Wille zum Erfolg


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Eigentlich bin ich eher eine etwas konservativ eingestellte Frau. Haare, die den Look vermitteln, wuschelig, unfrisiert auszusehen, sind absolut nicht mein Ding. Ich bevorzuge leichte Löckchen im halblangen Haar, ein paar helle Strähnchen untergemischt, einfach perfekt. Jeans nur in der Freizeit, ansonsten Kostüm, Kleid oder eine Stoffhose mit passender Bluse, Hosenanzug natürlich immer gerne.

Heute kommen die Eltern meines Freundes zu Besuch, wir kennen uns jetzt schon über ein Jahr, vor zwei Monaten bin ich in seine Wohnung eingezogen. Eher in sein Haus, das obere Stockwerk ist vermietet, okay, es ist vielleicht eher eine Villa, Gründerzeit, komplett renoviert vor etwa fünf Jahren, nachdem Alex Eltern Eigenbedarf angemeldet hatten, weil keine angemessene Wohnung für ihren Sohn in München zu bekommen war. Und er sollte doch nicht in irgendeiner WG sich seinen Studien widmen, er bräuchte doch seinem Stand entsprechend eine vorzeigbare Bleibe, und sowieso ist die Villa sein Erbe, seine Großmutter bestand aber testamentarisch darauf, daß er erst ab dreißig allein über das Vermächtnis entscheiden darf. Da gibt es noch so einiges an Vermächtnis.

Ich habe in den Augen vieler eine gute Partie gemacht. Arbeiterkind, Hauptschule, Verkäuferin gelernt, dann Hotelfachfrau, geheiratet, geschieden nach drei Jahren Ehe mit dem besten Kumpel für alle seine Sports- und Vereinsfreunde, nicht für mich. Nach München gezogen, umgeschult auf Reiseleitung, inzwischen zweiunddreißig, sechs Jahr älter als Alex. Mein Gott, hast du es aber nötig, so ein junger Spund. Verkauf dich mal bloß nicht.

Erstens hab ich gar nicht gewußt, wie alt Alex war, als wir uns kennenlernten, er kann ein ausgesprochen guter Lügner sein. Zweitens bestehe ich weiterhin darauf, für mich selbst zu sorgen. Drittens wird andererseits behauptet, er sei von mir mit Haut und Haaren abhängig, weil er ansonsten doch eine aus seinen Kreisen als Freundin ausgesucht hätte. Er ist mir mitsamt Kofferrolli in die Arme gerannt, hat mich umgeworfen, Platzwunde, Ohnmacht, Krankenhaus, die ersten Tage seines Urlaubs verbrachte er an meinem Krankenbett. Welche Frage er auf den Lippen hatte, die ihn veranlaßte, so unaufmerksam zu sein, daß er über die Bordsteinkante stolperte, als wir gerade vor dem Hotel ankamen, das die erste Station auf dem Wochentrip durch Mexiko war, das fällt ihm immer noch nicht ein. Ab und an ist es sein bester Witz, wenn unsere Liebeswolke sich verdunkelt, zu erzählen, wenn ihm die Frage einfallen würde, dann wäre Schluß, bis dahin aber… Haha.

Tina riet mir, um dem ganzen voreingenommenen Gequatsche seitens seiner Eltern, seiner Verwandtschaft gegen zu wirken, die harte Tour zu fahren. Sie hätte es bereut, ihren Schwiegereltern beim ersten Treffen die brave Anständige vorgespielt zu haben, denn seither würde von ihr ständig erwartet, daß sie diesem ersten Eindruck entspräche, sogar ihr Florian mit Kontaktsperre gedroht habe, weil die Schwiegereltern ihr vorgeworfen hatten, sie wäre nur scharf auf diesen Reiseleiterjob, um feucht fröhlich ihre, na, du weißt schon Florian, zu befriedigen. Ihr Florian ist ein absolut häuslicher Typ, der vollkommen glücklich ist, seine drei Kinder zu versorgen, den Haushalt zu schmeißen und in seiner Freizeit in der Garage hockt, um irgendein altes Vehikel wieder zum Laufen zu bringen, dabei sind die Vehikel mitunter bloß kaputte Waschmaschinen, Musikanlagen, Fahrräder. Ihm konnte für sein Leben nichts Besseres passieren, als die quirlige Tina kennenzulernen, die keine fünf Minuten stillsitzen kann, geschweige denn ihren Schnabel im Zaum halten.

