Eigentlich einen ganzen Tag auf der Bahnhofsbank


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Ihre Augen wirkten von einem auf den anderen Moment riesengroß, größer als die bunten Lollies, die man den Kindern gerne anbietet, damit sie ihren Schnabel halten und die Erwachsenen in Ruhe ihre Gespräche fortsetzen können, weil das Ablutschen eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, die größeren von dieser Sorte haben einen Durchmesser von zwei Zentimetern, sodaß sie bisweilen erst komplett im Mund verschwinden können, wenn bereits einige Minuten an ihrer Oberfläche entlang gelutscht worden ist.

So aufgerissene Augen sahen zu mir herüber, ehe ich denken konnte, an was sie mich erinnerten, waren sie wieder klein wie die Schlitze an Münzautomaten, in die man 50 Cent einwerfen konnte, um eine Miniausgabe von dem Kaugummi zu erhalten, der im Supermarkt für den gleichen Preis die fast doppelte Menge an Kaugenuß erlaubt, um die doppelte Zeit zwischen den Zähnen hin und her und auf und nieder zu zermalmen, immer in der Hoffnung, den kriege ich in seine Bestandteile zerlegt. Hätten die Augen wie der Schlitz für eine Zwei-Euromünze gewirkt, wären sie als groß zu bezeichnen gewesen, aber sie waren zusammengekniffen, nicht die Augen, die Lider waren gepreßt, und auf der Stirn zeichneten sich Falten ab, so deutlich als wären sie mit einem Bleistift nachgezogen worden.

Eigentlich, eigentlich denke und spreche ich eigentlich nicht mehr, seit ein Freund mir erklärt hat, dies Wort würde die egoistische Seite eines Menschen ins rechte Licht rücken, indem er mittels dem Wort eigentlich versucht, über die tatsächlichen Inhalte, also das, was er wirklich denkt, sich zu erheben, indem er eigentlich voranstellt, damit er sich nicht direkt zu einer Aussage verpflichtet. Quasi sein eigenes Licht, Gedanken verdeckt, bei einem Gegenargument sein Ego ja nicht betroffen ist, denn er hat eigentlich nicht von sich gesprochen, sein Ego bleibt rein.

Ziemlich egoistisch sowas, eigentlich. Aber eigentlich wollte ich, ich hatte es so jedenfalls geplant, gestern Abend spontan hierher fahren, um meinen Freund Percy, eigentlich Peter, Peter hieß er solange, bis es diese Fernsehserie gab, in der Percy Stuart jeden Mittwoch in spannende Abenteuer verwickelt war, die er alle souverän und mit einem charmanten Lächeln löste, der Held, der nicht nur Frauenherzen schneller schlagen ließ. Peter hatte das gewisse Etwas, schon damals, er war der Meister, wenn es darum ging, andere Menschen reihenweise um den Finger zu wickeln, er hätte ohne Probleme in Anwesenheit sämtlicher Familienmitglieder ganze Häuser leerräumen können, weil seiner Art so etwas von Unschuld und Weltgewandtheit inne war.

Kaum war ich hier, bin ich schnurstracks durch die Bahnhofsvorhalle geeilt, als mich das Gefühl überkam, mich zu irren, in was ich mich nun irrte, irritierte mich schließlich so intensiv, daß ich beschloß, erstmal hier auf den Bänken zu sitzen, die ähnlich wie in Kinos oder Theatern in einer Richtung standen, bis auf zwei Reihen, da standen die Bänke sich gegenüber. Da fand ich erstmal Platz zum Denken über den Irrtum oder über die Irritation über einen Irrtumsgedanken.

Anfangs haben mich die Geschäftigkeiten der zu den Zügen eilenden oder von den Zügen und dem Bahnhofsgelände weg eilenden Menschen gestört, denn war ich der Irritation auf den Fersen, erkannte den Grund, stand jemand neben mir auf, begrüßten sich welche lautstark, schlug ein Koffer gegen mein Knie, weil die Person zu hastig durch die Bankreihe sich einen Weg bahnte, bis ich mehr und mehr irritiert war durch die mich umgebenden Menschen, die alle, so schien es mir, ohne Zweifel und völlig frei gegenüber dem Verhalten der anderen ihrer Wege gingen. So blieb ich sitzen mit kurzen kleinen Unterbrechungen, die der menschlichen Natur eigen sind, essen, trinken und kleine, aber auch große Geschäfte machen und war gerade in der Situation zu entscheiden, den letzten Zug nachhause zu nehmen oder doch noch bei Percy aufzutauchen, als die großen, kleinen Augen sich mir gegenüber setzten.

An und für sich, daß eigentlich auch eigentlich bedeutet, ich aber nicht mehr denke, war sie eine äußerst adrette Erscheinung, obwohl sie es irgendwie nicht unterlassen konnte, wenn ich ihren Blick striff, natürlich tat ich völlig uninteressiert, indem ich mich bemühte, mich auf die Geschehnisse um mich herum zu konzentrieren. Aber wenn sich unsere Augen wiedertrafen, waren sie in Sekundenbruchteilen von groß auf klein niedergedrückt. Fast gleichzeitig sind wir von unserem Sitzplatz aufgestanden, wir standen vis-à-vis, und sie flüsterte: „Your fly is open!“ mit groß aufgerissenen Augen, um sie im nächsten Moment wieder zu einem Schlitz zu formen, der diesmal einem verschmitztem Lächeln glich.

Und genau da fiel mir ein, daß ich diese Hose eigentlich nur noch innerhalb der Wohnung anzog, weil der Zipper nicht mehr richtig funktionierte und ich einen ganzen Tag auf der Bahnhofsbank verbrachte, weil ich eigentlich wußte, irgendetwas stimmt nicht und ich mich eigentlich an und für sich irrte in Bezug auf meine Irritation.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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