Von der Katastrophe zurück zur Strophe


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flickr.com/ proyectolkien/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Verbindung von Freud und Leid liegt dicht beieinander

Wenn der Nachwuchs das erste Mal ein Lied vor sich hin trällert, auch nur einen kleinen Teil einer Strophe, stellt dies ein entzückender Moment, den man nie vergessen möchte, im Großwerden der Kinder dar. Und es wird jedenfalls zu Beginn dieses Erlebnisses keine Rolle spielen, wie oft oder wie lange „Alle meine Entchen“ oder etwas Vergleichbares durch die Wohnung schallt, anders sieht es aus, falls, und die Geräte soll es ja noch geben, eine Schallplatte hängt und das stetig selbe Musikteilstück wiederholt, dann ist der Pegel schnell auf dem Modus, sofort alles Erdenkliche liegen zu lassen, um bloß die ständige wiederholende Strophe abzustellen. Das gleicht dann einer Katastrophe.

Eine Katastrophe erleben Künstler auf der Bühne, wenn aus heiterem Himmel die Stimme versagt oder ein Text, sei es aus einem Lied oder Vortrag, einfach nicht mehr im Gedächtnis ist. Dann kann aus einem Strophenvortrag ebenfalls eine Katastrophe werden.

Strophe, über das lateinische stropha vom griechischen strophḗ, in der ursprünglichen Bedeutung, das Drehen, die Wendung. Der sprachliche Gebrauch bezieht sich in der deutschen Sprache auf kurze, lange, vielzeilige Strophen, Abschnitt eines Gedichtes, Liedes.

Katastrophe, ebenfalls aus der lateinischen Sprache übernommen, catastropha vom griechischen katastrophḗ, die Umkehr, die Wendung, Umwendung. Ein zusammengefügtes Wort aus katá, herab, nieder und stréphein, wenden. Synonyme sind Desaster, Drama, Fehlschlag, Inferno, Untergang, Verderben, Unglück.

Es mutet etwas befremdlich an, wenn aus einer Wendung (Strophe, Abschnitt eines Gedichtes) durch das Voranstellen von herab, nieder, ein Wort entsteht, das in seiner Aussage eine verheerende, entsetzliche, gefährliche, unheilvolle, tragische Situation beschreibt, oder?

Natürlich ist die oben beschriebene Gegebenheit von der endlosen Wiederholung oder des plötzliches Verlustes der Stimme beim Vortrag einer Strophe eine Wendung, die das ursprünglich positive Erlebnis in eine Umwendung, in eine Katastrophe verwandeln kann. Aber ist diese wirklich als tragisch oder entsetzlich zu beschreiben?

Viel eher ist anzunehmen, daß hier einfach eine Umwandlung von gut zu böse beschrieben werden sollte, von positiv zu negativ, von schön zu traurig. Allein der Wortbegriff für Strophe, übrigens auch für Vers, (lateinisch vertere, kehren, wenden, drehen) läßt die Vermutung zu, daß es sich hierbei um die Beschreibung einer Bemühung handeln dürfte, etwas solange zu wenden, bis es in einen Kontext paßt, ansonsten müßte doch vielmehr eine Strophe, eher die Bedeutung von einem kunstvoll zusammengestelltem Text, der entweder gereimt oder ungereimt, eine „Verdichtung“ von Wortinhalten darstellen.

Nicht nur durch Filme oder Comiczeichnungen ist die Szene der tollpatschigen Situationskomik bekannt, auch im realen Leben passieren unvorhersehbare Geschehnisse, die aus einer unverfänglichen Begebenheit eine verpatzte Situation herbeiführen. Manche dieser Vorkommnisse können allerdings je nach Vorfall nur für den Beobachter eine witzige Szene bilden, hingegen für den Verursacher mit schmerzlichen Konsequenzen enden.

John Ronald Reuel Tolkien, besser bekannt als J. R. R. Tolkien, Autor von „Der Herr der Ringe“, hat den Begriff Eukatastrophe (Wendung zum Guten) geprägt. Durch das Voranstellen von eu, wohl, richtig, kann das Wort als gute Katastrophe oder als positive Wendung eingesetzt werden.

„Ich habe den Begriff „Eukatastrophe“ geprägt, um eine unerwartet glückliche Handlungswendung zu bezeichnen, die zu freudigen Tränen rührt (was, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, das höchste Ziel in der Wirkung eines Märchens zu sein hat). Ich äußerte weiters die Ansicht, dass ihre eigenartige Wirkung auf einer blitzartigen Einsicht in eine höhere Wahrheit beruht, die dem Leser oder Hörer in seinem gesamten Wesen, das sich in den Ketten der realen Welt aus Kausalität und Tod befindet, ein plötzliches Gefühl befreiter Erleichterung verschafft, als ob ein wesentliches Element, das aus den Fugen geraten war, sich mit einem Mal wieder einrenkte. Sie ist Ausdruck der Erkenntnis, dass – sofern die Handlung literarische „Wahrheit“ der zweiten Stufe aufweist (….) – dies tatsächlich die Art und Weise ist, wie die Dinge in der „großen Welt“, für die unser Wesen geschaffen wurde, in Wirklichkeit ablaufen. Und ich schloss damals mit der Bemerkung, die Auferstehung sei die größte erdenkliche „Eukatastrophe“ in der größten erdenklichen Märchenhandlung, welche die wichtigste Gefühlsregung überhaupt bedingt: die Freude des Christen, die deswegen zu Tränen rührt, weil sie der Trauer so nahe steht, da sie aus jenen Gefilden stammt, wo Freud und Leid eins sind, miteinander versöhnt, gerade so, wie Selbstsucht und Selbstlosigkeit in der Liebe verschwinden.“

(Auszug aus Wikipedia, „Eukatastrophe“)

Ob man die Eukatastrophe im christlichen Kontext als „wichtigste Gefühlsregung“ versteht oder innerhalb philosophischer Gedanken miteinbezieht, wichtig erscheint, die Umwendung (Katastrophe) zurück zur Wendung (Strophe) ist mittels Verbindung von Freud und Leid innerhalb einer Situationsbegebenheit möglich. Schätzungsweise reicht dafür einfach sich selbst und andere nicht überzubewerten und der Handlung nicht zu viel Wichtigkeit beizumessen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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