Zu viel Schaben schädigt Erschafftem


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flickr.com/ Kai-Erik/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Zwischen Pfusch und Genialität

Ein Wort, das in den letzten Monaten häufig erwähnt wird in Zusammenhang mit sozialen, wirtschaftlichen, politischen Themen, ist „schäbig“. Besonders schäbig die Ausdrucksweise, sein Verhalten war schäbig, so oder ähnliche Sätze fließen in fast jeder Gesprächsrunde als Ausdruck für, eigentlich ist es unfaßbar, unvorstellbar, wie hier gehandelt, was hier gesprochen wurde.

Schäbig, mittelhochdeutsch schebic, räudig, von Schabe, Schäbe, Krätze, Räude, abgeleitet von schaben. Synonyme sind ärmlich, zerlumpt, jämmerlich, mies, knauserig, schmutzig, perfide, verachtenswert, niederträchtig.

Schaben, althochdeutsch scaban, ursprünglich, mit einem scharfen Werkzeug arbeiten, schneiden, spalten, sprachverwandt mit schaffen. Andere Wörter sind hobeln, kratzen, reiben, scheuern, raspeln.

Schaffen, althochdeutsch scaffan, scaffōn scepfen, schöpfen, ursprünglich schnitzen, mit dem Schaber bearbeiten, verwandt mit schaben. Andere Begriffe sind arbeiten werkeln, rackern, gestalten, formen, erledigen, werken, hantieren.

Allein schon durch diese kurze Aufzählung ist zu erkennen, durch zu vieles schaffen, schaben, kann etwas schäbig werden, oder? Dies vorausgesetzt läßt einen Schaden entstehen, wer kennt es nicht, wenn durch zu viel scheuern, eine Oberfläche zerkratzt wurde?

Schaden, althochdeutsch scadōn, Schaden. Andere Wörter sind beschädigen, beeinträchtigen, ruinieren.

Der Schaden, mittelhochdeutsch schade, Schade. Synonyme sind Beeinträchtigung, Schädigung, Störung, Fehler, Defekt, Verlust, Makel, Defizit, Mangel.

Der Schade, veraltet, althochdeutsch scado; gotisch skaþjan, schaden. (es soll dein Schade nicht sein), „du wirst dafür belohnt werden“

Nun wird auch hier nicht von einer eindeutigen Verbindung oder überhaupt von einer möglichen Sprachverwandtschaft gesprochen zwischen den beiden Wörtern, schaben und schaden, seitens der Sprachwissenschaft. Dies wiederum ist insoweit verständlich, da keine eindeutigen Rückschlüße zu ziehen sind. Diesen wissenschaftlichen Beweisführungen unterliegen nicht die Sprachexkursionen, die in meinen Kolumnen zu lesen sind, sodaß hier freie Gedankenassoziationen ihren Raum finden können, und es kann für eine geistige Anregung nicht schade sein.

Davonausgehend, daß die Altvorderen für ihre täglichen Handlungen Begriffe genommen haben, die so gut wie möglich ihre Handgriffe verdeutlicht haben, kann sicherlich „schaben“ als ein Ursprungswort genannt werden, dem ein schöpferischer Vorgang inneliegt. Erinnert sei an Funde, bei denen eindeutige Schabspuren an Knochen oder Steinen nachgewiesen werden konnten. Allgemein war diese Tätigkeit „schaffen“, bearbeiten, hantieren, und in einigen Fällen waren diese Ergebnisse sicher auch schöpferische, kreative, demnach eventuell auch qualitativ unterschiedliche Werkstücke.

Allgemein wissen wir, nicht jeder kann alles gleichgut, es wird bei unseren Vorfahren nicht viel anders gewesen sein. Demnach wird nicht jeder die Fähigkeit besessen haben, einen Knochen, Stein, Ast in perfekter Weise abzuschaben. Diese Arbeiten sind infolgedessen zerkratzt worden, im schlimmsten Fall zerbrochen. Das Material bekam einen Schaden oder war gänzlich zerstört, durch unsachgemäßes Behandeln, Bearbeiten. Dabei sind die Begriffe für schäbig entstanden, nämlich jämmerlich, mies und bei Totalschaden entstandene Verluste, Defekte.

Beziehen wir das Wort „schäbig“ nun nicht auf das Bearbeiten eines Materials, sondern auf eine Verhaltensweise, eventuell auf eine charakterliche Eigenart, so können wir nun differenziert erklären, warum das Wort zurzeit verstärkt die Runde macht.

Vielleicht hören Sie aus dem oben bereits genannten Ausspruch, „es soll dein Schade nicht sein, du wirst dafür belohnt werden“, eine gewisse Hinterhältigkeit, eine kleine Verschwörung, eine kleine Erpressung heraus. Denn der Ausspruch kann dahingehend interpretiert werden, machst du dies, bekommst du jenes, wobei sogar hinter dem „machst du dies“ auch eine Aufforderung gegen den Willen des Angesprochenen angenommen werden kann. Die gleiche Aussage wird bei einer Mutprobe oder Aufnahmeriten gefunden und beinhaltet oft kaum überwindbare Schwierigkeiten, je nach persönlichen Aversionen.

Schäbig, also zu viel daran gekratzt, geformt, sind auch ungehobelte Sätze, Aussprüche, die nur aus reinen provokativen und verletzenden Gründen geschrieben, gesprochen werden. Die politische Sprachlandschaft hat sich zunehmend auf eine schäbige, teilweise voll mit niederträchtigen Wortspielen eingearbeitet. Dabei ist zunehmend nicht mehr von einem konstruktiven „Schlagabtausch“ zu sprechen, sondern nur noch von zerstörerischer Sprach- und Redekultur.

Schäbig im Sinne eines Verhaltens sind die Umstände zu benennen, die durch einige Verantwortlichen unter allerdings verschiedenen Begründungen über ihr Tun geäußert werden. Bei manchen in wichtigen Positionen Stehenden ist dies womöglich auch eine charakterliche Eigenschaft, nämlich bewußt Wissen zu unterschlagen, das nötig wäre, bestimmte Zusammenhänge mit den erforderlichen Kenntnissen zu verstehen. Schäbig kann auch in diesem Zusammenhang genannt werden, wenn „altes“ als erwiesene Fehleinschätzungen, überholte Vorstellungen, Ideologien, als „neue“ Auflage proklamiert werden, und dabei sind es nur übertünchte Gedankenstrukturen.

Bei einigen dieser Aufzählungen des „schäbigen“ Verhaltens muß sogar davon ausgegangen werden, daß diese schmutzigen, ärmlichen, niederträchtigen Handlungen nur zur eigenen egoistischen Profilierung dienen und dem Gieren nach Reichtum.

Es versteht sich von selbst, daß Veränderungen sich auf Altem und Neuem aufbauen, dies besagt aber nicht, daß das Alte nur immer wieder neu poliert werden soll, oder das Neue ständig eine Kopie des Alten ist. Dies besagt lediglich, „schaben“, „schöpfen“ ist notwendig, entweder um zu erkennen, es ist nicht alles Gold, das glänzt, oder um aus dem Bestehenden eine neue Form zu bilden.

Schaben ist eine „wichtige“ Tätigkeit, jeder Handwerker und schöpferisch Tätige weiß, nur eine sachgemäße Handhabung mit dem zu Verfügung stehenden Material bringt ein gutes Ergebnis, alles andere ist Pfusch und schäbig.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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