Abgehoben


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Ah, das neue Jahr hat angefangen, wie ich mich freue. Dieses Mal wird mehr daraus gemacht. Ich will etwas erleben, Menschen kennenlernen. Eine Menge Menschen! Des Abends und des Nachts sind sie ja immer in den Kneipen und Diskos zu finden. Eine Menge Menschen, eine Unmenge von Menschen. Sie feiern und tanzen, und tanzen und lachen, lachen und grölen – haben ihren Spaß. Also dann, nichts wie los. Entlassen wir einfach den Tag und stürzten uns in die Nacht. In die tiefe Dunkelheit der Nacht. Und das Alleinsein hat ein Ende.

Rein in die ausgeflipptesten und teuersten Klamotten, die kommen mir gerade recht. Denn Kleider machen schließlich Leute. Und ich will der King des Abends sein… Herrlich diese Neonlichter und die kalten Leuchtreklamen, wie sie die Nacht erhellen – da wird einem doch gleich warm ums Herz… Ja, das ist meine Welt.

Überall sehe ich Menschen. Eine Menge Menschen. Ich bin von einer riesigen Menge von Menschen umgeben. Ja, wirklich, das Alleinsein hat eine Ende gefunden, hier bin ich richtig. Und diese tanzenden, wahnsinnig blinkenden Lichter, die immer wieder noch ein Gesicht aus der Dunkelheit ins Licht holen!

Und erst die Musik, ihr Rhythmus, ihr dröhnender Baß – sie strömen in mich hinein wie der Alkohol, fließen und fließen beständig weiter. Ich bin eins mit ihnen, mit der Musik, dem Licht und den Menschen, und sie mit mir. Es ist herrlich, all diese Menschen, diese vielen Menschen. Sie stehen und tanzen, tanzen und grölen – ein jeder für sich – und dazu schlägt die Musik den Takt. Den Takt der einsamen Herzen. Also los, laßt uns feiern, feiern bis in die Puppen. Und noch ein Glas, zum Wohl! – Solange wie Geld in meinen Taschen ist…

Wie toll er dröhnt, der alles vernebelnde Baß. Macht jede Verständigung sinnlos, aber wir, wir verstehen uns – wortlos, grußlos, grundlos, endlos. Die Musik enthebt mich aller Verpflichtungen, ich habe alle Erdschwere verloren. Allein, wer spricht da von Alleinsein – nein, hier doch nicht. Hier sind alle. All die Nightfighter, die mit mir zusammen in der neonbeleuchteten Dunkelheit der Stadt ihre Schwingen erheben wollen, um hinauf zu den Sternen zu schweben.

Und noch ein Glas, wie herrlich es durch meine Kehle fließt. – Oder, wie wäre es mit den kleinen bunten Pillen, die mein Nachbar für wenig Geld verteilt?! – Vertreiben die Müdigkeit und auch den letzten Rest von Traurigkeit. Jeder Gedanke wird zum Stillstand gebracht, das Bewußtsein aufgelöst – erlöst von der Müdigkeit des Denkens und Fühlens.

Ich spüre den Puls der Nacht, den Puls all der Menschen hier, wir sind alle eins und glücklich. Ein jeder für sich, gut eingepackt und eingelullt in eine Dosis aus künstlichem Licht und Gefühl. Aber es bedeutet Leben. Leben in Übermaß, ja, das ist es, was ich suche!

Mein Kopf, er dröhnt, alles dreht sich um mich, ich steige, verliere den Boden, immer höher und höher führt mich mein Flug. Der Baß schlägt in meinem Bauch, mein Körper spielt mit mir, als wäre ich der Beat selbst – taat tüt taat tat, taat hü taat ha, hahaha… ich sauge jeden Ton davon ein. Ich fühl‘ mich so leicht, so unendlich leicht… Ich könnte fliegen, das spüre ich genau, wenn mich nur nicht all die vielen Schläuche, Kabel und Infusionen am weißen Erdboden festhalten würden.

Andrea Dejon

Kategorie: Kurzgeschichten

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Eine Antwort zu Abgehoben

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Sehr gut geschrieben Andrea!

    Gefällt 1 Person

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