Über dem See


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Sie standen an der Hafeneinfahrt. Obwohl die Sonne bereits ihre wärmende Kraft des fortgeschrittenen Frühlings hatte, war ihr kalt. Ihr leichter Mantel vermochte nicht ihr leichtes Zittern zu beenden. Er hatte seinen Pullover ausgezogen, den sie wie einen Schal um ihren Hals trug, ihr Kinn drückte sie fest an den wollenen Stoff. Der Duft schien sie zu beruhigen und zu wärmen, oder war es sein Arm, mit dem er sie ohne Druck ganz nah zu sich heranzog?

Er war seltsam geworden, fand sie, anders, ruhiger, gelassener, in sich gekehrter und doch nicht ohne Aufmerksamkeit. Vor ein paar Wochen noch hätte er sich über ihr Frösteln lustig gemacht, sie würde sich ja nie wetterbedingt anziehen, hätte nur mal wieder auf ihr Aussehen geachtet, wäre sie gestolpert, dann nur deshalb, weil sie die falschen Schuhe ausgesucht hätte, völlig gleichgültig wäre es ihm gewesen, was der eigentliche Grund für ihr Stolpern gewesen wäre.

Seit er den neuen Job angenommen hatte, der ihn die Karriereleiter höher steigen ließ, mehr Arbeit aber auch mehr Zeit für ihn bedeutete, war er hingegen ihrer Befürchtung noch weniger für sie da sein zu können, umso mehr bemüht um sie. Seine früheren sarkastischen Scherze wurden zunehmend ironisch, weniger beladen mit Bosheit. All dies bestärkte sie in dem Glauben, er hätte eine Liebschaft. Vielleicht sogar mit seiner neuen Chefin, von der er unentwegt, nein ständig, auch nicht ab und an, des öfteren, eigentlich nur wenn sie ihn mit ihren Fragen bohrte, erzählte, wie toll diese Frau sei.

Manchmal hätte er das Gefühl, durch seine Arbeit zu schweben, sie wären ein Team, insgesamt acht Angestellte und cirka, diese Zahl sei Schwankungen unterlegen, so an die zwanzig Personen, die im Versand, aber auch im Büro aushelfen würden. Sogar die Chefin, immer sagt er Chefin, oder überhörte sie absichtlich, wenn er Frau Deniser sagte. Beatrice heißt sie, er hat sogar von Beatrice gesprochen, das weiß sie genau. Beatrice, also Frau Deniser, sagte er, als sie sich wunderte, warum er ein wichtiges Kundengespräch in Berlin führen sollte, Beatrice, also Frau Deniser wird ebenfalls anwesend sein, allerdings erst später dazustoßen, weil sie davor noch einen wichtigeren Termin wahrnehmen muß.

Er flog bereits sonntags, damit er für diesen Termin am Montag ausgeruht sein sollte. Frau Deniser und er flogen gemeinsam. In einem Flugzeug. Ihr war wieder kalt. Am liebsten hätte sie seinen Arm von ihren Schultern weggestoßen, er lastete schwer auf ihr. Was hat er eben gesagt, die Landschaft gelobt, sie sollten vielleicht ein bißchen näher zur Anlegestelle vorgehen, das Schiff würde gleich anlegen und hier stünden immer mehr Menschen um sie herum. Er zeigte mit der Hand über den See zum gegenüberliegenden Ufer, dies müßte die Hotelanlage sein, hab mir sagen lassen, erste Adresse am Ort. Das Schiff wurde an der Hafenmauer mit Tauen befestigt, ein hölzernes breites Brett diente zum besseren Übergang vom Schiff zum befestigten aus Metall bestehenden Steg. Dieser war unterhalb der Hafenmauer angebracht und konnte je nach Wasserstand tiefer oder höher gelegt werden, erklärte er ihr.

