Als die Schubkarre Freiheit bedeutete


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Sie quietschte, knarrte und bei genauem Hinsehen eierte sie, selbst wenn sie ohne Inhalt geschoben wurde. Aber sie wurde geliebt, wenn man überhaupt je von einer Liebe sprechen kann, die einem Gegenstand entgegengebracht wird. Denn es ist eine äußerst einseitige Liebe jedenfalls, oder haben Sie eine Erwiderung auf Ihre Zuneigung zu Ihrem bunten Sommerkleid, Ihrem Auto, der zärtlich gepflegten Sammlung, die Ihr Wohnzimmer ziert und, ach, eigentlich interessiert es mich gar nicht, was Sie als sammlungswürdig erachten, auch habe ich nicht vor, mir von Ihnen Ihre eventuellen bestätigenden Gefühlsäußerungen von Dingen anzuhören.

Die Schubkarre, hatte ich dies bereits erwähnt, die Schubkarre war es, die geliebt wurde und sie ihrerseits dankte dies, indem sie alles, fast alles über sich ergehen ließ. Sie dankte es natürlich nicht wörtlich, also in Sprache oder Lauten eher, und dies war ihr Liebesbeweis, sie war nicht kaputt zu kriegen. Welches Alter sie bereits auf dem Buckel hatte, war nicht mehr festzustellen, da sie aus einer Baureihe stammte, die über mehrere Jahre nicht verändert wurde. Als die Liebe zu ihr ihren Anfang nahm, war an ihr vieles verändert, repariert und herumgebastelt worden. Nein, es lag nicht an ihrem Alter, auch nicht unbedingt an ihrer ausgebeulten Wanne, an den Rostflecken oder an dem abgebrochenen Nagel, der kurz hinter dem noch zu erkennenden ehemaligen Haltegriff aus Gummi auf der rechten Seite steckte, es war wohl die Freiheit, die sie so liebenswert machte.

Nicht ihre Freiheit, hatte ich schon erwähnt, daß Dinge keine Gefühle besitzen, außer der Mensch besteht darauf, seine Befindlichkeiten unbedingt in zweifacher Bestätigung zu erleben, in seiner eigenen und der von ihm gewünschten Reflektion, sei sie noch so absurd, um dadurch eine Steigerung seiner Gefühlsduselei als wahr zu bestätigen, so in etwa wie, doppelt genäht hält besser. Wobei die meisten den Fehler begehen, daß sie das Doppelt als einen Haufen sehen, wie die doppelte Portion des Essens und deshalb in die gleichen oder dicht nebeneinanderliegenden Nadelstiche einstechen, anstatt die Doppelnaht als nebeneinanderlaufende Nähte zu verstehen.

Die Schubkarre, die die Freiheit brachte, stand über einen längeren Zeitraum auf einem Abbruchgelände einer einstigen Fabrikanlage, entweder, und diese Frage konnte ebenso nie geklärt werden, wurde sie von den Arbeitern einfach vergessen, nachdem die Hallen abgerissen waren oder sie wurde benützt, um still und heimlich nachts noch etwaiges Verwertbares vom weitläufigen Gelände zu ergattern.

Kai entdeckte sie zuerst, Kai ist mein älterer Bruder, er besaß ein Rad, auf dem er zwar nicht sitzen konnte und deshalb sozusagen im Stehen mit dem Rad seine Runden fuhr, erlaubt war nur auf dem Hof, aber wenn wir ihn nicht verpfiffen, wenn er seine Abstecher machte, durften wir auf dem Gepäckteil sitzen. Das Gepäckteil war ein Stück Brett, das hinter den Sattel gelegt wurde, an dem man sich festhielt, und man fiel auch nicht herunter, solange Kai nicht zu schnell fuhr. Irgendwie schaffte er es, sie zu uns auf den Hof zu bringen, und wir stürzten uns auf sie, wir bewunderten sie, wir testeten abwechselnd ihr Gewichtsvermögen, indem Kai und Bastian sich in die Wanne setzten oder ich und Bastian besser darin Platz hätten. Schon am ersten Tag kannte sie das gesamte Areal unseres Hofes, einschließlich Hühnerstall, die alte Scheune und den Anbau, in dem Holz gelagert war.

Vaters Schubkarre war gegen unsere nicht zu vergleichen, sie war zwar neu, aber sie durfte nur für die Arbeit eingesetzt werden. Unsere Schubkarre dagegen genoß mit uns Freiheit. Bastian wollte unbedingt auch mal das alte Fabrikgelände kennenlernen, und wir übten auf dem Hof verschiedene Möglichkeiten aus, da ich natürlich ebenso mit wollte und drohte, die beiden zu verpetzen. Vielleicht wäre es klug gewesen, mich einfach in die Schubkarre zu setzen und loszumarschieren, aber dies hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Bastian stellte sich sehr ungeschickt an, wenn er rücklings auf dem Brett zu sitzen hatte und die Schubkarre einfach nur festhalten sollte, während Kai in die Pedale trat. Ich dagegen konnte ohne große Schwierigkeiten mein Gewicht auf dem Brett balancieren und die Schubkarre samt Bastian halten.

Und ohne uns Bescheid zu geben, wann wir die große Fahrt antreten würden, brauste Kai eines Tages einfach durchs Hoftor über einige Feldwege bis zum alten Fabrikgelände, auf dem wir kurz pausierten, weil wir Kai anbettelten doch mit uns noch ein wenig weiter hinaus zu fahren, bis ans Ende vom Ende.

Das Ende vom Ende endete in Strafen für Kai und Bastian, Fahrradverbot für Kai, für beide eine Woche Stubenarrest und für uns alle Drei eine Standpauke, was hätte alles passieren können. Aber das Freiheitsgefühl war nicht mehr zu verlieren. Wir gelobten, so etwas nie mehr zu tun, drehten unsere Runden auf dem Hof und beim kleinsten Gefühl nicht beobachtet zu werden, fuhr Kai mit uns aus dem Hof. Diese kleinen Abstecher wurden von Mal zu Mal größer und von Mal zu Mal wurde das Geschimpfe der Eltern weniger.

Vater und Kai befestigten eines Tages die Schubkarre fest an dem Gepäckträger, ebenso wie das Brett, auf dem ich ansonsten saß, so daß ich ab diesem Zeitpunkt hinter dem Rücken von Kai nach vorne sehen konnte auf unseren Fahrten. Es gab viele Dinge, über die wir uns als Kinder gestritten haben, wir konnten uns regelrecht zeitweise nicht ausstehen, und meine Brüder haben mich auch oft spüren lassen, daß ich nur die kleine Schwester bin, die Schubkarre blieb all diese Zeit über nie ein Streitthema. Sie war für uns eine gemeinsame Liebe, eine Liebe, die man pflegt, nicht in dem sie ständig von jedem kleinen Dreckfleck befreit, sondern indem man sie teilhaben läßt an seinem Leben. Liebe halt, Liebe für immer.

Und sie, die Schubkarre, dankt es uns damit, indem sie, inzwischen ausrangiert, weil wir älter geworden sind und nicht mehr bei den Eltern leben, uns bei jedem Besuch zuhause zu erinnern an unsere Freiheitstouren, die wir gemeinsam erlebt haben. Dafür darf sie im inzwischen angebauten Wintergarten stehen, einfach so, mit Blick auf den Garten und die alten Geschichten anhören, die mit und durch sie erst möglich geworden sind. Hab ich erwähnt, daß Gegenstände keine Gefühle haben, nun, die Schubkarre schon, denn sie scheint jedesmal zu strahlen, wenn wir uns wiedersehen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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