Dreiundsiebzig sind zehn


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Früher war es fast jeden Tag, heute muß Daniello sich aufraffen, seine dreiundsiebzig Stufen in die untere Stadt zu gehen. Das Städtchen liegt malerisch an einem See, viele Häuser sind in den Hang gebaut, zu erreichen auf serpentinartigen Straßen. Früher waren die Häuser im Hang die Wohnungen der Armen, eher Hütten, Verschläge. Unten lebten die reichen Handwerker, Kaufleute, Beamte und nicht zu vergessen die Wirte, die nicht nur von den Bewohnern lebten. Durch das Städtchen verliefen drei wichtige Straßen, die Straße, die entlang des Sees und zwei Straßen, die eine Richtung Nordwest, die andere Richtung Nordost führten, sie waren schon von alters her Handelswege. Früher wurden viele Waren über den Seeweg ins Landesinnere transportiert. Dieser Umstand machte die Einwohner zu recht wohlhabenden Städtern.

Diese Tatsache sei nur am Rande erwähnt, weil er für Daniellos Leben bedeutete, in seinem Geburtsort alt zu werden. Daniello war das siebte Kind von Jose und Maria, die bei seiner Geburt starb. Aus dem Nachbarort übernahm eine Hebamme, zu der er gebracht wurde, die gesamten Bedürfnisse, die ein kleines Baby und Kleinkind so haben, denn er war bereits über ein Jahr alt, als er zurück zu seiner Familie gebracht wurde. Seine anderen Geschwister, die alle um einiges älter waren als er, halfen von klein auf ihrem Vater oder im Haushalt. Nachdem aber Rosalie eine Anstellung in einem Wirtshaus angenommen und Franco beim Schmied untergekommen waren, beschloß der Vater, sich eine neue Frau zu suchen. Die tanzte quasi in die gute Stube, nachdem sie reißaus von ihrem Freier nahm und eigentlich auf dem Weg über die Grenze war, um möglichst weit weg zu rennen, damit sie nicht wieder in seine Fänge geriet. Jose bot ihr nicht nur ein Nachtlager an, ebenso ein für sie vorstellbares Leben als Olivenbäuerin, gefälschte Papiere, die er besorgen konnte, und eine Familie. Denn fürs Kinderzeugen sei er zu alt. Sie willigte ein, und die Sache mit dem Kinderzeugen funktionierte, wider seiner Annahme, mit der Geburt von noch drei Kindern.

Francesca war eine herzensgute Mutter für Daniello, zu ihm hatte sie die meisten mütterlichen Gefühle, abgesehen natürlich zu ihren eigenen Kindern. Sie war es auch, die Daniello zur Schule schickte, jeden Tag, ohne Ausnahme mußte er zwei Jahre lang alleine runter in die Stadt. Dreiundziebzig Stufen jeden Tag. Außer Sonntag und den wenigen Feiertagen. Die Stufenanzahl konnte er schon nach ein paar Wochen Schule zählen, daß er dabei die tatsächliche Anzahl nicht nennenswert fand, störte ihn nicht. Es war seine liebste Zahl, und die unterschlagenen Stufen waren jene, die durch Wege von den 73 Stufen getrennt waren. Diese Zahl kannte er, aber wen interessiert das, ob die Gesamtzahl nun 130 oder gar 160 war, die dreiundsiebzig Stufen waren für ihn wie für andere Lehrjahre seine Studienzeiten.

Auf diesen dreiundsiebzig Stufen lernte er Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, Dividieren, das ABC, Gedichte, Lieder und später, als er unter die Fittiche von Pater Anselmo kam, griechisch. Selbst die Naturwissenschaften wurden hier auf den dreiundsiebzig Treppenstufen zur Kleinigkeit beim Verstehen lernen.

Pater Anselmo überredete, vielmehr drängte Jose dazu, seinen Sohn für die priesterliche Laufbahn ausbilden zu lassen. Und weil ihn Francesca geradezu darum anflehte, auch in Anbetracht ihrer von Gott gefügten Aufnahme als Mutter seiner Kinder und des Glückes, das sie gemeinsam den ursprünglichen Besitz mehr als verdoppelt haben, willigte er ein, daß Daniello die Laufbahn zum Priestertum beschreiten kann. Von Seiten Pater Anselmos wurde ihm eine glänzende Karriere hinter Klostermauern versprochen.

