Einen Schritt zurückgehen


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Es werden laut Wettervorhersage die letzten zu erwartenden, noch an sommerliche Temperaturen erinnernde Tage werden, von Mittwoch bis Samstag, verkündete der Radiosprecher morgens, als sie noch gar nicht wußte, ob sie noch in ihren Träumen verhaftet war oder bereits wach. Die morgendlichen ersten Minuten, die die Länge von halben Stunden oder mehr haben konnten, waren für sie, solange sie nicht in ihren Handlungen unterbrochen wurde, ähnlich wie für andere ein leichter Schwips, mit dem Unterschied, daß sie nicht ständig über etwas kichern konnte. Sie neigte vielmehr zu mürrischem Verhalten während dieser Traumwachphase, und da ihre Geschwister nicht viel besser in den Tag starteten, kam es in regelmäßigen Abständen zu morgendlichen Zwistigkeiten, mit dem Effekt nur vehementer in die „ich bin noch gar nicht wach“ Rolle zu bleiben, um ihre Ruhe zu haben.

Seit ein paar Monaten lebte sie in einer eigenen Wohnung, wenn denn ein Zimmer, Küche, Abstellkammer als solches bezeichnet werden kann. Das war ihr nicht, vor allem abends nicht ganz verständlich, wenn ihr mal wieder die Decke auf den Kopf fiel, und sie erinnerte sich an eine größere Bewegungsfreiheit zuhause, obwohl sie das Elternhaus verlassen hatte, weil es ihr dort zu eng wurde, sie das Gefühl hatte, sich nicht entfalten zu können, sie wollte unbedingt eine eigene Wohnung, bezahlt von eigenem verdienten Geld. Es gab auch ein Badezimmer mit Wanne sogar, dafür mußte sie aber, um das Fenster zu öffnen, sich langstreckend über die Toilette hangeln, und wer kommt auf die Idee, ein Bad als Zimmer auszugeben.

Die Großeltern besaßen erst seit den 60igern Jahren eine Toilette innerhalb ihres Hauses, extra angebaut, davor gingen sie über den Hof, Richtung Ställe, in denen standen aber zu der Zeit keine Kühe mehr, zu einem engen Plumpsklo, darüber wurde bei sämtlichen Anlässen gesprochen, sogar nach der Beerdigung von Omas Nachbarin, weil die angeblich absichtlich seit dem Anbau rüberkam unter einem Vorwand, um die neue Toilette zu benützen. Bad, Toilette hat so etwas selbstverständliches, irgendwie selbstverständlicher als ein eigenes Zimmer, einige ihrer damaligen Klassenkameraden kamen erst in den Genuß eines Zimmers, als entweder Geschwister auszogen oder die Eltern nach einem Umzug eine größere Wohnung anmieteten, sie war in dieser Hinsicht immer zu bewundern, da das alte Gehöft zigmal umgebaut, genügend Platz bot, so hatten sie und ihre vier Geschwister von klein an eigene Zimmer.

Nach dem Umzug in diese enge, aber dennoch für sie Freiheit bedeutende Wohnung ließ sie sich zwei Wochen später die Haare ganz kurz schneiden, so kurz, daß der Kamm und die Bürste nur noch als Utensil an vergangene Zeiten im Bad die Stellung hielten, bis die Haarlänge ihren Gebrauch verlangen würden. Doch momentan sah es immer noch nicht danach aus, denn die Haare wurden eher nach jedem Friseurbesuch kürzer, sehr zu ihrer Erleichterung, denn so brauchte sie nur mit den Fingern kurz durchzustreichen, um den gewollten, etwas zerzaust wirkenden Effekt zu bekommen und ihr einige Minuten, sogar einige viele Minuten, morgens zu ersparen, die ihre ansonsten von Natur aus leicht gewellten Haare benötigten, um damit einigermaßen einen gepflegten Eindruck zu vermitteln, jedenfalls gab sie dies immer als Grund für diese Typänderung an, wenn ihre Familie wieder mal über ihre ach so schönen längeren Haare in bedauernder Weise sprach.

Ihr letztes Telefonat vor der Mittagspause hatte sie gerade mit einem unzufriedenen Kunden beendet, als ihr der Gedanke kam, die Pause draußen im weitläufigen Park zu verbringen, der erst vor kurzem angelegt wurde, nachdem der alte Parkplatz unterirdisch zu einem unterirdischen Parkhaus mit hohen Gebühren für die umliegenden Geschäfte gebaut worden war. Der Kunde bestand darauf, eine neue Kaffeemaschine zu bekommen, weil er, als er die gläserne Kanne von der Wärmeplatte nahm, mit dem kleinen Finger an den Plattenrand langte, sich gleichzeitig den Finger verbrannte und erschreckte, die Kanne daraufhin fallen ließ, der Kaffee sich über der Anrichte und Boden verteilte, ebenso wie die Glassplitter und er beim Versuch seine Katze, die in diesem Moment zu ihrem Freßnapf unterwegs war, mit einem Bein ablenken wollte, damit sie nicht in die auf dem Boden verstreuten Splitter tapste, er das Gleichgewicht verlor und weil er sich mit dem Arm an der Anrichte vor einem Sturz schützen wollte, aber mit seinem neuen teuren Hemd aus Seide abrutschte und deshalb nicht nur den Arm verstauchte, sondern auch die Katze laut aufschrie, weil sie sein Bein in die Seite geschlagen bekam, unabsichtlich natürlich, und sie anstatt weg von den Splittern direkt in die Splitter lief, der Tierarzt aus ihren Pfoten, unter Betäubung, weil sie nicht zu bändigen war, vier Splitter aus der rechten vorderen Pfote entfernte und er nun nur wegen der heißen Wärmeplatte, sicher eine Fehlkonstruktion, so heiß wie die sich anfühlte, nicht nur die Tierarztkosten tragen muß, wäre es mehr als richtig, ihm eine neue Kaffeemaschine, nicht nur eine neue Kanne, denn er traue der alten Maschine nicht mehr, zuzuschicken. Während des Gesprächs notierte sie sich die Einzelheiten und versprach dem Kunden, ihn umgehend zu benachrichtigen, aber er müsse Verständnis aufbringen, über seinen Fall könne sie nicht alleine entscheiden, da es bisher keinerlei Reklamationen bezüglich dieser Maschine gegeben habe.

