Vergeudete Zeit alles andere als wichtig


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Ein wenig mehr Gelassenheit ohne das Leben zu vertrödeln

Wenn die Zeit zusammengezählt werden würde, die man vergeudet, in der ein Parkplatz gesucht wird, in der die Ampel einfach nicht auf grün umschalten will, in der der Zug Verspätung hat und man sich die Beine in den Bauch steht, in der langen Reihe der möglichen Wartezeiten beim Friseur, beim Arztbesuch, im Stau, dann könnte man mit dieser Zeit schätzungsweise Monate lang Urlaub genießen.

Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, nie ihre Zeit zu vergeuden, weil sie stets zu geschäftig ihren Aufgaben und Pflichten nachgehen und selbst bei der Berechnung der unvermeindlichsten Wartesituationen, höchstens ein paar Tage Zeit der unvergeudeten Momente zu Buche schlagen würden. Wie auch immer, ob dies nun darauf hindeutet, hier einem Schwindler aufzusitzen oder einem Menschen, dem ruhelos das Gefühl überkommt, ohne ihn würde die Welt sich nicht mehr drehen, selbst sie vergeuden ihre Zeit, zumal bei zu viel Streß die Fehlerquote sich erhöht.

Vergeudet werden kann nicht nur die Zeit, sondern ebenso das Vermögen, die Kräfte oder sogar das Leben.

Vergeuden, mittelhochdeutsch verguiden, von guiden, prahlen, großtun, prassen, dem ursprünglichen Sinn nach, den Mund aufreißen. Die Synonyme sind verprassen, verschwenden, verwirtschaften, verjubeln, vertrödeln, verschleudern. Das Wort ist verwandt mit gähnen.

Gähnen, mittelhochdeutsch genen, ginen, althochdeutsch ginēn, ursprünglich klaffen, weit offen stehen. Gähnen wird als verstärkendes Verb angewandt in Verbindung mit langweilig, im Sprachgebrauch, die Rede war zum Gähnen langweilig, in Verbindung mit Kluft, unter ihm gähnte der Abgrund, in Verbindung mit leer, im Saal herrschte gähnende Leere. Und nicht zu vergessen als Zeichen von Müdigkeit, er gähnte.

Rein vom Gesichtspunkt der körperlichen Verhaltensweisen in Bezug zu den beiden oben genannten Wörtern kann sicherlich davon ausgegangen werden, daß das Wort für gähnen als Ausdruck von Müdigkeit, Trägheit zuerst als Begrifflichkeit in die Sprache Einzug hielt. Das Wort vergeuden kann erst durch einen übertragenen Sinn, weit offen stehen, klaffen, gebildet worden sein.

Durch Tierbeobachtungen, vor allen Dingen bei Löwen und Tigern, also Großkatzen, ist das Gähnen ein Zeichen für wohlfühlen, zufrieden sein, voller Bauch. Wenn diese Tiere ansonsten das Maul aufreißen, dann heißt es eher Gefahr, oder? Die Gebärdenspräche des weit geöffneten Maules ist bei vielen Säugetieren zu ersehen, meistens reicht diese Mimik, um damit durch dieses „Drohen“ Rivalen abzuschrecken. Oder haben Sie einen gähnenden Löwen gesehen, der auf dem Sprung zum Angriff war?

Gerade durch das Verhalten bei Großkatzen und Katzen können diese beiden Wortbegriffe bestens erklärt werden. Sind sie doch „Meister“ in der Verschwendung von Zeit. Sie können stundenlang gelassen, gähnend herumliegen und im nächsten Moment mit weit aufgerissenem Maul ihren Unmut kundtun Bei Katzen in Form von Gemaunze, daß der Freßnapf leer ist, sie ihre Streicheleinheiten möchten, oder eine Fliege hat ihren dösenden Schlaf gestört. Bei Großkatzen ist dies nicht unähnlich, nur daß sie weniger ihre Stimme einsetzen, denn es ist ja kein Herrchen oder Frauchen anwesend, die auf diese Laute hin alles stehen und liegen lassen, um dienlich zu sein, denn hierfür ist dies selbst für die Großkatzen eine Vergeudung.

Vielleicht vergeudet man gar nicht so viel Zeit, wie anfangs beschrieben, sondern man nimmt sie einfach zu wichtig. Geben ihr den gleichen Stellenwert wie für das Leben. Denken, Vermögen und Kraft seien Attribute, mit denen man sich über andere erheben kann, die man deshalb nicht vergeuden darf.

Gähnen soll ja ansteckend sein, ist es demnach auch Vergeuden? Eher nicht, es wird von klein auf darauf geachtet, daß man seine Talente nicht zu vergeuden habe, sein Vermögen hüten soll, mit seinen Kräften zu haushalten hat, die Zeit nicht vertrödelt, das Leben… Ja, was ist mit dem Leben, sollte man das vergeuden?

Nein, natürlich nicht! Aber man sollte seinen Weg gehen dürfen, ohne Zeitdruck in Bezug auf seine Talente, sein zu erschaffendes Vermögen, seine Kräfte, und wenn man dies berücksichtigen würde, vielleicht würde man dann nicht mehr so oft den Schwindlern und Predigern aufsitzen, die allen weis machen wollen, nur durch ständiges Prahlen (guiden, den Mund weit aufreißen), würde man nichts vergeuden (verguiden, verschwenden). Vielleicht vergeuden gerade sie ihr Leben, weil sie nicht gähnen?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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