Alter Krempel


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„Tschuldigung!“ Elisabeth drehte sich kurz um, nickte geistesabwesend. Sie wußte nicht recht, ob es ihr Mißgeschick war, direkt in die Arme von ihm gelaufen zu sein. Bevor ihr bewußt wurde, was geschehen war, hörte sie eine dunkle Baritonstimme. Attraktiv, dachte sie. Ein schöner Mann.

Auf dem Weg zu ihrem Mietauto kam es ihr so vor, als wäre sie registriert worden, obwohl sie noch gar nicht lebte. Vielleicht hinkte der Vergleich. Und nein, solche Gedanken wollte sie jetzt auf keinen Fall weiter verfolgen. Bemerkt, obwohl man Tod, nicht geboren, nicht mal ein Stern, kein Sternenstaub. Sie meinte zu wissen, daß man Kindern bei der Frage, wo war ich vor meiner Geburt, die Erklärung gab, du warst Sternenstaub. Sie konnte nicht mal Sternenstaub gewesen sein. Nichts. Nichts ist auch was. Schluß damit.

Die Einstellung für das Navi hatte sie im Handumdrehen eingetippt. Inzwischen kannte sie das Modell, das die Autovermietung in ihren Wagen installiert hat. Die letzten Monate nahm sie diese Möglichkeit öfters wahr, um einfach mal rauszukommen. Raus aus dem Trott. Ab in den nächsten. Bin ich eigentlich nie zufrieden? Wahrscheinlich.

Als sie kurz in den Rückspiegel blickte, bevor sie rechts abbog, um in Richtung Autobahn zu fahren, sah sie den dunkelhaarigen Mann von vorhin winken. Galt das ihr? Einbildung. Sicher galt das jemandem, der auf der gegenüberliegenden Straße läuft oder im Auto sitzt. Sie ist tot. Verwunderlich, wenn sie jemand sehen könnte. Elisabeth! Wenn du so schlechte Laune hast, dann fahr doch nach hause, leg dich ins Bett, Decke über den Kopf. Ich will aber nicht. Meine Stimmung ist okay. Alles okay. Konzentriere dich die nächsten zwei Stunden Fahrt, als Belohnung gibt’s um 18 Uhr eine Massage. Wellness pur. Danach relaxen, essen und ein kleiner Rundgang durch die Altstadt.

Sie saß auf der Bank des Wartehäuschens, der Bus würde erst in einer Stunde abfahren. Ihr sei schlecht, hat sie der Lehrerin erzählt, die ihr fest in die Augen sah, dennoch wohl ihre Lüge nicht erkannte, hätte sie sie sonst gehen lassen? Ihre Freundin war seit Tagen nicht zur Schule gekommen, lag zuhause mit einer Grippe. Das war ihr nur Recht, sie hatten gestritten und sie ärgerte sich, daß sie ihr die Grippe sozusagen als Strafe gönnte, andererseits würde sie am liebsten zu ihr rennen und sich wieder mit ihr vertragen. Vertragen ging aber nicht. Eine alte Frau setzte sich schwer atmend zu ihr. Zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und verstaute es verschmutzt wieder in ihr. Bäh! Mit ihrer Kopfbewegung verfolgte sie jedes vorbeifahrende Auto, egal in welche Richtung es fuhr. Und fuhr mal keins, kramte sie in einer ihrer Taschen. Was schleppte sie denn da mit sich? Alle gefüllt, vollgepackt. Manchmal stierte sie ihrer suchenden Hand nach, als ob die Hand eine Taschenlampe wäre, trotzdem kam die Hand, ohne irgendetwas in den Fingern zu haben wieder aus der Tasche hervor.

Blöde Kuh! Wenn ich mal so alt bin, sowas werde ich nie machen! Bin ich wirklich anders als die Alte damals? Mache ich nicht täglich genau dasselbe? Drehe meinen Kopf hin und her, krame in Erinnerungstaschen, fische aber nie etwas heraus, betaste sie nur, vergewissere mich, daß sie da sind. Nichts verloren gegangen ist, die Tasche kein Loch hat, durch das etwas abhandenkommen könnte? Drehe den Kopf hin und her, damit ich alles, was um mich herum geschieht, ins Auge fassen kann, nichts verpasse, lebe? Die Alte stand damals auf, als sie ein Auto kommen sah und schwenkte ihren Arm mitsamt Taschen. Das Auto hielt, sie öffnete die Beifahrertür, die kannten sich, hörte wie der Fahrer sagte: Na, wieder mal auf Einkaufstour gewesen, Frau Senger! Oder so ähnlich hieß sie wohl. Ja, ja und beim Arzt.