Trotz ihrer Jacke, die sie sich über die Schultern gelegt hatte, fröstelte sie ein wenig, als sie sich auf eine Bank setzte mit Blick auf einen großzügig angelegten Spielplatz, der eingezäunt mit Schaukel, Rutsche, Sandkasten, Holzturm und Brücke um diese Uhrzeit nur mit einem Kind im Sandkasten und einem zeitungslesenden Vater besucht war. Das Kind hatte ein Stofftier unter seinen linken Arm geklemmt und bemühte sich, mit großer Konzentration mit der rechten Hand Sand in einen Becher zu füllen, indem es den Sand aus der geschlossenen Faust, einem Rinnsal gleich, einen Zentimeter über dem Becher hineinrieseln ließ. Der leichte Wind fegte einen Großteil der Sandkörner über den Becher hinweg, das schien das Kind aber keinesfalls dazu zu animieren, seinen linken Arm einzusetzen. Vielmehr wanderten seine Augen abwechselnd zu dem eingeklemmten Stofftier und dem nicht wachsen wollenden Hügel, den es wohl anstrebte zu bauen, da der Sand aus dem Becher in regelmäßigen Abständen immer auf dieselbe Stelle des Sandkastens ausgekippt wurde.

Vater und Kind sprachen oder besprachen sich, ohne daß einer der beiden die Beschäftigung wirklich dafür unterbrach. Kurz bevor es Zeit wurde, wieder ins Büro zu gehen, stand das Kind auf, trat ein Stück zurück, bewegte seinen Kopf in leicht wippenden kreisenden Bewegungen, abschätzend, kniete sich nieder, nahm das Stofftier aus dem Ellbogengelenk, setzte die Figur neben das kleine Erdhäufchen, das kaum wahrnehmbar war, trat wieder einen Schritt zurück, griff in die rechte Hosentasche und zog etwas heraus, daß sie nicht erkennen konnte, denn es war recht klein, hielt es vor seine Augen, wechselte seine Position ein paar Mal, ging in die Hocke, legte sich sogar längs auf den Boden, ging in weiterer Ferne grätschend in die Knie, da erkannte sie, es photographierte seine erbaute Welt. Mit dem Stofftier unter dem Arm geklemmt und dem kleinen Etwas in seiner Rechten setzte es sich zu seinem Vater, der gespannt lauschend den Ausführungen zuhörte, die das Kind ihm erklärend erzählte und dem Vater dabei immer wieder das kleine Etwas vor die Augen hielt.

Zurück an ihrem Arbeitsplatz ergriff sie den Telefonhörer, wählte die Nummer des Kunden mit dem verbrannten Finger und der verletzten Katze. Sie teilte ihm mit, er möge die Maschine mit dem Vermerk zurücksenden, die Glaskanne sei gesprungen auf Grund zu starker Hitzeeinwirkung durch die Wärmeplatte und sie würde umgehend veranlassen, daß ihm eine neue Kaffeemaschine zugesandt würde.

Sie wußte, dies war mehr als Kundenfreundlichkeit und Kulanz, aber ihr war danach, etwas zu tun, das eigentlich nicht in den Rahmen von irgendetwas paßte und sie tat dies bewußt nicht traumwandlerisch, sondern eher berauscht, denn das Kind hatte ihr vor Augen geführt, was es bedeutete, Abstand zu nehmen, einen Schritt zurück zu gehen, eine Sache aus einer andern Perspektive zu sehen. Es war ihr schlagartig klar geworden, warum die Großeltern, Eltern, aber auch viele andere Menschen immer wieder Situationen von früher erzählen, es geht nicht darum, daß die Dinge in Vergessenheit geraten, sondern sie mit Abstand, einem Schritt zurück, neu zu erkunden, neu zu definieren, ohne ihm nachzutrauern und die alten Verhältnisse wieder beleben zu wollen.

Das kommende Wochenende wird sie zuhause bei der Familie verbringen, wird sich mit ihren Geschwistern an vergangene Tage und mit ihren Eltern an vergangene Zeiten erinnern, mit dem Wissen des Abstands, mit der Beobachtung durch den Schritt zurück wird sie die Enge, die durch die Befreiung in ein selbständiges Leben führt, nicht mehr abends so allein fühlen lassen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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