Brief an Frau Dr. R. zur Kündigung als Integrationscoach – Teil 1


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flickr.com/ cucchiaio/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Sehr geehrte Frau Dr. R.,

Ihr „Kind“, „Integrationsberatung“, beantragt und bewilligt vom „Jobcenter Güstrow“ als freiwilliger Teilnehmer am „Bundesprogramm Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“, droht gerade „in den Brunnen zu fallen“. Ich will nicht, dass ein „Kind in den Brunnen fällt… Verzeihen Sie mir meine „poetische Ader“. Ich hab sie nun mal. Und Sie wissen das. Mit meiner Kündigung haben Sie den Grundstein gelegt.

Als „Integrationscoach“ war ich eingestellt, wie es im Arbeitsvertrag so schön hieß. Das Bundesprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ kannte ich nur vom Namen her. Ich habe es mittlerweile sehr gründlich gelesen und verstanden. Ihre Kreativität, sich dort „einzuklinken“, bewundere ich. Noch mehr Ihren Mut oder Ihre Chuzpe bei der Themenauswahl „Integrationsberatung“.

Eigentlich was für sogenannte „Sozialpädagogen“… Die findet man jedoch unter der vom Bundesprogramm zu erfassenden und zu berücksichtigenden Klientel eher selten. Dies sollte Ihnen eigentlich bekannt sein.

Wir, die angeblich vom Jobcenter „Auserwählten“ (Die Einstellungsgespräche wurden von Frau B. und Frau T. ohne Anwesenheit eines JC-Mitarbeiters geführt), wurden als Personal „ins kalte Wasser“ (in einem gut ausgestatteten Büro, nix zu meckern bis auf langwierige IT-Probleme) geschmissen, komme da, was da wolle. Ich vermute im Kalkül, Hauptsache sie halten still. Weil sie befristet von „H-4“ weg zu sein glauben und hoffen, nach Auslaufen des Programms Anspruch auf ALG I zu haben (Bullshit). Das ist eine andere Sache. Wir haben uns gefreut. Riesig. Ehrlich. Hoffnungsfroh.

Jedoch, da war und ist niemand bei B., welcher mir und meinen Kolleginnen erklären konnte oder wollte, was zu tun sei, abgesehen von der „P.-Exkursion“, welche mich auch nicht sonderlich erhellte. Was Integrationsberatung eigentlich ist? In Ihrem Sinne das Ausfüllen von Zetteln anhand eines Zettels (eine halbe DIN-A4-Seite mit was durchaus vernünftig Formulierten drauf, der Rest sei für uns uninteressant, Betriebsinterna), anhand dessen ich meinen täglichen Tätigkeitsbericht gefälligst zu erstellen habe und müsse. Das war’s.

Als die interne Schulung durch Herrn F. in Sachen Bewerbungsanschreiben und Lebenslauferstellung erfolgte, hatte ich in der Praxis bereits Dutzende für Mandanten, welche ich Klienten nennen soll, erstellt und versandt… In ansprechender Qualität. Und mit Erfolg.

Ob Gesetzesgrundlagen, Asylbewerber betreffend, Ansprech- oder Netzwerkpartner, sei es nun die Ausländerbehörde des Landkreises, die Integrationsbeauftragten, die mit Asylanten befassten Mitarbeiter des JCs, die Träger der Asylantenheime, Partner mit Erfahrung – alles mussten wir uns selbst erfragen und Kontakte knüpfen. Von Seiten unserer Vorgesetzten kein Ratschlag. Nur Anwesenheitskontrolle. Kein Material, außer Büromaterial. Und einem „Duden“ als Fachliteratur. Für Frau P.: doch dazu später.

Über allem hängt das „Damoklesschwert“ Zertifizierung. Was ich durchaus verstehen kann. Da hängt ganz „S“ dran. Ich bin mir dessen bewusst. Dummerweise bin ich mit ganzem Herzen bei Integration dabei, schon weil ich um die Geschehnisse der Gegenwart weiß. Sogar wo Syrien liegt. Und wer uns die „Flüchtlinge“ beschert. Wir selbst. Und weil ich, so ganz nebenbei, in meiner Freizeit, auch noch ehrenamtlich „Integration“ betreibe. Was ich nun forcieren werde. Denn die Menschen, die sich mir anvertraut haben, vertrauen mir und achten mich.

Qualität und Quantität stimmen in diesem S-Projekt „Integrationsberatung“ nicht überein. Anwesenheit und kreative Buchführung zählen.

Erstes Beispiel: Unser Büro muss immer besetzt sein. Komme, was da wolle. Donnerstags ist bei uns verordnete Öffnungszeit (sprich Anwesenheitspflicht) eines Mitarbeiters bis 16.00 Uhr. Eines schönen Tages gegen 15.00 Uhr bekomme ich einen Anruf vom Jobcenter, ob ich einen potentiellen Problemfall (potentiell obdachlos) nicht persönlich in Empfang und betreuen könne. Das Chefbüro war nicht besetzt. Auf dieser Ebene geht dies offenbar. Gegen 15.30 Uhr entschloss ich mich, eigenmächtig auf „Wanderschaft“ zu gehen. Zum Jobcenter.

Als ich ging, fuhr Herr F. auf den „Hof“, ich schilderte ihm kurz den Sachverhalt, er wünschte mir frohe Verrichtung – na ja, jedenfalls gelang es mir, dem Problemfall ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Am nächsten Morgen der „Anschiss“. Das Büro müsse bis 16.00 Uhr besetzt sein. Wenn denn nun das Jobcenter zur Kontrolle gekommen wäre… Ich denke, dies grenzt bereits an Schizophrenie.

Fortsetzung folgt…

Peter Petereit

Kategorie: Soziales

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2 Antworten zu Brief an Frau Dr. R. zur Kündigung als Integrationscoach – Teil 1

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Bei solchen Geschichten weiß ich nie ob ich lachen oder doch eher weinen soll.

    Gefällt 1 Person

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