Die Mund bedeutet, nicht Recht zu haben


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Befreiung vom Hausherrengehabe

Wer kennt diesen Satz nicht, sei es, er erinnert an seine eigenen Kindertage, oder man nimmt ihn in letzter Zeit ständig in den Mund, weil man den Kindern die „Sitte“ des Essens erklären möchte: „Man spricht nicht mit vollem Mund!“

Sicher ist es nicht unvorteilhaft, beim Kauen der Nahrung seinen Mund geschlossen zu halten, damit nicht etliche Essensreste den Weg finden, nicht nur im Nahbereich des Kauenden, sondern auch je Verbindung von Kaubewegung und Sprache an entfernteren Orten niedergehen. Wann genau bei Kindern auf diesen Umstand geachtet wird, ist unterschiedlich, es gibt diverse Meinungen zu diesem „Erziehungsthema“, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, dennoch ist es unerläßlich, auf diesen Umstand hinzuweisen.

Es gibt einige Redewendungen, Sprichwörter, die in Zusammenhang mit „Mund“ in ihrer Aussage manchmal mehr, manchmal weniger den Nagel auf den Kopf treffen. Vielleicht ist die Redewendung, den Mund nicht zu voll zu nehmen, auch in Anbetracht der oben beschriebenen Situationen entstanden, möglicherweise synonym für das Herausposaunen von zu viel Unsinnigkeiten, Boshaftigkeiten, Unglaublichkeiten, dies in der Absicht Menschen mit Worten zu verletzen oder doch zumindest Unfrieden zu stiften.

Der Mund, den wir schätzungsweise heute eher als Kußmund zu betrachten bekommen oder als Vorbild zum Erkennen gewisser Charaktereigenschaften, ist biologisch ausgedrückt die Körperöffnung zur Nahrungsaufnahme, er dient der Spracherzeugung und zur Atmung.

Mund, mittelhochdeutsch munt, althochdeutsch mund, sind alle Erklärungen, die wir darüber in Erfahrung bringen können, wäre da nicht das Wort „die Mund“.

Haben Sie noch nie gehört? Vielleicht nicht als diesen Begriff, aber als Mündigkeit ist er Ihnen sicher bekannt. Mund, mittelhoch- und althochdeutsch munt, ist oder vielmehr war der Ausdruck für (Rechts)schutz, Schirm und im germanischen Recht die Gewalt des Hausherrn über die in der Hausgemeinschaft lebenden, von ihm zu schützenden Personen. (Duden)

Wie so oft, wenn keine sicheren Erkenntnisse über eine Wortherkunft eindeutig nachweisbar sind, vermeiden Sprachwissenschaftler selbst die kleinsten möglichen Hinweise über die eventuellen Ursprünge. Trotzdem sei hier darauf hingewiesen, daß das veraltete, nicht mehr im jetzigen Sprachgebrauch eingesetzte Wort „das Mundum“ Reinschrift bedeutet. Das Adjektiv, das ebenfalls aus dem Sprachschatz gefallen ist, „mundan“, aus dem lateinischen, war das Wort für weltlich, auf das Weltganze bezogen.

Nur am Rande sei erwähnt, daß die Mund ein Vorrecht von Männern war und der Schutz der Gemeinschaft oftmals einer Gewaltherrschaft entsprach, die keine Widerworte duldete. Wann und was der Herr sprach, war „auf alles bezogen“, auch wenn dies inhaltlich falsch, kontraproduktiv, ungerecht war, die Gewalt seiner Worte durfte nicht angezweifelt werden.

Wenn jemand munter drauflosplappert während des Essens, weil ihm gerade in diesem Moment etwas sehr wichtiges, dringend zur Sprache bringendes eingefallen ist, dann kann es passieren, daß er sich verschluckt, aber auch daß Speisereste aus dem Mund fallen. (munter, ursprüngliche Bedeutung aufmerksam, aufgeregt)

Momentan haben viele Menschen das Bedürfnis, munter drauflos zu reden, um ihre Aufregung, Aufgeregtheit einem aufmerksamen Publikum mitzuteilen. Wie bekommt man Aufmerksamkeit, in dem man Essenreste spuckt? Nein, natürlich nicht oder doch schon auch, oder?

Es ist nicht ganz vorstellbar, Kindern überhaupt nicht, jedenfalls ab einem bestimmten Alter, das „mit vollem Mund beim Essen spricht man nicht“ beizubringen, es sei denn, es entspricht den Lebensgewohnheiten der Erwachsenen. Genauso verhält es mit der Redewendung, den Mund nicht zu voll zu nehmen, also quasi nicht so viel „Versprechungen“ von sich geben, die nicht eingehalten werden können, sich größer, wichtiger darstellen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Beide Sprichwörter sind Mahnungen, die innerhalb einer Gemeinschaft dazu beitragen, sich nicht gegenseitig anzuspucken, oder anders ausgedrückt, sich mit Respekt zu begegnen.

Gesellschaften, die zulassen, daß mit vollem Mund, teilweise vollmundig Versprechungen, verdrehte Tatsachen, Hetze, Drohungen, Angst munter gestreut werden, werden irgendwann an einem „verdreckten Tisch“ sitzen, es sei denn, dies wird als Meinungsfreiheit gesehen, gehört zur Sitte und Anstand.

Bleibt abschließend zu hoffen, wir haben über die Jahrhunderte gelernt und wenden die Tatsache an, auch Frauen haben ein Recht auf Mündigkeit genauso wie Menschen, die nicht selbst für sich sprechen können auf Grund von Behinderungen oder sonstiger möglicher Hindernisse. Und schlußendlich wäre es nicht verkehrt, wenn wir darauf achten würden, ob bei Lösungsvorschlägen zu den verschiedensten Themen die Redner im Sinne von „mundan“, also auf das Weltganze bezogen, sprechen oder im Sinne von „die Mund“, also dem Recht der Gewalt des Hausherrn.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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