Pflanzen am Straßenrand


https://pixabay.com/de/stra%C3%9Fe-wald-baumallee-natur-2307709/

pixabay.com

Verdammt blöder Einfall! Garantiert sehe ich jetzt aus wie eine durch Wasser gezogene gerupfte Gans. Dämliche Kuh! Mach mal wieder was verrücktes, spontanes, so wie früher, stell dich an irgendeine Straße und trampe einfach los. Mach nicht so ein verbrämtes Gesicht, das hat dir doch immer gutgetan, andere Gegend, andere Leute, Spaß. Und ich hör auch noch auf so einen Scheiß. Hätte ich mir nichts besseres einfallen lassen können?

Sina wollte gerade wieder aus der Wohnung gehen, da fiel ihr ein, daß Cleo neuerdings auch in der Küche noch Blumen zu stehen hatte, die gegossen werden müssen. Auf dem Küchentisch lag ein nicht zu übersehender großer Briefumschlag, auf dem in rot „Für Sina!“ stand. Sie schmunzelte, vermutete sie doch, Cleo hätte es nicht sein lassen können, ihr nähere Informationen zu den Gießgewohnheiten für ihre Pflanzen zu hinterlassen, obwohl diese wasserspendende Tätigkeit ein gegenseitiger Freundschaftsdienst seit Jahren war und auch, ach ja, vergiß die Post nicht aus dem Briefkasten zu nehmen. Nachdem sie die Pflanzen gegossen hatte, ich gieß die jetzt so wie die andern auch, in zwei Tagen werde ich mich an deine Gießregeln halten, riß sie den Umschlag im Hinausgehen auf.

Hey Sina!
Hast du die Pflanze im Bad auch gegossen? Nein, quatsch, war Spaß!
Falls sich Benjamin bei dir melden sollte, erschreck nicht! Ich habe dich angelogen, meine Mutter, Benjamin vielleicht mich auch? Merkst du es, mir geht es gut, habe ständig einen Witz auf den Lippen.
Also ich bin nicht mit Benjamin für eine Woche nach Lissabon geflogen. Colin ist bei meiner Mutter untergebracht, ihm geht es gut. Laß bitte Mutter in Ruhe, sie soll sich keine Sorgen machen.
Ich habe mich entschlossen, auf Tour zu gehen, alleine. Muß einfach mal wieder das Gefühl haben, weiß nicht, bei mir zu sein, den Dreck abwaschen, einfach völlig anderes in mein Leben fließen lassen. Benjamin denkt übrigens, ich bin mit dir nach Portugal geflogen, er war ein bißchen verärgert. Laß auch ihn in Ruhe. Mach keinen Aufstand, ich melde mich alle zwei Tage telefonisch, werde anklingeln und wieder auflegen. Mir geht’s gut! Jetzt und wenn ich dich anrufe! Übrigens im Bad steht wirklich eine Pflanze, hoffe sie hat es überlebt, weil ich sie in das Unterschränkchen gestellt habe. Sie ist für dich. Cleo

„Guten Abend, ich brauche ein Zimmer für eine Nacht!“
„Wollen Sie ein Zimmer zur Straße hin oder…“
„Ein ruhiges Zimmer bitte!“

Wollen Sie ein Zimmer zur Straße hin?! Da hätte ich mich gleich auf den Marktplatz legen können, wahrscheinlich ist der Lärmpegel der gleiche. Jeder noch so kleine Platz ist vollgestellt mit Tischen, Stühlen, Bänken, überall Palaver, Essensgerüche, laute Stimmen, Musik. Nichts für mich, bin froh, wenn ich mich langstrecken kann, duschen, schlafen. Zum Glück habe ich nicht auch noch beschlossen, im Freien zu schlafen.

Etwa drei Stunden später einige Kilometer entfernt in der Küche von Gisela und Siegbert Heller. Gisela, das junge Ding, so jung war sie nun auch wieder nicht, die ist mir direkt aus dem Gebüsch vor die Füße getreten. Hab sie gefragt, was sie hier macht, meinte, sie will nach Burgweil, wie weit das noch wär. Der Hund wollte überhaupt nicht mehr aufhören zu bellen, die sah zum Fürchten aus, komplett naß geworden vom Gewitter. Sie hätt’ die Orientierung verloren, weil sie im Wald Schutz gesucht hat, hat sie gesagt. Und gezittert hat die. War völlig falsch angezogen. Da hab ich sie bei der Hand genommen, nein, ich hab sie nicht angefaßt, hab ihr gesagt, kommens Fräulein, ich zeig Ihnen den kürzesten Weg. Und wie ich mit ihr fast den Abzweig zum Stelzweg gegangen bin, da fährt der Jupp mit seinem Jeep uns entgegen. Neugierig wie der Kerl ist, hat er angehalten und gefragt, wie es mir geht. Ja, da hab ich halt gesagt, dies Fräulein möchte nach Burgweil, da hat er gesagt, ich fahr sie hin. Da hab ich gesagt, da fahr ich kurz mit. Und dann haben wir sie am Marktplatz aussteigen lassen, der Jupp hat dann noch ein Bier trinken wollen. Mensch, war da was los. Den Toni Staffler ham mer getroffen. Der ist jetzt auf dem Amt in Kleinstett.

