Ächtung der Gemeinnützigkeit


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Nächstenliebe zur Belanglosigkeit degradiert?

Sprache kann sehr verwirrend sein, auch wenn versucht wird, Sprichwörter, Redewendungen in eine andere Sprache zu übersetzen. Selbst wenn dies einigermaßen gelungen erscheint, ist oftmals der Sinngehalt dieser Ausdrücke nicht völlig nachvollziehbar. Aber selbst die Sprache, die täglich angewandt wird, um mit den Mitmenschen zu kommunizieren, kann so ihre Tücken aufweisen, nicht nur im Bereich der Orthographie, sondern auch in der Sinnhaftigkeit von verschiedenen Wörtern ihrer Aussagekraft. Redewendungen können Hinweise bieten auf die Lebensverhältnisse früherer Generationen und auf die Weltanschauungen in verschiedenen Bereichen. Wörter sind Schlüssel, Codes zum Verständnis ganzer Epochen.

Selbst wenn es heute nicht mehr so oft in der Sprache angewandt wird, so dürften viele die Redewendung 08/15 (nullachtfünfzehn) noch geläufig sein. 08/15 bedeutet, ohne Nutzen, nichts besonderes, unwichtig, oberflächlich, alltäglich. Es gibt zwei verschiedene Versionen, wie diese Redewendung zustande kam. Ein Maschinengewehr von 1908, verbessert 1915, diente der Infanterie als Übungsgewehr. Da dieses Modell als veraltet galt, zudem serienmäßig produziert, wurde es im I. Weltkrieg von den Soldaten abwertend mit 08/15 tituliert, in der Bedeutung von Mittelmäßigkeit, Gewöhnlichem. Die zweite Version bezieht sich auf die beiden Produktionsjahre, 1908 und 1915, 1908 steht hier für veraltetes Modell und 1915 für zwar verbesserte Version, aber mit schlechterem Material. Zur Verbreitung dieses Ausdruckes soll die „Romantrilogie 08/15“ beigetragen haben. Hans Hellmut Kirsts Roman wurde einer der ersten Bestseller und die Geschichten des Leutnants Asch mit Joachim Fuchsberger verfilmt.

Es gibt auch einen anderen Ausdruck für Belangloses, Unbedeutendes. Das Wort banal bedeutet so viel wie flach, abgeleiert, abgegriffen, einfallslos, gewöhnlich, durchschnittlich, nichtssagend, ordinär, trivial. Banal, aus dem französischen banal, zu altfranzösisch ban für Bann, ursprüngliche Bedeutung gemeinnützig.

Hier irritiert die Sprache unser Verständnis, oder? Bann, althochdeutsch ban von bannen, der Bedeutung nach Ausschluß aus einer Gemeinschaft, beherrschende Einflußnahme, magische Kraft, Verzauberung, Ächtung.

Bannen, mittelhochdeutsch bedeutet unter Strafandrohung verbieten. Althochdeutsch bannan, gebieten, befehlen, ursprünglich aber sprechen. Synonyme sind behexen, fesseln, beschwören, ächten.

Hier läßt sich doch die Frage stellen, wie kann ein Wort, das in seiner ursprünglichen Aussage, gemeinnützig bedeutet hat, sich komplett verändern zu abgegriffen, gewöhnlich, gebieten, behexen? Also quasi von einem Aspekt der Nächstenliebe in einen Kontext zu nichtsagend, belanglos, befehlen, ächten? Im Vergleich das Wort zollen, also Gebühren erheben, hat sich zu einer positiven Charakterbezeichnung entwickelt.

Der Grund hierfür liegt im Verständnis beziehungsweise im Unverständnis des zwischenmenschlichen Miteinanders. Bannan, sprechen, wurde auch als Ausdruck für „vor Gericht fordern“ benützt, ab etwa dem 15. Jahrhundert wurde es als Ableitung von „Bann“ empfunden.

Bezieht man das geschichtliche Wissen in diese Wortverwandlung mit ein, so kann man davon ausgehen, daß die Umsetzung der „christlichen Nächstenliebe“ nicht in die gesellschaftlichen Wertevermittlungen aufgenommen wurde. Die Gemeinnützigkeit wurde zur Ächtung oder war sie das immer schon?

„Gutmensch“ ist „Bösmensch“? Wer gemeinnützig denkt, im Sinne aller oder doch zumindest vieler, der handelt falsch, der leidet an einem „Hilfesyndrom“? Der wird geächtet, weil er sich um Belangloses kümmert? Wer es wagte, vor Gericht zu sprechen und eine Forderung aussprach, wurde mit dem Bann belegt, weil er sich vielleicht für Gerechtigkeit einsetzte, dies aber als falsche Beschwörung gesehen wurde?

Diese Umkehr von gemeinnützig und sprechen in beschwören, nichtsagen, sollte einen neuen Denkansatz wert sein, warum so viele Menschen sich immer noch nicht mit Nächstenliebe und Toleranz anfreunden können. Bei zollen war dies möglich, da ging es um materiellen Wert, bei bannen, banal geht es um menschlichen „Wert“.

Sind wir wirklich nicht fähig, uns vom veralteten Herrschaftsprinzip zu trennen und Humanität als oberstes Prinzip für die Gesellschaft zu vermitteln?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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