Wie die Zahnräder des Lebens den Takt vorgeben


https://www.flickr.com/photos/ttrinoid/15914367956/sizes/z/

flickr.com/ttrinoid/ (CC BY-NC 2.0)

Es wäre eine falsche Interpretation der Wesenszüge von Herrn Brunner, würden die täglichen Besuche, die fast auf die Minute zur gleichen Uhrzeit stattfinden, als pingelige Charaktereigenschaft tituliert. Für ihn waren sie der Weg zurück zu seiner Existenz, zum Ursprung des Lebens, ein Suchen und Finden im Glück und Unglück. Beides hatte für ihn den Stellenwert wie die Zahnräder eines Uhrwerkes, die unverrückbar ineinandergreifen.

Hier wurde er geboren. In der Wohnung gegenüber, die er jeden Nachmittag gegen halb vier betrat. Er hatte den Schlüssel, um die Türe zu öffnen. Seine Beine nahmen es ihm zuweilen übel, da er nicht den eingebauten Fahrstuhl benütze, der immer noch den Reiz alter Tage ausströmte. Mitten im Treppenhaus eingebaut, mit verziertem Eisen ummantelt, war er über all die Jahre regelmäßig gewartet und nur technisch auf den neuesten Stand gebracht worden. Die breiten Treppenstufen führten um ihn herum. Aus den Fahrstuhlfenstern konnte das Treppenhaus überblickt werden.

Jetzt stand er in sich versunken auf einer Stufe, streichelte das Geländer, so als ob er es polieren wollte. In seinen Gedanken jedoch bedankte er sich für den Halt, den der Treppenlauf ihm oft bot, wenn er sich mit einer Hand leicht festhielt, um drei Stufen auf einmal zu überwinden und gleichzeitig seine Hand über das Geländer glitt. Zweimal ist diese Stufenüberwindung völlig fehlgeschlagen. Ein verstauchter Fuß, der über Wochen seinen Bewegungsdrang einschränkte und eine Gehirnerschütterung, der er es verdankte, den Weg in die Welten der Kunst zu finden.

Ein Schmunzeln war in seinem Gesicht zu sehen. In den letzten Jahren schien das Treppenhaus fast so etwas wie ein Jungbrunnen für ihn zu sein. Als er vor Wochen laut auflachte, eilten aus den Wohnungen Menschen zu Hilfe in der Annahme, er rufe um Hilfe. Die erschreckten, besorgten Gesichter amüsierten seine Gedanken noch Tage später.

„Das ist nicht mein Kind! Das ist nicht mein Kind! Das Kind muß zu seiner Mutter!“ Völlig hysterisch klangen diese Sätze, schrill und widerhallend durch das Treppenhaus. Alle hatten es gehört, hatten gehört, wie sie kamen, wie sie an der Tür pochten, wie sie den Türflügel zerbrachen, das Geschrei vieler Stimmen, die abgehackten Befehle, die Dringlichkeit des Tuns. Was machen? Wohnungstüren wurden einen Spalt breit geöffnet, selbst das Flüstern, sofort die Türe wieder zu verschließen, konnte man wahrnehmen. Alles stand still, die Welt tobte.

Erna Altpfennig stand mit einem Kind an sich gedrückt vor der Wohnungstür von Rosa und Ernst Brunner. „Hier, nimm das Kind, nimm das Kind! Du bist doch seine Mutter! Rosa, es schläft so friedlich! Nimm es!“ Rosa Brunner drückte das kleine Bündel Leben an ihre Brust. „Ist das ihr Kind?“, wurde sie angebrüllt. In diesem Moment trat Ernst Brunner ganz nah an seine Frau heran, nahm das immer noch schlafende Kind und ging, ohne ein Wort zu sagen in die Wohnung zurück. Erna Altpfennig und ihr Mann wurden in dieser Nacht abtransportiert. Sie haben ihr Gesicht im Schein der Straßenlaterne ein letztes Mal gesehen, als sie von dem Lastwagen, der unten auf der Straße stand, hoch sah, verwirrt und doch ruhig. Das ganze Haus war über Wochen still, es schien, als ob das Leben sich wie in einem dichten Nebel abspielte, der jedes Geräusch verschluckt.

Herr Brunner strich mit seinem rechten Schuh über eine Stufe, wobei er den Druck des Beines mal stärker, mal schwächer über die Stufen schleifen ließ. Die Geräusche, die durch diese Bewegungen zu hören waren, klangen fast wie eine Melodie für ein Kinderlied.

Diese Stufe war seine liebste, sie war der Grund, warum er den Fahrstuhl mied. Auf ihr hat er Stunden seiner Kindertage verbracht, wenn er mal wieder über die Stränge geschlagen hatte, wenn er einfach Ruhe brauchte. Bei jeder Umbaumaßnahme in diesem Haus stand zu befürchten, daß diese Stufe ihrer Individualität gegenüber den anderen Stufen einbüßen müßte, und das nur weil sie knarrte.

Niemand der Hausbewohner hat Einwände erhoben, als das Ehepaar Brunner die Geburt ihres Sohnes, übrigens der fünfte, einige Tage später auf dem Amt beurkundet haben. Manfred Brunner. Manfred wuchs als Nesthäkchen auf, und Vater Brunner scherzte oft, wenn du mich nicht an meinen Opa erinnert hättest, hätte ich dich nicht angenommen. Damals allerdings wußte Manfred nichts über seine Herkunft, auch nicht über die Bemühungen seiner Eltern, etwas über den Verbleib von Erna und Johannes Altpfennig zu erfahren. Bereits am nächsten Morgen nach den nächtlichen Geschehnissen haben sie Nachforschungen angestellt, sie wurden von einer Dienststelle zur nächsten geschickt, und die Wohnung der Altpfennigs wurde nachmittags von einem Trupp Männer komplett geräumt.

Ein paar Jahre nach Kriegsende wurde ihnen mitgeteilt, über die Personen, die sie suchten, gäbe es keinerlei Unterlagen, zwar könnte ersehen werden, daß Familie Altpfennig tatsächlich im selben Haus wohnhaft waren, über deren Verschwinden allerdings gab es keine Belege. Sie mußten  sich anhören: „Die sind sicher geflüchtet, hatten doch genug Geld.“

An seinem 21. Geburtstag überreichten ihm die Brunners, die von ihnen gesammelten Unterlagen der Suche nach seinen richtigen Eltern, Erna und Johannes Altpfennig, damit er selbst Nachforschungen anstellen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie ihm seine wahre Herkunft nicht erzählt. Nie war darüber gesprochen worden, auch seine Brüder hatten, obwohl sie Erinnerungen an jene Nacht hatten, nicht gewußt, daß Manfred nicht ihr leiblicher Bruder war. Manfred Brunner hat Verwandte ausfindig machen können und dadurch viel Leidensgeschichten erfahren, die ihn eine Weile lang fast aus der Bahn geworfen hätten. Zu dieser Zeit war er bereits verheiratet, hatte einen Sohn und war selbst unzufrieden in seinem Beruf.

„Hallo Manfred, bist du es?“ „Ja, Mutter, ich bin’s!“ Rosa Brunner war inzwischen 101 Jahre alt, ihre Kinder sorgten dafür, daß sie ihren Lebensabend in ihrem Zuhause verbringen darf, dafür haben sie eine Pflegerin angestellt, die mit ihr in der großen Wohnung lebt. Manfred besucht sie täglich. „Ja, Mama, ich bin’s, dein Kind!“ Und Manfred spürt, wie die Zahnräder des Lebens den Takt vorgeben.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s