Okay, die harte Tour also. Die harte Tour läuft gerade, und ich kann nicht mehr aufstehen. Selbst wenn ich es geschafft habe, mich auf den Bauch zu legen und mich mit meinen Armen abstütze, habe ich das Gefühl, meine Knie sind eingeschnürt, vom Bauch will ich gar nicht erst was sagen, der ist womöglich für immer ab jetzt ein Teil meines Hinterns.

„Mira, Mira!“
„Mira, warum gehst du nicht ans Telefon? Mira!“
„Mira, meine Eltern sind etwas früher eingetroffen, du hättest ruhig mal die Anrufe entgegennehmen können! Mira!“

„Mira! Ist alles in Ordnung?“
„Alex, laß mich in Ruhe!“
„Hey, ist doch nicht schlimm, wenn du noch in der Wanne sitzt. Ich brüh schon mal Kaffee auf, reichen dir zehn Minuten?“

„Mira, Mirjam, der Kaffee ist fertig, wir warten.“
„Ich kann nicht!“
„Mach bitte die Türe auf!“
„Ich kann nicht!“
„Wie, du kannst nicht?“
„Ich kann nicht aufstehen!“
„Warum hast du abgeschlossen?“
„Weiß nicht, kann nicht, will jetzt auch nicht!“
„Mirjam, was soll das? Laß die Scherze, meine Eltern sitzen im Wohnzimmer, der Kaffee wird kalt, und dein Verhalten ist albern!“
„Dann ist es halt albern. Geh Kaffee trinken!“

„Mirjam, es wird jetzt laut, ich hab die Bohrmaschine in der Hand und werde das Schloß aufbohren!“
„Sag mal, spinnst du?“
„Dann mach freiwillig auf!“
„Alex, wage es bloß nicht!“

„Mira, wie siehst du denn aus? Papa, alles in Ordnung, geh bitte mit Mama Kaffee trinken!“
„Mira, tragen Sie gefärbte Kontaktlinsen? Hey, das war’s, die Kontaktlinsenfrage war auf meinen Lippen, weil deine strahlenden blauen Augen so gar nicht zu deinem steifen Vortrag im Bus gepaßt haben, warum hast du die Haare geschnitten, und warum liegst du hier mit Jeans in der Badewanne?“
„Alex, die harte Tour hab ich wohl verdient. Bring mir die Schere, damit ich die verdammte Jeans aufschneiden kann, ich ziehe heute noch aus!“
„Was redest du da für einen Unsinn! Harte Tour, was für eine harte Tour, meinst du die kurzen Haare, wenn dir das so schwergefallen ist, warum hast du?“
„Ich, die Tina, ich fand den Vorschlag richtig, bloß nicht einschmeicheln bei den Schwiegereltern, dachte so eine Kurzhaarfrisur, ein bißchen ungepflegt wirkend mit einer hautengen Jeans, wegen der ich nicht mehr aufstehen kann, weil ich dachte, mit dem heißen Wasser würde sie so aussehen, als wäre sie auf die Haut geschneidert, nicht mal den verdammten Knopf krieg ich auf, weil der Knopfschlitz zu eng ist, alles ist zu eng, egal was ich mache, ich komm aus der verdammten Wanne nicht mehr alleine raus! Und dir ist die Frage ja zum passendsten Zeitpunkt eingefallen! Wenn das nicht die harte Tour ist?“
„Hör auf zu lachen! Alex, hör auf! Alex! Laß das sein! Laß mich runter, bist du verrückt geworden!“

„Alexander, brauchst du Hilfe? Mutter macht sich Sorgen!“
„Ja, mach mal die Türe auf. Kann gerade nicht.“

„Mama, Papa, das ist Mira, sie sieht momentan ein bißchen zerzaust aus, und sie wird Schwierigkeiten haben, sich auf einen Stuhl zu setzen, weil diese Hose noch eingetragen werden muß, deshalb wird sie den Kaffee auf der Couch trinken!“
„Alex!“
„Mira, das sind meine Eltern, sie sehen momentan ein bißchen blaß aus und werden so schnell nicht von den Stühlen aufstehen können, weil sie ihre Augen nicht mehr von ihrer zukünftigen Schwiegertochter abwenden werden können!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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