Nach Regen folgt Sonne, paßt doch. Hab inzwischen eine Blase an der Ferse und die Waden schmerzen, mein Rücken bricht fast durch, aber ich steh hier oben und… Und was? Und bin alleine, verschwitzt. Dann mach ich mich auf den Weg, Singersdorff, keine drei Kilometer entfernt, Hotelzimmer, Dusche, Bett. Hab mich selten so alleine gefühlt. Ein Zimmer für eine Nacht, bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser und eine Pizza Funghi. Die Rechnung bitte. Einen großen Kaffee und ein Stück Käsekuchen. Hab ich eigentlich mit den Kassierern im Supermarkt gesprochen? Danke, bitte. Vielleicht. Ich bin nicht unausstehlich anderen gegenüber, ich bin unausstehlich mir gegenüber.

Warum furzet und rülpset ihr nicht? Weil wir Frauen anständig sind, nicht saufen gehen, nicht huren, immer die Wahrheit sagen, nicht über die Stränge schlagen, nicht mit einem Zigarettenstummel lässig an den Lippen hängend an irgendeiner Bar lehnen, sondern wie es sich für Frauen geziemt, lasziv, anrüchig. Nicht die Helden verkörpern wir, die sich mit Haut und Haaren der Rettung der Welt verschrien haben und dabei ihren Cognac genüßlich schwenken. Scheiß drauf! Wie habe ich es geliebt, stundenlang oder weniger mit sämtlichen Idioten, die irgendwie die Erde hervorgebracht hat, zu diskutieren. Glaube, manch einer war froh, wenn ich wieder aus dem Auto ausgestiegen bin. Narrenfreiheit der Jugend, wo bist du geblieben?

„Benjamin, ja, sie hat angeklingelt. Scheint alles in Ordnung. Natürlich mach ich mir Sorgen, du redest aber einen Blech daher! Nein, bist du verrückt! Du kannst doch nicht eine Vermisstenmeldung aufgeben. Schrei mir nicht ins Ohr! Bei mir geht sie auch nicht ans Handy! Klar hab ich auch eine SMS geschrieben. Keine Reaktion! Hör mal, Cleo ist doch kein kleines Kind mehr. Verflucht, melde dich wieder, wenn du dich abreagiert hast!“

„Na, schöne Frau, so ganz alleine unterwegs? Wie wär’s mit uns beiden?“ Deine blöden Sprüche kannst du dir sparen, du kleiner Scheißer. Denkst wohl, du bist unwiderstehlich! Wenn du wüßstest, wie widerlich ich sein kann! Ich bin kein Freiwild für das Ego deiner Männlichkeit, bei mir hat dich dein Jagdinstinkt getäuscht, aber so was von. Von dir laß ich mir meine gute Laune nicht verderben, noch eine Übernachtung, dann ab nach Hause. Ich hab’s noch drauf, hab’s nur vergessen, das Leben ist schön: Ich komm mit mir klar. Wird Zeit, mit mir wieder wie mit anderen zu sprechen.

Hallo Cleo, schön dich wieder zu sehen, wie geht’s dir? Hey Cleo, stell dir vor, ich hab meine jugendlichen Gedanken auf dem Dachboden meines Herzens wiedergefunden und bin gerade dabei, sie neu anzupflanzen. Dann willst du einen Garten anlegen? Nein, ich werf die Samen auf meinen Weg nach links und rechts, sie können sich alleine fortpflanzen.

Christina und Monika unterhalten sich mal wieder über den Gartenzaun hinweg über sämtliche Vorkommnisse, die in dem kleinen Ort passieren oder eventuell geschehen werden könnten, womöglich sogar längst passiert sind, nur weiß dies keiner so genau, als Cleo mit ihrer größeren Tasche grüßend an ihnen Richtung Bingershof vorbeiläuft.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s