Im Reigen heftiger Unwetter


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Kleine bunte Steinchen lagen haufenweise auf dem ockerfarbenen, sandigen Boden verteilt, ungefähr erbsengroß, manche nicht größer als eine Pflaume, während die ersten kühlenden Regentropfen feinen Staub aufwirbeln ließen, zu lange hatten heiße Sonnenstunden alles getrocknet, selbst des nachts konnte keine Feuchtigkeit angenehmes Naß spenden. Nunmehr atmete die Umgebung spürbar erleichtert auf, manche Wesen genossen den lang anhaltenden Regenschauer, der gar an Intensität zunahm.

„I’m Singing in the Rain“, schoß es Mel durch den Kopf, dieser unvergeßliche Song mit Gene Kelly, Erinnerungen wurden wach zum Film-Musical. Viel Zeit verblieb ihr allerdings nicht, weil mit dem Regen ein ohrenbetäubender Lärm einsetzte, mehrere Polizei- und Rettungssanitätersirenen heulten auf. Nebenan waren offensichtlich etliche große Kastanienbäume entwurzelt auf Autodächer oder in manchen Vorgarten gekracht.

Aufgeregtes Stimmengeschrei vernahm die 32-Jährige, ein Collie schien sie übersehen zu haben, rannte sie fast um, Mel vermochte sich im letzten Moment an einem Gartenzaun festzuhalten, dabei brach der Fingernagel ihres rechten Ringfingers ab, ihr wurde ganz kurz schwarz vor Augen.

„Mel, hier bist du ja, ich hab dich drüben im Haus gesucht, dein Wohnzimmerfenster stand offen, ich hab’s schnell geschlossen, die Eingangstür war nur angelehnt“, rief ihr Belle entgegen. Ziemlich perplex schaute Mel sie an, um im nächsten Augenblick ihrer besten Freundin um den Hals zu fallen. Die beiden jungen Frauen standen ziemlich durchnäßt auf schlammigen Bürgersteig, ein Feuerwehrmann drückte sie anmahnend zur Seite, schob sie dabei zum Rasen der Hausnummer 14.

„Danke dir, Belle. Das Unwetter hatte mich total überrascht, irgendwie war ich wohl zu dolle in Gedanken vertieft, hatte beim Sandkasten der Müllers die ersten Regentropfen bewundert, als plötzlich die Hölle ausbrach“, erwiderte sie, lachte kurz auf und setzte fort, „wäre wohl vermeidbar gewesen, in den Nachrichten wurde davor gewarnt.“

Belle verstand sie ganz gut, nahm Mels Hand und führte sie zwei Straßen weiter zu ihrer Wohnung, die in Parterre lag, nach hinten raus, wo keine Bäume standen, ein geschützter Innenhof vermied derartige Folgen, lediglich zwei Dachziegel lagen zerbrochen mitten im Hof, eine Mülltonne hatte es umgeweht, Papierfetzen flogen herum. Eine Taube flatterte erschrocken auf, als die beiden die Tonne wieder aufrichteten.

Der Wolkenbruch ließ langsam nach, während Belle ihnen einen heißen Pfefferminztee aufgoß, in den Fernsehregionalnachrichten berichtete die Sprecherin über ihren Ort und den Tornado, der durch die Kleinstadt gewütet hatte. Die Schäden schienen sich in Grenzen zu halten, zwei alte Frauen wurden leicht verletzt in die Klinik gefahren, das Dach einer Kirchturmspitze wurde fast vollständig abgedeckt, in einigen Straßen waren Bäume wie Streichhölzer umgeknickt.

„Hätte schlimmer ausgehen können, oder?!“, bemerkte Belle, während Mel sich die feuchten Haare föhnte. Der äußerst helle Blitz mit anschließend zeitgleichem Donner ließ beide jungen Frauen auf den Boden fallen, Mel rollte sich geschickt ab und landete unterm Couchtisch, während Belle Schutz neben der Anrichte suchte. Es roch auffallend verbrannt, im gleichen Moment trafen sich ihre entsetzten Blicke, das rasende Feuer hatte offensichtlich bereits das Treppenhaus erreicht, schwarzer Rauch drang in den Raum, die beiden rissen die Glastür zum Hof auf und stürzten nach draußen. In den gegenüberliegenden Fensterscheiben spiegelte sich die Feuerwand wider, Belles Wohnung war nicht mehr zu retten. Andere Nachbarn traten zu ihnen, manche fanden ein paar tröstende Worte.

Viel mehr Zeit verblieb auch nicht, weil noch heftigere Regenschauer einsetzten, schon begann der Hof wie eine Wanne vollzulaufen, alle rannten so schnell wie möglich durch die Einfahrt zur Straße, da draußen glich alles wie einem Weltuntergang, überall Schreie, Sirenengeheul, die letzten Bäume stürzten, mit ihnen der ein oder andere Laternenpfahl, schräg gegenüber hatte es einen Balkon im zweiten Stockwerk erwischt, die Trümmerteile lagen verteilt herum, manche auf zwei Autos, ein Totalschaden für deren Besitzer.

Belles Nachbar aus dem vierten Stockwerk erzählte ihnen, es sei aber wenigstens kein Mensch dabei verunglückt. Mel nahm Belle kurzerhand zu sich, ohne lange zu lamentieren, schließlich war ihre Wohnung doch nicht betroffen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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2 Antworten zu Im Reigen heftiger Unwetter

  1. gkazakou schreibt:

    Dramatische Kurzgeschichte zu den drei Wörtern von Christianes bzw lz’s Blog? Warum verlinkt du sie nicht? Sie ist freilich länger als verlangt. …

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  2. hraban57 schreibt:

    Hallo Gerda, magst Du mich aufklären, was Du damit meinst? Ich kenne die benannten Blogs nicht.

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