Elisabeth, du konntest kein Sternenstaub gewesen sein, vergiß das, du warst eine Sternengeburt, ungewollt, dein Sternenstaub ist erst im Leben sichtbar. Sie war nicht nur zu jung, sie kannte noch nicht mal Liebe, sie kannte Vertrauen, sie wurde vergewaltigt, sie wurde in ein Leben gerissen, daß sich keiner vorstellen mag. Damals schon gar niemand. Die Familie und deren Unbeflecktheit waren die Themen, das mußte gehütet werden, nicht das Kind, mit 14 ist man noch Kind. Also zu Verwandten geschickt, bis das Kind geboren wurde, dann Adoption. Viel Geschrei, Prügel, keine Liebe. Muß man das verstehen?

Sie starb, Mitte 20, drogenabhängig, Familiengrab beigelegt, beigelegt und abgelegt. Mich wollen sie nicht haben bei der Familie, das sei alter Krempel, das nütze niemanden etwas, sie sei tot, ich sei tot. Verdammt, ich bin eure Enkelin. Seien sie vernünftig, wir kennen sie nicht, und Lore kannte sie auch nicht. Lore ist tot, Lore wollte sie nicht. Wir wollen nicht mehr daran erinnert werden. Sie haben Lores Leben zerstört, und zum Vererben gibt’s auch nichts, das wäre ja noch schöner. Erst die Familie in Verruf der Schande bringen und dann noch Forderungen stellen.

Ich bin sowas von tot. Wie lange schon? Kein Sternenstaub, ein Nichts. Es wird Zeit, daß ich aufstehe und nach einem Auto winke wie die alte Frau damals.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ „Ja, aber!“ „Ich tu ihnen schon nichts, bin auf der Flucht vor meiner Frau und meiner Tochter, die belagern das ganze Zimmer, schon seit Stunden. Wir wollen, nein, sie, also Tami, meine Tochter, feiert heute Verlobung, aber die beiden verhalten sich so, als ob es schon die Hochzeit wäre. Und Sie sind die einzige, die hier alleine sitzt, da dachte ich, ich leiste Ihnen Gesellschaft.“ „Oh, herzlichen Glückwunsch für Ihre Tochter!“ „Ja, ja, sie hat es gut getroffen, aber diese Übertreibungen, meine Frau und ich haben in einem VW-Käfer Verlobung gefeiert, wenn man das so sagen kann. Andere Zeiten damals. Heute, ach was, gönnen wir ihnen die Freude. Meine Tochter holt all den Kitsch nach, den wir nicht mitgemacht haben. So komme ich ein wenig in den Genuß, das, was ich anscheinend verpaßt habe, wenigstens bei meiner Tochter mitzuerleben.“ „Feiern Sie hier im Hotel?“ „Ja, ja, darauf habe ich bestanden, verstehen Sie, Flucht und so.“

Er lachte schallend auf und Elisabeth ließ sich anstecken, so daß sie sich fast verschluckt hätte. Das ist sicher ein Sternenstaubkind.

„Tami ist unsere einzige Tochter. Wir hatten nicht mehr daran geglaubt, jemals Eltern zu werden, deshalb wird sie von meiner Frau auch so verwöhnt. Auch von mir, das will ich gar nicht leugnen, aber diese beiden zusammen, die gebären mehr Sterne, als das Universum verkraften kann.“ „Sterne gebären?“ „ Ja, ja, das ist mein Ausdruck dafür, wenn die beiden und das sind sie beide, mit ihrem Temperament alles um sich herum anstecken mit ihrer fröhlichen Natur. Sie verstehen, sie verteilen Sternenstaub.“ „Aha!“

„Wissen Sie, meine Tochter, also, sie, sie war einfach eines Tages da. Meine Frau ahnte nichts von der Schwangerschaft, sie hatte Magenkrämpfe, ihr ging es schlecht, wir sind ins Krankenhaus gefahren und mit einer Tochter wieder nach hause. Sie ist unsere Sternengeburt.“ „Oh!“

„Ist Ihnen schlecht?“ „Nein, nein, das klingt interessant, ich glaube, ich bin auch sowas wie eine Sternengeburt.“ „Das war mir sofort klar, als ich Sie hier sitzen sah.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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