Wer sich in Schweigen hüllt, macht sich mitschuldig


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flickr.com/ korom/ (CC BY-SA 2.0)

Jeder, der Ängste schürt, will die eigene Macht vergrößern

In Kriminalfilmen, -romanen, bei Geistererzählungen, Rittergeschichten dürfen allgemeinhin Hallen, Lagerhäuser, Burgen, Schlösser als Hintergrundorte nicht fehlen. Große, weite, hohe angelegte Räume vermitteln das Bewußtsein der eigenen Kleinheit, Verlorenheit, ähnlich wie kleine Räume, Fahrstühle ein sehr beklemmendes, einengendes Gefühl verursachen können. Das scheint eine Widersprüchlichkeit zu sein, dennoch ist eine Verlorenheit ein genauso einengendes Gefühl, das Ängste hervorrufen kann, dabei spielt es auch keine Rolle, ob diese Halle nun vollgestopft ist, verwinkelt, abgedunkelt oder völlig leer.

Wer sich im Bereich Krimis auskennt, wird wissen, je offensichtlicher, je freier jemand auftritt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, nicht ertappt zu werden, denn durch ein selbstbewußtes, sicheres Auftreten verhehlt man seine hinterhältigen Absichten und wird von der Umgebung nicht als Gefahr wahrgenommen. Ein „guter“ Dieb klaut Ihnen die Armbanduhr mit einem Lächeln im Gesicht, trägt die geklaute Tasche lässig über der Schulter hängend aus dem Laden. Je unverhohlener man auftritt, desto größer die Chance „unsichtbar“ den Raubzug zu vollziehen.

Hehlen, inzwischen als veraltet im Sprachgebrauch angesehen, bedeutet verbergen, verheimlichen. Althochdeutsch helan, bedecken, verstecken, verwandt mit hüllen, Halle.

Verhehlen, althochdeutsch farhelan, bedeutet jemanden etwas verschweigen, geheimhalten, unterschlagen, vorenthalten.

Hüllen, althochdeutsch hullan, verwandt mit hehlen. Synonyme sind bedecken, einwickeln, vermummen.

Die Halle, althochdeutsch halla, ursprünglich, die Bergende. Andere Wörter sind Gebäude, Saal, Hallenbau, Lobby.

Der Hehler, mittelhochdeutsch helære, andere Begriffe sind Betrüger, Preller, Schieber, Schwarzhändler, Ganove.

Wenn die Halle ursprünglich „die Bergende“ bedeutet hat, spielen dafür mindestens zwei Faktoren eine Rolle. Höhlen galten bei den Frühmenschen als Schutz vor wilden Tieren, Unwettern, genauso später Hütten, Häuser. Die großen Hallen der Burgen oder die großen Säle der Schlößer waren nicht nur Schutz bietende Rückzugspunkte, sondern auch Versammlungsorte und je nach Ausführung ein Zeichen der Größe eines Herrschers. Wer Zugang zu diesen Orten hatte, stand unter dessen Schutz.

Kinder hüllen sich beim Versteckspiel oft mit Decken zu und fühlen sich unter dieser Hülle, in dieser Höhle sicher, denken, sie werden von niemanden gesehen, ihr offensichtliches Versteck halten sie für sicheren Schutz.

Dieses Verhalten kann im übertragenen Sinn auch auf oben erwähnte Diebstahlmuster gesehen werden. Durch „Angleichen“ an die Umgebung wird man quasi unsichtbar (ein Beispiel aus der Tierwelt ist das Chamäleon.). Verhehlen ist demnach ein erkennbares Verstecken. Der Hehler, Betrüger, Ganove ist bestens in der Halle, der Lobby aufgehoben.

Die vielen Proleten, Phrasendrescher, die zurzeit eine gewisse Hochkonjunktur haben, sind diejenigen, die ein narzißtisches Bedürfnis besitzen und unbedingt öffentlich bekannt werden wollen, dies tun sie allerdings nur, weil sie den Schutz von Hehlern besitzen. Hintermänner, die nicht öffentlich auftreten, die unter anderem finanzielle Mittel bereitstellen und die eigentlichen Fäden in der Hand halten.

Anders ausgedrückt, diejenigen, die auf den „Plätzen“ große Reden schwingen, verdecken ihre wahren Absichten unter dem Deckmäntelchen der Meinungsfreiheit, der zu schützenden Tradition, Nation, der angeblichen Aufklärung, Wahrheit, wie die Kinder mit ihrer Decke. Die Hehler verstecken sich in ihrer Lobby unter der Decke der „Herren der Hallen“.

Die Verlorenheit, das einengende Gefühl in Hallen kommt nur zustande, wenn man selbst kein Mitglied dieses Schutzgebäudes ist, sich nicht auskennt in den Winkeln und Ecken, dann hat man den Gefühlseffekt, in einer kleinen Kammer eingesperrt zu sein. Und falls Sie zu den Kindern gehören, die aus Angst vor der Dunkelheit oder was auch immer sich unter der Bettdecke verkrochen haben, und meinten durch diese Verhüllung, diese Enge wären Sie geschützt gewesen, dann waren Sie im Irrtum. Geschützt wurden Sie durch Ihre Familie, die sich nebenan in der Wohnung aufhielt.

Als Erwachsener stehen Sie nun dieser „Halle“ vor, und wenn Sie Ihrem Kind nicht erklären, daß seine Ängste unbegründet sind, ihm helfen, seine beengenden, beklemmenden Gefühle zu nehmen, in dem Sie konkret über das angstauslösende Thema sprechen, machen Sie sich mitschuldig, wenn das Kind sich schutzlos fühlt.

Denn „die Bergende“, die Halle sind auch wir Erwachsenen, je weniger wir verstecken, verheimlichen, desto freier werden sich andere in unserer Nähe fühlen. Decken wir auf, was sich da tagtäglich verhüllt, um eine ständige Enge zu verbreiten. Jeder, der Ängste schürt, unverhohlen, vor unser aller Augen, macht dies nur in der Absicht, um seine Macht zu vergrößern. Wer sich in Schweigen hüllt, macht Zugeständnisse an jede Art von Ängsten und unterschlägt die Freiheit, die Toleranz, die Nächstenliebe und schlußendlich die offene Kommunikation.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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