Es dauerte nicht lange, bis alle ausgestiegen sind, die das Schiff benützen, um von einem Ufer zum andern zu gelangen, das Schiff war so etwas wie ein Bus, der ständig eine kleine Strecke fährt, mal hin, mal zurück. Alle Stunde Abfahrt. Alle Stunde Ankunft. Fahrstrecke keine zwei Kilometer. Er umarmte sie noch, als sie über das Brett die zwei Stufen ins Schiff stiegen. Sie gingen nach links durch eine Schiebetür, die nur einseitig zurückgeschoben war, als eine Frau auf sie zustürmte, und Angelika sich aus der Umarmung von ihrem Mann löste, weil sie annahm, die Frau möchte noch aussteigen, jedenfalls vermutete sie dies. Die Frau griff mit einer Geschwindigkeit ihre Hände, schüttelte sie und lachte freundlich, drehte sich zu Philipp, stellte sich zwischen sie beide und zog sie durch eine zweite Tür, die zu einem größeren Raum mit Sitzen führte.

„Happy Birthday“, schallte ihr entgegen. Philipp wurde heute 46. Dies ist kein Grund, gleich mit der gesamten Firma auf einem Schiff zu feiern. Wer sollte das bezahlen, soviel verdiente er nun auch nicht in seiner neuen Position. Und warum hat er ihr nicht gesagt, daß hier die halbe oder die ganze Firma versammelt ist? Es handelt sich nicht um ein gemeinsames Wochenende auf einer verdammten kleinen vorgelagerten Insel. Sie muß hier weg.

Jetzt ist ihr auch klar, warum ihre Koffer bereits nach ihrer Ankunft in dem kleinen Wartesaal am Hafen abgegeben wurden, ein Service des Hotels, sagte er. Wir müssen nicht gleich das nächste Schiff nehmen, komm, laß uns die Gegend hier noch ein wenig genießen. Alles ein abgekartetes Spiel, warum? Will er sie vorführen, bloß stellen, sie das kleine Dummchen, das nicht mal die richtige Kleidung anhat, nicht so salopp wie die andern hier, sondern im Kleid und leichtem Mantel frierend vor johlenden Fremden steht?

Selbst Philipp schien leicht verdutzt, fing sich aber sofort. Dankte allen mit einem breiten Grinsen. Die Frau, die sie in den Raum geführt hatte, bat um Ruhe, indem sie nur ihre Arme wie ein Dirigent hob.

Angelika weiß nicht mehr alle Einzelheiten dieser Schiffsfahrt, noch sind ihr die weiteren folgenden Stunden gänzlich im Gedächtnis. Als sie endlich alleine im Hotelzimmer war, wurde ihr erst richtig bewußt, daß ihr Mann ab heute Geschäftsführer der Firma wurde, offiziell, obwohl dies bereits beim Termin in Berlin besiegelt worden war. Weil dort der Notar ihres Vertrauens, der zukünftige Ehemann von Beatrice, ich soll sie doch Beatrice nennen, mit Philipp die Modalitäten abgesprochen hatte. Die Beiden wollen sich nicht komplett aus dem Geschäft zurückziehen, das Notariat in Berlin übernimmt der Teilhaber, die Firma von Beatrice führt Philipp mit ihr das nächste halbe Jahr gemeinsam und dann, dann wollen Beatrice und ihr Mann auf Reisen gehen und dann, dieses dann sei nicht geklärt. Und zufälligerweise sei der Geburtstag von Philipp und der jährliche Firmenausflug auf den gleichen Tag gefallen, da habe man sich überlegt, die Mitteilung der neuen Firmenverhältnisse erst an diesem Tage bekannt zu geben.

Er zog sie zärtlich zu sich ins überdimensionale Bett des Hotelzimmers, streichelte ihr eine Haarsträhne aus der Stirn, Angelika, du warst perfekt gekleidet, du bist perfekt, stell dir vor, du hättest gewußt, was auf dich zukommt, du hättest zig Stunden… Angelika griff nach seinem Bart.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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