Produkt oder Ware – der feine Unterschied macht es aus


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Ihre Entscheidung sich vorführen zu lassen oder zu bewahren

Es dürfte hinlänglich bekannt sein, vor Fest- oder Feiertagen stehen vor den Supermarktkassen Schlangen von Menschen genauso wie bei einem Superschnäppchenangebot. Für einen neuen Verkaufsschlager übernachten sie sogar vor den Geschäften genauso wie bei Neueröffnungen, wenn speziell für diesen Tag die Preise reduziert sind. Darüber zu schreiben, lohnt sich nicht wirklich, aber haben Sie sich schon einmal gefragt, ob die Menschen Schlange stehen für ein Produkt oder für eine Ware? Sie meinen, dies ist das Gleiche, nur eben ein anderes Wort? Schließlich ist ein Massenprodukt eben eine Massenware.

Produkt, lateinisch productum, das Hervorgebrachte, abgeleitet von, producere, produzieren. Produzieren, lateinisch producere, productum, hervorbringen; vorführen, von ducere, führen. Andere Synonyme sind Resultat, Werk, Handelsgut, Fabrikat, Erzeugnis, Machwerk, Artikel.

Ware, mittelhochdeutsch war(e), Herkunft ist nicht geklärt, möglicherweise abgeleitet von veraltet Wahr (wahren), in Verwahrung Genommenes. Andere Bezeichnungen sind Handelsgut, Fabrikat, Erzeugnis, Artikel, Produkt, Konsumgut, Werk.

(Laut DWB Gebrüder Grimm, ist das Wort seit dem 13. Jahrhundert als Lehnwort belegt, obwohl in fast allen germanischen Sprachen benützt, dennoch sei es zweifelhaft oft es wirklich urgermanisch sei. Das Wort ist sprachverwandt mit gotisch waírþs, wert, preis und altindisch văra– kostbar, Kostbarkeit, vaụij– (varnij-) Kaufmann.)

Das altnordische Wort für versehen, bekleiden, verja und das altfriesische Wort ware, Aufsicht, Gewahrsam, Besitz sind ebenso sprachverwandt, demnach ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß eine enge Sprachverbindung zwischen Ware und wahren besteht.

Wahren, althochdeutsch wara, Aufmerksamkeit, Acht, Obhut, Aufsicht, also eigentlich, beachten, in Obhut nehmen.

Ein bißchen viel Worterklärung, aber hinsichtlich einer Unterscheidung und Wertigkeit der beiden Wortvergleiche nötig, denn anhand des Wortes Ware läßt sich beispielhaft erkennen, unsere Vorfahren waren in Handelsgeschäften sehr aktiv, dafür brauchten sie zur Verständigung einen Begriff, der fast überall verstanden wurde, und es zeigt aber auch gleichzeitig den Wertgehalt an, denn schließlich konnten sie damals nicht einfach Schlange stehen, wenn es ein günstiges Angebot gab.

Das Produkt, producere, also vorführen, ist laut der Sprachherleitung lediglich ein vorführen, hervorbringen und besagt nichts über einen Wert, noch Bewahren aus, es ist ein zusammengefügtes Wort aus dem Grundwort führen. Und demnach ist es rein sprachlich ein völliger Unterschied, ob eine Ware eingekauft wird oder ein Produkt.

Natürlich ist es in vieler Hinsicht heute, gerade wegen der industriellen Fertigung möglich, daß fast alle Menschen eine Uhr, ein Auto, einen Fernseher, eine Waschmaschine, Schuhe, Kleidung, oder was auch immer kaufen können, theoretisch. Selbst vor ein paar Jahrzehnten war dies in Deutschland nicht der Fall, Kinder gingen sommers barfuß, hatten oft höchstens zwei Paar Schuhe, es gab die Kleidung für die Wochentage oder Sonn- und Feiertage. Kleidung wurde oft selbst genäht, geflickt, Schuhe sind bisweilen von den großen Geschwistern an die jeweils jüngeren weitergegeben worden. Grundsätzlich achtete man auf seine Kleidung, das Werkzeug und seinen Besitz im Sinne von Bewahren in einer anderen Form als heutzutage.

Handwerklich hergestellte Kleidung, individuell angepaßte Schuhe würden auch heute sich nicht viele Menschen leisten können, somit hatte die industrielle Fertigung ohne weiteres seinen „Segen“ für viele Menschen. Das Problem, das sich allerdings aus der Fabrikation ergibt, ist die meist mangelnde Qualität und zwar auf Grund von der Auslastung der Maschinen, nicht unbedingt auf Grund von minderwertigem Material bei der Herstellung. Maschinen müssen laufen, da oftmals durch das Anwerfen und Abstellen der Maschinen ein erheblicher Kostenfaktor entstehen würde.

Wie kann man diesen Kostenfaktor verhindern, indem man produziert und produziert, auch wenn es einen Überschuß gibt? (Heutzutage weniger, da Maschinen schneller durch Computerprogramme auf ein neues Muster, Form etc. umgestellt werden können, dadurch immer neue Produktreihen, „Mode“ auf den Markt geworfen wird.) Den Kunden wird „vorgeführt“, dies ist besser, schöner, stabiler etc. und ein Überschuß somit weitestgehend vermieden, augenscheinlich, aber eigentlich nicht.

Warum nicht? Weil durch diese Massenproduktion Arbeitsplatze verloren gehen, somit der Kundenkreis kleiner wird, die Ressourcenverschwendung zunimmt und immense Kosten für die Entsorgung der Produkte anfallen, die wiederum durch Steuern und Abgaben bezahlt werden, und somit ist das anfänglich günstige Produkt auf Dauer teurer als eine Ware, die entweder noch handwerklich oder qualitativ höher hergestellt wurde.

Die Natur hat den Kreislauf von Angebot und Nachfrage besser im Griff als wir. Dies kann nicht nur im Insektenreich klar erkenntlich gesehen werden, durch bestimmte hohe Aufkommen einer Spezies, bei manchen in regelmäßigen Jahresabständen, wird eine überhandnehmende Spezies eingedämmt. Ähnlich verhält es sich auch bei Säugetieren, ist auf Grund bestimmter Verhältnisse eine Art stark in der Population gewachsen, bedingt sie eine Zunahme der Populationen ihrer natürlichen Feinde. Das Gleiche gilt übrigens im Pflanzenreich.

Es ist nicht unbedingt die industrielle Fertigung, die es demnach zu bemängeln gibt, es ist die Unflexibilität, Trägheit und die Gier nach ständig Neuem. Eine bessere Verbindung zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen vorführen und bewahren, würde nicht nur in Bezug auf den Arbeitsmarkt, die Umwelt, eventuell auch für eine anderes Bewußtsein zwischen Natur und Mensch fördern. Diese Entscheidung liegt nicht nur bei den Produzenten, sondern ausschlaggebend bei den Konsumenten, denn diese entscheiden zwischen dem Vorführen, (Führer) und dem Wahren (Acht, Aufsicht, Obhut).

Ob Sie sich beim nächsten Einkauf für eine Ware oder ein Produkt entscheiden, kann demnach weitreichendere Folgen haben, als bloß taube Beine vom langen Anstehen in der Menschenschlange.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Eine Antwort zu Produkt oder Ware – der feine Unterschied macht es aus

  1. Publicviewer schreibt:

    Ha… guter Ansatz…Chapeau…;-)

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