Äußerungen sind kein Verzicht auf Verantwortung


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Mißbrauch der Meinungsfreiheit

Ganz sicherlich hat es den Anschein, die Äußerungen, die im Umlauf sind, wären noch nie so mannigfaltig gewesen. Das waren sie sicherlich, aber nur in Bezug auf die schnelle Verbreitung, denn sich zu äußern, Meinungen kundtun, gerade wenn eine gewisse Unzufriedenheit spürbar ist, beziehungsweise die Unzufriedenheit dienlich ist, um Positionen zu fördern, die ansonsten keine oder nur eine geringere Rolle spielen würden. Dann wurden schon immer viele Ansichten nach außen getragen, in jeden Winkel verbreitet. Oftmals wie auch heute nicht um Klarheit zu erwirken durch fundierte Erklärungen, sondern eben um vorsätzlich die Unzufriedenheitsgefühle zu verstärken.

Als es die Möglichkeit des Schriftverkehrs nicht gegeben hat, waren diese Äußerungen mündlich vorgetragene Meldungen, Gesänge, Dichtungen, die selbst in abgelegenen Dörfern zu Unruhen innerhalb dieser Gemeinschaften führen konnten. Später waren es kopierte, abgeschriebene Texte, dann Drucke, die in Umlauf gebracht wurden. Pamphlete, Schmähschriften waren vor der Französischen Revolution zuhauf in Umlauf, ihre Drucke stammten auch aus den Niederlanden oder Spanien. Ein sehr bekanntes Beispiel für das Anheizen ist der angeblich von Marie Antoinette getane Ausspruch: „Sie haben kein Brot, dann sollen sie Kuchen essen!“

Inzwischen dürfte bekannt sein, daß dies eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung war, die aber dennoch sich über, fast kann man sagen, Jahrhunderte hielt, weil der Ausspruch so passend in die damaligen politischen, wirtschaftlichen Verhältnisse zu passen schien und damit die Feudalgesellschaft an den Pranger gestellt werden konnte. Äußerungen, die also nur getätigt werden, um Unfrieden zu bringen, sind wohl so alt wie die Menschheit, „er spricht mit gespaltener Zunge“ dürfte als Hinweis genügen.

Die Äußerung aus dem mittelhochdeutschen ūʒerunge, ist abgeleitet von äußern. Andere Begriffe sind Anmerkung Auskunft, Information, Mitteilung, Erklärung.

Äußern, mittelhochdeutsch ūʒern, aus der Hand, aus dem Besitz geben, verzichten, übernommen von äußere, äußerer, äußeres. Synonyme sind ausdrücken, ausführen, aussagen, verkünden, unterbreiten, kundgeben, darlegen.

Äußere, äußerer, äußeres, mittelhochdeutsch ūʒer, althochdeutsch ūʒaro, sprachliche Verbindung zu außer. Andere Ausdrucksformen sind sich außen befindend, äußerlich, auswärtig.

Außer, mittelhochdeutsch ūʒer, althochdeutsch ūʒar, außerhalb, heraus, hergeleitet von aus. ähnliche Begriffe sind abgesehen von, ausgenommen, mit Ausnahme von, nicht inbegriffen, exclusive.

Aus, mittelhochdeutsch, althochdeutsch ūʒ, ursprünglich, auf etwas hinauf, aus etwas hinaus. Oder mit anderen Worten von, aufgrund, durch, infolge, wegen. Aus steht für Richtungsanzeige, räumlicher, zeitlicher Herkunft, Grundbestimmung, Materialbeschaffenheit.

Als Erklärung zwischen innerhalb und außerhalb wird wohl der Begriff ūʒ, als Urbegriff genannt werden können, wonach die Bezeichnung für außerhalb Befindliches erklärt werden konnte, genauso wie den Umstand von nicht innerhalb, also mit Ausnahme von.

Das Verb „äußern“ für kundgeben, verkünden, aussagen und folge dessen das Substantiv „die Äußerung“, Auskunft, Information als Silben, die ausgesprochen werden sind erkennbare kognitive Bezüge.

Erstaunlich allerdings sind die Umschreibungen, die ebenso für „äußern“ eingesetzt werden können, nämlich im Sinne von, aus der Hand, aus dem Besitz geben, verzichten, oder? Möglicherweise stammt diese Begrifflichkeit aus dem Rechtswesen, denn das Wort „veräußern“ besagt unter anderem, ein Recht auf jemanden übertragen, etwas übereignen, verkaufen, absetzen, verscherbeln, loswerden, abtreten, versilbern, umsetzen. Hier wird eine Ware, eine Sache, ein Recht, weitergegeben, übertragen, ein Verzicht ausgesprochen, um von diesen Dingen keinen Gebrauch mehr in Anspruch zu nehmen. Diese Übertragungen können verschiedene Ursachen, Gründe vorzuliegen haben, der Effekt ist dennoch der gleiche, der Geber kann nicht mehr belangt werden, die Sache ist außerhalb seines Besitzes, ob nun freiwillig, durch Zwang oder mit hinterhältiger Absicht.

Es könnte davon ausgegangen werden, daß „Äußerung“ die gleiche Bedeutungsstruktur aufweist. Jedes gesprochene und schriftliche Wort wird sinnbildlich veräußert, also aus der Hand, dem Besitz gegeben, in dem es weitergereicht wird, dennoch ist bei diesem Recht, Wörter zu veräußern, nicht gleichzeitig der Verzicht auf den Wahrheitsgehalt, die inhaltliche Aussage inbegriffen, ebenso nicht der Verzicht bei Falschaussagen nicht dafür belangt werden zu können.

Zum Beispiel wäre die gesamte Literatur ohne „Urheberrecht“ für die sprachliche Äußerung ein Sammelbecken für den Raub von geistigem Eigentum. Die teilweise frivolen, mit unterschwelligen Tönen versetzten Äußerungen, die sich mittels Datenübertragung, Medien aller Art in Sekundenschnelle an zig tausend Leser und Hörer gesendet werden können, sind nicht automatisch nach der Äußerung des „Besitzer“, nicht mehr in dessen Besitz. Die Rechte der Äußerung liegen bei ihm, dies bedeutet, er ist verantwortlich für die Inhalte der Aussagen.

Entsprechen die Informationen, Auskünfte nicht der Wahrheit, dienen absichtlicher Irreführungen, sind vollgepackt mit diskriminierenden Darstellungen, gespickt mit hinterhältiger Häme oder Hetze, manipulatives Schüren von Haß und Ängsten, sind die Urheber, die Äußerer, verantwortlich für diese inhaltlichen Bekundungen, Kommentare, Nennungen.

Leichtfertiger Umgang mit Verschwörungstheorien, Haßtiraden, Drohungen, Beschimpfungen, Denunzierungen führen zu mehr Unsicherheit, Unzufriedenheit und spontanen Entgleisungen von Betroffenen. Die Betroffenen sind Opfer von hinterhältiger Einflußnahme durch eine scheinbar zu geltende Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit darf nicht bedeuten, keine verantwortliche Handhabung gegenüber den Verursachern von „Schadensangelegenheiten“ zu haben. Opfer sind nicht diejenigen, die Meinungsfreiheit mißbrauchen, sondern diejenigen, die schutzlos verbalen Attacken ausgesetzt sind.

Sprache ist kein rechtsfreier Raum, auch wenn dies einige gerne für sich in Anspruch nehmen wollen. Jede Äußerung ist eine verantwortliche Aussage eines Sprechenden, der einzige Verzicht, der hier gilt, ist einfach, den Mund halten, wenn nur Geschwätz geäußert wird.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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