Wer alles platt macht, gewinnt nicht an Größe


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flickr.com/ Renate Dodell/ (CC BY-ND 2.0)

Überheblichkeit kommt vor dem Fall

Platz da! Der Ausruf besagt in etwa, geht aus dem Weg, macht den Weg frei. Warum wird nicht „Ort da!“ oder „Stelle da!“ gerufen, schließlich ist der Platz, der Ort, die Stelle eine Bezeichnung für einen Punkt oder ein größeres Gebiet auf einer Fläche. Platzieren, orten, stellen, sind Verbformen, die sprachlich angelehnt sind an diese Substantive. Allerdings gibt es auch noch das Verb platzen.

Platz, mittelhochdeutsch pla(t)z, vulgärlateinisch platea, Straße, aus dem griechischen plateĩa (hodós), die breite (Straße), von platýs, eben, breit, platt.

Ort, mittelhochdeutsch, ort, Spitze; äußerstes Ende, auch, Gegend, Platz.

Stelle, wohl frühneuhochdeutsche Rückbildung aus, stellen, eigentlich, Ort, wo etwas steht, hingestellt wurde, (mittelhochdeutsch stal, Stall).

Platzieren bedeutet ebenso aufbauen, postieren, hintun, setzen, festlegen, investieren, veranlagen.

Orten bedeutet so viel wie auffinden, aufspüren, erkunden, ermitteln, entdecken.

Stellen bedeutet ebenso setzen, justieren, hinstellen, gefangen nehmen, ergreifen, aufgreifen, spendieren, bieten, einrichten, simulieren, vorgaukeln, markieren.

So genug erklärt, sonst platzen Sie vielleicht aus Wut. Platzen wurde nicht aufgeführt, also noch ein bißchen Geduld, geht ganz schnell.

Platzen, mittelhochdeutsch platzen, blatzen, lautmalend.

Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, das Wort Platz ist ein aus der Vulgärsprache übernommener Begriff und seine ursprüngliche Wortherleitung ist das Adjektiv platt. Die beiden Wörter Ort, (Spitze), Stelle (Stall) haben als Bezugnahme eine „Ortsbestimmung“. Im Gegensatz dazu besagt Platz (platt) den Zustand einer „Ortsbestimmung“ aus. Das Verb platzen gibt schließlich sogar Aufschluß über den Ton, der beim Begehen des Platzes möglicherweise zu hören ist. Denken Sie an Pferdekutschen auf Pflastersteinen, diese Laute können zwar nicht das Trommelfell zum Platzen bringen, aber möglicherweise Ihre Hutschnur oder Ihren Kragen.

Falls Sie als Kind oder jetzt immer noch der Leidenschaft des aufgeblasenen Luftballonstechens frönen, des Papiertütenaufblasens, bis sie mit einem lauten Knall zerreißen, dann wissen Sie, der Luftballon, die Tüte sind jetzt platt, weil Sie diese Objekte zum Platzen gebracht haben.

Wenn Sie „Platz da!“ rufen, möchten Sie, daß eine Menge, die sich an einer Stelle, Ort befindet, diesen verläßt, in dem eine Gasse gebildet wird oder ein Kreis. Die möglicherweise vorhandenen Geräusche werden in solchen Situationen nicht immer, aber oft, je nach Lage der Dinge, verstummen (platt gemacht).

Orte oder Stellen, bei denen es häufig zu lärmenden Geräuschkulissen kommt, haben in ihren Namen oft den Zusatz -platz. Marktplatz, Dorfplatz, Spielplatz, Bahnhofsvorplatz, Flugplatz, Parkplatz, Ankerplatz. Interessanterweise halten wir für andere den Kinositzplatz frei, Sitzplätze generell, es ist noch Platz im Auto. Es heißt, nehmen Sie Platz und nicht nehmen Sie Stelle, Ort. Es gibt den Listenplatz, Tabellenplatz, die Aufzählung bei Teilnahmen an Wettbewerben lauten 1. Platz, 2. Platz usw.

Nicht immer, dennoch oft bringt die Vulgärsprache oder die Umgangssprache einen Sachverhalt besser auf den Punkt als viele Erklärungen.

Wer sich aufplustert, Platz einnimmt, sich positioniert, sich aufbaut, markiert, eine gewisse Größe, Platz in Anspruch nimmt, muß, kann damit rechnen, wenn dies nur eine Vorgaukelei darstellt, daß diese Täuschung irgendwann platzt, und dann ist er platt. Je mehr jemand seinen Umkreis platt macht, in dem er sich „vergrößert“, desto wahrscheinlicher kann diese Ausdehnung platzen oder andere durch ihr „Plattsein“ zum Platzen bringen. Oder, Überheblichkeit kommt vor dem Fall.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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