Frühlingsanfang mit Rockaway Beach


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Irgendwann hörte Saiphania mit dem Zählen auf, zu viele Ameisen liefen bereits äußerst schnell über ihre warmen Beine, das ein oder andere mal spürte sie die Säure, was ihr aber nicht viel auszumachen schien. Überhaupt glänzte sie an diesem nachmittag mit einer Gelassenheit, die so gar nicht ihr selbst entsprach. Normalerweise zog die 16-Jährige es vor, trübsalblasend in ihrem Zimmer zu verweilen, ließ sich ablenken von Punkmusik, die sie im letzten Herbst lieben lernte, Mareike, ihre beste Freundin, war ein absoluter Ramones-Fan.

An jenem Frühlingstag zog es Saiphania aber nach draußen zum nahen Wald, erste Knospen an weitverzweigten Ästchen kündigten baldige Blüten an, die Vogelwelt war zwitschernd auf der Balz, drei Rotkehlchen sprangen mehr als zu fliegen im Geäst, beachteten das dunkelbraunhaarige Mädchen kaum, ein viertes sorgte für noch mehr Aufregung, die glockenhelle Stimme von Mareike beendete das Spiel um Nebenbuhler und Balzgebärden.

„Was treibt dich denn hierher, Saiphi, kriegst wohl den Steven nich aus’m Kopp, wa?“, entglitt es Mareike, die im nächsten Moment im Takt zu Ramones „Rockaway Beach“ mitsang… Chewing out a rhythm on my bubble gum… The sun is out and I want some, während Saiphania sie eher genervt fixierte.

„Menno, mußt du jetzt hierher kommen und mitten in die Natur platzen?!“ Als Mareike so gar nicht reagierte, vor lauter Ekstase breitbeinig den Punkklängen ergeben um sie tanzte, stellte Saiphania ihr ein Bein, so daß Mareike der Länge nach erschrocken ins zarte Gras fiel.

„Sach mal, wat is denn mir dir los? Gönn mir doch mal die Freude, die Ramones tun mir so richtig jut, zumal meen Papa mal wieder mit ner anderen Tusse unterwegs war, der jeht mir langsam uff den Keks, seitdem er Mama unbedingt den Laufpaß jeben mußte, weeßte?!“

Saiphania hörte nur mit halben Ohr hin, langsam nervte sie der Rosenkrieg von Mareikes Eltern, schon knapp ein halbes Jahr lang ging das Theater, ohne daß es den beiden irgendwas gebracht hätte, ganz im Gegenteil, in der Kleinstadt tuschelten die Leute bereits hinter deren Rücken, die Mutter ihrer Freundin galt als Flittchen, obwohl Mareikes Papa der offensichtlich potentielle Fremdgeher war. Das interessierte nur niemand, eine Alleinerziehende hatte hier noch mit jeder Menge Vorurteile und miesem Gerede zu tun, Männer galten als unantastbar, erst recht je nach wichtigem Berufsstand. Und mit einem Zahnarzt verscherzte es sich kaum jemand, so hatte Mareikes Papa leichtes Spiel.

„Anstatt mal auf eine Antwort meinerseits zu reagieren, hast du ja nen Pogodance vorgezogen. Sei dir zwar gegönnt, aber ich hab halt meine Gründe, mir hier eine Auszeit zu gönnen!“, entfuhr es Saiphania, die jedoch im nächsten Moment sich anstecken ließ, Mareikes Hände ergriff, sie nach oben zog, um sie zum Weitertanzen zu animieren. Eine kleine Schar vorbeifliegender Spatzen sah ein dunkelbraunhaariges und ein rothaariges Mädchen am Waldesrand abrocken, verschwand zwitschernd auf einem nahe gelegenen Walnußbaum. Die Sonne lugte zwischen rasant vorbeiziehenden weißgrauen Wolkenpaketen hervor, der Wind schien nachzulassen, in der Ferne war ein Martinshorn zu vernehmen.

Mareike mußte nach Luft schnappend irgendwann sich setzen, riß ihre Freundin mit aufs frische Gras, zwei Teenager wälzten sich voller Lebensfreude im jungen Grün, ein Mäusebussard zog seine Bahn über ihnen, um gleich weiter zu fliegen, bei solch Lärmen würde sich ohnehin keine Maus mehr nach draußen wagen.

„Wieso denn eigentlich ne Auszeit, hab ick da wat verpaßt, Saiphi?“, fragte Mareike und strich eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die Angesprochene richtete sich grübelnd auf.

„Nun, Steven hat Schluß gemacht, aus heiterem Himmel, ich hab keine Ahnung wieso. Erst dachte ich, er hätte eine Neue, wie die Melanie aus der Parallelklasse, die den ständig hinterhergestarrt hatte in letzter Zeit. Aber inzwischen ist die ja mit dem Mike zusammen, wie wir alle wissen.“

„Ach so, sach dat doch gleich, immer dieser Beziehungsmist, machs wie icke, heute den, morgen keenen und so, is viel entspannter, weeßte!“, bemerkte Mareike grinsend und stand wieder auf, „da will ick dir mal nich weiter stören, muß eh wieder los, bis morgen dann, Saiphi.“

Bevor Saiphania antworten konnte, war ihre Freundin hinter der Buxbaumhecke verschwunden, ein Eichhörnchen sprang entsetzt auf, um im nächsten Augenblick an einem Ahornbaumstamm nach oben zu huschen. Ein wunderschön blauer Frühlingshimmel erwartete das Mädchen, die Sonne strahlte am Horizont, ihre Wärme tat ihr gut.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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