Bildungssysteme auf dem Prüfstand


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Schule eine Spiegelung gesellschaftlicher Abgründe?

Bis zur Volljährigkeit verbringt man in der Regel die Schulzeit, wer den Weg des Gymnasiums wählt, was oftmals mit dem Erwachsensein gleichgesetzt wird. Nach früher Kindheit beginnt der „Ernst des Lebens“, wie gern manche Eltern ihren jungen Sprößlingen gegenüber bemerken, um sie auf eine Schulzeit aufmerksam zu machen, die kein Zuckerschlecken bedeutet, sondern sehr viel Mühe abverlangt, die zu erwartenden Lerninhalte zu verinnerlichen.

Damit später im Berufsleben diese sinnvoll angewandt werden können bzw. sie auf die Studienzeit vorbereiten mögen. Klingt so selbstherrlich einfach, wobei der kritiklos bescheiden Hinnehmende in sein Schicksal sich fügt, Hauptsache die Penne beendet, in die Arbeitswelt sich geflüchtet. Müssen wir nach wie vor feststellen, daß jahrzehntelange Bildungsreformen sich in einer Sackgasse befinden? Schule eine Spiegelung gesellschaftlicher Abgründe?

Lehrer Sündenböcke für verfehlte Schulreformversuche

Erinnern wir uns an die eigene Schulzeit, über tolle Lehrer und welche, die man am liebsten für immer wegbeamen wollte, um mal „Bezaubernde Jeanny“ oder „Raumschiff Enterprise“ zu zitieren. Lehrer haben die notwendige Aufgabe, ihren Schülern Lerninhalte zu vermitteln. Dabei spielen ihre eigenen Persönlichkeiten ohne weiteres ebenso eine Rolle, in wie weit sich Schüler beeinflussen lassen oder sich verweigern.

Man sollte nicht unterschätzen, daß dabei Sympathie und Antipathie mit ins Spiel kommen, selbst wenn Schulen immer wieder behaupten, die Lehrer würden ein hohes Maß an Neutralität bewahren, entspricht dies keineswegs der Realität. Eine Bevorzugung oder Herabwürdigung bestimmten Schülern gegenüber findet sehr wohl statt.

Das Wissen darum, daß Lehrer ganz entscheidend über den Verlauf der Schulzeit wirken, ob positiv oder eben negativ, gibt es nicht erst seit heute, sondern schon so lange Schulen existieren. Im Zuge vielfacher Schulreformversuche geriet es nur eher in Vergessenheit, alle anderen Umstände wurden als Schuldige gefunden, nur an der „Festung“ einer fundierten pädagogischen Ausbildung wollte niemand wirklich rütteln, mit dem Staatsexamen in der Tasche werden sie auf ihre Schüler losgelassen.

Kein Geringerer als der Erziehungswissenschaftler und Direktor des Melbourne Education Research Instituts an der Universität von Melbourne, John Hattie, hat 2008 in seinem Buch „Visible Learning“ beschrieben, in welchem die Ergebnisse seiner fünfzehnjährigen „Hattie-Studie“ einfließen. Brauchen wir tatsächlich ein solches Werk, um selbstverständliche Erfahrungen über den Sinn wertvoller oder eher unfähiger Lehrer uns verdeutlichen zu lassen? Dabei betrachtet Hattie weder Demokratiefähigkeit noch Kreativität oder stellt gezielte Fragen zu sozialen Belangen. Nein, dazu bedarf es wahrlich einer umfassenderen Analyse.

Ganzheitliche Bildungssysteme mit ein Schlüssel zur Besserung?

Dennoch haben sich Lehrer nach den Vorgaben einer Wirtschaft zu richten, weil sich alles dann im weiteren Verlauf der Bildung in dem zu erwartenden Berufsleben richtet. Und genau dort angesetzt wird, wenn wir generell etwas ändern wollen. Die Notwendigkeit eines grundlegenden Umdenkens wird immer bewußter uns vor Augen geführt, falls wir tatsächlich etwas zum Guten bewirken wollen. Was spricht gegen ganzheitliche Bildungssysteme, die im Einklang jedes Wesen berücksichtigen und nicht jene Ellenbogenmentalität anwenden, in der Verlierer untergehen und Gewinner sich behaupten? Karl-Heinz Schuster setzt sich seit geraumer Zeit dafür ein.

Gar nichts, ganz im Gegenteil, die Notwendigkeit, daß Mensch endlich begreift, in wie weit er sich zum Sklaven der Wirtschaft hat formen lassen, zeigt sich nun mal im Berufsleben selbst. Denn Bildung und Wirtschaft sind eng miteinander verbunden, weil Schule sich nach der Wirtschaft orientiert. Wenn diese Menschlichkeit im Fokus sämtlicher Überlegungen umgesetzt würde, kann auch die Bildung völlig neue Wege finden und gehen, die eine spürbare Erleichterung für alle bedeutet.

Radikale Reformen notwendiger denn je

Ein Ivan Illich mag womöglich nicht ganz unrecht haben, wenn er in seinem 1971 erschienenen Buch „Deschooling Society“ die Idee der Entschulung aufgreift, Schule als eine Autorität für die Ökonomie interpretiert, Menschen dahingehend vorzubereiten, ständig sich wiederholende Arbeiten bis ans Lebensende vollrichten zu müssen, in Schulen gedrillt zu Gehorsam, Fleiß und Pünktlichkeit, das hierarchische Denken einzuüben für eine Welt der Leistungskonkurrenz und Normkonformität. Ebenso die Progressive-Rock-Band Pink Floyd diese Thematik in „The Wall“ aufgriff.

Obwohl zuvor Paul Goodman, der das etablierte Schulsystem vehement kritisierte oder später ein Hartmut von Hentig, der statt einer Abschaffung der Schule eine radikale Reform befürwortet, eines sollten solche Überlegungen verdeutlichen: Es kann und darf nicht einfach eine dermaßen am Menschen vorbeigehende Pädagogik in der Bildung hingenommen werden, sondern es muß sich vieles nachhaltig ändern.

„In der modernen Geschäftswelt ist es nutzlos, ein kreativer Denker zu sein, wenn man das, was man erschaffen hat, nicht auch verkaufen kann.“ (David Ogilvy)

Stimmt ein Stückweit. Aber ich sage: „Wenn die moderne Geschäftswelt am Ende feststellen muß, daß viel Geld Reichtum, Macht und Ausbeutung bedeuten, letztendlich sie daher daran scheitert, wird der kreative Denker dann besonders wertvoll mit viel mehr Achtung behandelt.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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