Frisch gestrichen


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Es war ihm unangenehm, darüber zu sprechen. Nur einen Gedanken daran zu verschwenden, stürzte ihn in einen Morast von Gefühlen. Ein modriger Gestank drang aus der Unterwelt seines Bewußtseins an die Oberfläche. Ihm wurde übel! – Ein Loch tat sich vor ihm auf. Er sprang beiseite. Gedankensprung!

Jedesmal, wenn er in den Spiegel blickte, waren es seine Gesichtszüge, die ihm seine Herkunft hart vor die Füße schmetterten. Er war in ihnen gefangen. Gefangen im Bild seiner Ahnen. Ein Gefangener seiner selbst. Wie ein unangenehmer Spuk huschte es durch seinen Kopf, sein Hirn, von Synapse zu Synapse. Sie umwirbelten ihn wie ein wilder Trommelwirbel. Aufbegehrend, ans Licht drängend, Grenzen verwischend.

Es war das Land seiner Väter und Urväter. Urwüchsige Steppen, hohe Berge und tiefe Schluchten. Endlose Weiten. Die Weite des Himmels. Offen und frei. Ein Flimmern lag über Allem. Verbarg in sich eine vielstimmige Melodie. Mit einem Rhythmus, der durch alles Lebendige zog und sie zu Brüdern und Schwestern der Mutter Erde machte.

Doch diese Töne waren verstummt. Die Freiheit beschnitten, die Traditionen geraubt. Kegelförmige, im Kreis angeordnete, aus Büffelleder gefertigte Gebilde erhoben sich aus dem sandigen Boden. – Zusammengepfercht. Zusammengepfercht auf kleinstem Raum! Längst vergessener Zeiten gedenkend. Das Licht der Sonne verhüllend.

Er knipste das Licht aus. Die Bilder verschwanden, entschwanden seinen Gedanken, tauchten seine Blicke hinein in jene Gegenwart, die ihn zu einem Namenlosen machten. Einem namenlosen, gesichtslosen Außenseiter! Der junge Mann ging langsam ans Fenster und sah auf die Straße hinunter. Dunkle Mauern, schwarze Türme, dunkle Mauern, schwarze Türme. Auswechselbar, einheitlich, monoton! Metallene Gehäuse. Gehäuse aus Schall. Laut lärmend. Ein Lärm, der jedes Gespräch übertönte. Übermalte. Anmalte. Hektisches Treiben – Hektik treibt – treibt eine Riesenschlange… vorwärts.

Köpfe rollten. Tausende rumpflose Köpfe. Seelenlos, rastlos, ratlos. Uferlos! Sein Kopf wanderte mit. Wandelte sich. Es trieb ihn weiter. Nur nicht still stehen. Nicht denken! Sich weiter drehen. Wie ein Rädchen weiter drehen. Taktvoll, rhythmisch. Dem Takt folgend.

Ein Ton löste sich. Löste sich auf. Färbte sich ein. Urwüchsige Steppen, hohe Berge und tiefe Schluchten – tiefes Schluchzen… endlose Weiten… endloses Weinen… eingeschlossen und gefangen! Beschnitten und der Freiheiten beraubt. Zusammengepfercht. Zusammengepfercht auf kleinstem Raum. Unfreies Herz, möchte schlagen. Schlagen ganz laut. Doch deine Töne wurden übertönt. Getönt mit neuer Farbe. Aus Rot wurde Weiß.

Von ihm aber blätterte die Farbe immer wieder ab! Immer noch schmetterte ihm der Spiegel seine unliebsame Herkunft in die Augen. Hart und unausweichlich! Seine Gesichtszüge verrieten ihn, hielten ihn gefangen. Er war gefangen in ihnen. Gefangener einer Farbe. Seiner Hautfarbe!

Andrea Dejon

Kategorie: Kurzgeschichten

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