzen bringen könnte.

Obwohl auf Paules Klopfen hin keiner die Türe öffnete, ging er dennoch ins Haus und stellte den Korb auf die Spüle. Als er wieder an der Werkstatt vorbeikam, vermeinte er in der Musik auch Schreie und Poltern zu hören. Paule sah, die Hobbyraumtür stand sperrangelweit offen. Onkel Reinhards Stimme war jetzt deutlich zu vernehmen. Glas ging zu Bruch, Holz splitterte. Onkel Reinhards Sohn hatte einen Barhocker vor seinem Körper, Onkel Reinhard stach mit einem Messer gegen den Hocker, als eine Axt ihn am Hinterkopf traf.

In Pauls Ohren dröhnte es: verstanden! Langsam griff er zu seinem Messer in der Hosentasche und sank in die Knie.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Paule auf dem Heimweg

  1. Saxhida schreibt:

    Wow, ich schreibe auch Geschichten, aber nicht so gute. Wow 🙂

    Gefällt 2 Personen

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