Das wäre sicherlich auch geschehen, wären da nicht die dreiundsiebzig Stufen gewesen, die Daniello für alles, was er tat, zu tun pflegte, dachte, sprach die größte Rolle in seinem Leben gespielt hätten. Lange bevor er das binäre Rechensystem und Denken durch die Schule vermittelt bekommen hatte, wußte er, daß die Zahl 10 seine Zahl ist. Sein Leben. Für ihn bildete die 70, quasi die Verstärkung der Zahl sieben, da er das siebte Kind der „alten“ Familie war. Der Grundstock seines Lebens. Die Zahl 3 deutete er für die Anzahl der Kinder, also seiner Halbgeschwister, für die er sich verantwortlich fühlte, wenn sie mit ihm gemeinsam den langen Weg zur Schule ins Städtchen und zurückliefen. Sieben und drei sind 10. Die ersten Stufen, die er morgens zu gehen hatte, waren unterteilt, weil zwischen der siebten Stufe und der achten Stufe der Holzbohlen fehlte genauso wie zwischen der zehnten und elften Stufe. Die folgenden übrigen dreiundsechzig waren ohne irgendeine Unterbrechung zu betreten. Die eins, als die Zahl, die nicht zu berechnen ist und die Null, die nichts und alles bedeuten kann. Eins, null, die erste zweistellige Zahl. Eins, null, die beiden Zahlen, die jede x-beliebige Zahl benennen. Eins, null, als zwei Konstanten für jede erdenklichen geistigen, wissenschaftlichen Fragen und Antworten.

Ein halbes Jahr bevor er das Gelübde ablegen sollte, um für immer, mehr oder weniger, hinter Klostermauern zu verschwinden, die ihm zwar die Möglichkeit zu Studien geboten hätten und sogar, laut Pater Anselmo im späteren Alter den Titel eines Kardinals, verließ er das Kloster und wurde mit 20 Jahren Lehrling beim Frisör am Marktplatz des Städtchens. Alle Argumente, die ihn vor diesem Schritt entgegengeschleudert wurden, sogar die Ohrfeigen von Francesca, die Drohung des Vaters, er dürfe nie wieder einen Fuß in sein Elternhaus setzen, prallten an ihm ab. Der einzige Satz, den er als Erklärung für seinen Sinneswandel stets wiederholte, war, das Leben besteht darin, das Unberechenbare mit nichts zu erklären und das Unerklärbare als eins zu erkennen.

Er wurde schnell zum Liebling sämtlicher Damen des Städtchens, da er ohne Hintergrundinteresse der einzelnen Verfeindungen, Freundschaften der Familien, mit jeder plauderte, als wäre sie die Königin des Städtchens. Und da die Herren feststellten, Daniello ist hinter keinem Frauenrock her, kamen auch sie immer öfters, um mit ihm über sämtliche Belange, Befürchtungen, Anlässe des Städtchens,während sie rasiert oder frisiert wurden, zu debattieren.

Inzwischen ist Daniello vierundachtzig Jahre alt, seine Beine versagen ihm oft, er leidet an Rückenschmerzen, manchmal will sein Husten nicht aufhören, trotzdem steigt er langsam, mindestens dreimal die Woche seine dreiundsiebzig Stufen ins Städtchen runter. Er hat es ohne großen Widerstand im Rathaus und bei den Bewohnern des Städtchens durchgesetzt, daß die fehlenden Stufen zwischen der siebten und achten und der zehnten und elften Stufe nicht ersetzt wurden. Sie alle haben seinem Wunsch bereits vor langen Jahren zugestimmt.

„Francesca, meine göttliche Enkelin, darf ich dir wieder einmal unter die Arme greifen?“

Der Frisörsalon wird nunmehr in der dritten Generation geführt, einige Kunden wünschen dennoch, nur von ihm bedient zu werden, vor allen Dingen die Honoratioren. Im Grunde nur, um alte Zeiten dadurch jung zu halten, obwohl sie sich regelmäßig im neuen Hotel am Platze zu einem Stammtisch treffen.

„Nonnino, aber nur wenn ich dir unter die Arme greifen darf beim Nachhauseweg!“

„Eins zu Null für dich, meine Göttin, deinen Fahrdienst nehme ich gerne an!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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