Brief an Frau Dr. R. zur Kündigung als Integrationscoach – Teil 3


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10. Auf jede meiner Fragen erntete ich ein „Nein“ wie aus der „Pistole geschossen“. Ob es die Versetzung der Analphabetin Frau P. an einen ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechenden Platz (z.B. „Fairkauf“), die mögliche Einstellung eines Multisprachlers (inkl. Arabisch) über welches Förderprogramm auch immer war – und da wüßte ich dank Integrationsarbeit wenigstens einen geeigneten Kandidaten, der sogar die regionalen arabischen Dialekte zu unterscheiden weiß und Deutsch und Englisch nahezu perfekt spricht, für mein ehemaliges Büro. Oder, wenigstens die eine/r des Lesens und Schreibens kundigen Person, die Frau R. und mir den Papierkram vom Leibe hält, auf dass der stimme. Immer wieder höre ich: Das Jobcenter hat entschieden. Nein. Stichwort „Zertifizierung“… Ich glaub’s einfach nicht.

11. Interne Schulungen. Ein Witz. Zumindest zwei von drei Integrationscoachs haben einen IQ von reichlich über 75. Ich hatte keine Zeit, Frau P. den Duden zu lehren.

12. Uns einen Englischkurs (September? In der Freizeit!) als Weiterbildung anzubieten, klingt erst mal nobel. Hatte mich angemeldet, des Betriebsfriedens willen. Nur zwei unserer bisherigen Klienten/Mandanten sprachen englisch. Frau R. und ich ausreichend, um uns zu verständigen.

Ich weiß, dass Sie und Ihre Mitarbeiter unter gewaltigem Druck stehen (Zertifizierung). Als „F&C-Geschädigter“ weiß ich, der Zertifizierungsdruck wirkt wie eine Guillotine“. Er zwingt mich zu lügen. Papier zählt. Nicht Tatsachen.

Es kommt tatsächlich vor, dass wir mal keinen Besucher haben und derweil im Netz und mit Telefonaten nach Gesetzen, Praktika, Arbeitsplätzen und Wohnungen für jene Menschen suchen, welche wir kennen oder die vielleicht erst morgen kommen. Dies geschah permanent. Trotz alledem musste ich mir was ausdenken. Um dem Papier „Tätigkeitsnachweis“ „zu gefallen“. Siehe „Zettel“. Weiter oben. Lügen für Zahlen.

Wir verkauften keine Unterhosen oder ähnlich zählbaren Scheiß von 08.00 Uhr bis 14.00 Uhr. Menschen kamen vertrauensvoll zu uns. Wenn nötig nahmen wir sie „an die Hand“ und versetzten, sprichwörtlich, „Himmel und Hölle“ in Bewegung. Um Probleme zu lösen. Zeit spielte da keine Rolle.

Der tägliche Tätigkeitsnachweis (die Liste) entspricht Ihren Anforderungen. Auch die angegebene und vorgeschriebene Arbeitszeit. Ich log weisungsgemäß täglich, bis sich die Balken bogen. Ich erschien täglich, ÖPNV-bedingt, 40 Minuten vor Arbeitsbeginn. Wurde akzeptiert. Nähme ich einen Bus später – und der würde berufsverkehrsbedingt „bummeln“ und erschiene 5 Min. zu spät im Büro, dies würde nicht akzeptiert. Im TN steht die Arbeitszeit 08.00 – 14.00 Uhr.

Und wenn ich zum Beispiel nach 14.00 Uhr Partner bei DRK, VS oder AWO aufsuchte, weil die vorher auch ihrer Arbeit nachgehen müssen und nur dann Zeit haben, hat noch keiner meiner „Vorgesetzten“ kritisiert. Auch dies erscheint nicht im TN und wird wissentlich akzeptiert. Damit konnte ich leben, denn ich brannte für meine Arbeit – zumindest, was das Praktische betrifft. Und halte da durchaus mehr als 6 h täglich aus.

Ich besuchte und besuche von „Migra e.V.“ und vom Landkreis vorgeschlagene interkulturelle Veranstaltungen in meiner Freizeit. Ich kenne den für Güstrow zuständigen Imam, sogar die vorgeschriebenen Gebetszeiten für meine strenggläubigen Schützlinge. Sie wissen nichts. Selbst gestern, am Tag meiner Entlassung, war ich um 18.00 Uhr willkommener Gast im Komm-Center zu einer Filmverführung eines syrischen Filmemachers.

Von START habe ich noch keinen „Offiziellen“ gesichtet, obwohl START im Netzwerk von „Migra e.V.“ gelistet ist. Und, wenn ich das tue, durfte ich mich nicht als Mitarbeiter/Integrationscoach von „START“ zu erkennen geben, weil meine Arbeitszeit bereits um war. Schizophren.

Am 12.05. 2017 wurde ich im Rahmen einer „Teambesprechung“ aufgefordert, Gesprächsprotokolle lt. irgendeinem „zertifizierten“ Formular vorzulegen. Vermutlich weil „Petze, Petze ist im Laden“ mal wieder gepetzt hat, dass ich’s mit der Buchführung nicht so genau nehme. Als Beweis, dass ich überhaupt was sinnvolles täte. Ich war ein wenig konsterniert. Ich führe keine Gesprächsprotokolle. Denn ich muss mich auf den Menschen konzentrieren können, der mir gegenüber sitzt. In gebrochenem Deutsch oder „Derabisch“ spricht und mich bemühen, ihn und sein Anliegen zu verstehen.

Da reichen zwei, drei Stichpunkte auf einem Zettel geschmiert. Klappt’s mit der Verständigung, geht’s an die Lösung des Problems. Per Telefon oder Direktkontakt (Begleitung). Letzteres kann und muss unter Umständen sofort passieren. Wenn die Zeit drängt. Da ist es mir scheißegal, ob das Büro nun besetzt ist oder nicht. Wir arbeiten. Für und mit Menschen. Integrationsarbeit ist kein Sesselfurzerjob.

Fortsetzung folgt…

Peter Petereit

Brief an Frau Dr. R. zur Kündigung als Integrationscoach – Teil 1

Brief an Frau Dr. R. zur Kündigung als Integrationscoach – Teil 2

Kategorie: Soziales

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