Die Zeit läuft davon


https://pixabay.com/de/l%C3%A4ufer-athlet-sprint-wettbewerb-1984319/

pixabay.com

Mit Siegestaumel der „Tanz ums goldene Kalb“?

Die Zeit ist abgelaufen. Es ist kurz vor zwölf. Damit wird die Aussage getätigt, eigentlich ist alles mehr oder weniger vorbei, keine Änderung kann mehr eintreten. Dies ist das Ergebnis, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Diese Art Wunder gibt es tatsächlich, wenn auch nur spärlich. Bei Rennwettbewerben geschieht es ab und an, daß auf den letzten Metern der Läufer, der kurz vor der Ziellinie sich befindet, überholt wird. Dies war kurz vor zwölf. Der Jubel fällt in solchen Momenten wesentlich stärker aus, die Menschen sind aus dem Häuschen, manche tanzen sogar, viele können nicht mehr auf den Stühlen sitzen bleiben. Ereignisse, mit denen niemand mehr gerechnet hat oder gänzlich unerwartet eintreten, treibt die Menschen nicht nur körperlich in einen Taumel, sondern auch geistig. Da kann es ohne weiteres passieren, einen anderen Menschen, den man nicht kennt oder sogar nicht sonderlich mag und schätzt, einfach in den Arm zu nehmen und gemeinsam jubelnd zu tanzen.

Laufen als Training zum Muskelaufbau, aber auch als Empfehlung bei depressiver Stimmung erweitert nicht nur die körperlichen Bewegungsmöglichkeiten, sondern die geistige Ausgeglichenheit. Eigentlich überhaupt nicht erstaunlich, wenn man den Ursprung des Wortes kennt.

Laufen, mittelhochdeutsch loufen, war ursprünglich der Begriff für hüpfen, tanzen, im Kreise drehen. In unserem heutigen Verständnis wird es eingesetzt für eilen, sausen, schwirren, spurten, marschieren, strömen, geschehen, stattfinden, passieren, gelten. Außer in den umschreibenden Begriffen, die mit Wasser in Verbindung zu bringen sind, wie etwa sprudeln, strömen, fluten, ist wenig von hüpfen und tanzen, im Kreis drehen übrig geblieben.

Um den Begriff besser zu verstehen, kurz die Erwähnung der Herkunft von „tanzen“, das über das (alt)französisch danser in mittelniederdeutsch dansen in die Sprache aufgenommen wurde und dem ursprünglichen Sinn nach, sich hin und her bewegen, bedeutete.

Die Stimmung, die man vermeint, unter den Menschen wahrzunehmen, mehr oder weniger weltweit, scheint einem Lauf zu gleichen. Der Großteil hat allerdings unter verschiedenen Aspekten das Gefühl, die Zeit läuft davon, es ist nicht mehr möglich, die Welt zu retten. So unterschiedlich die Begründungen ausfallen, warum, sei es in Anbetracht der klimatischen Veränderungen, sei es aus sozialen, wirtschaftlichen, politischen Handlungsweisen, sei es aus religiöser Sicht oder aus esoterischen Ansichten, geeint werden alle diese Befürchtungen in dem Begriff, die Zeit läuft ab.

Nun wissen wir, unsere Vorfahren haben, den Tanz, das im Kreise hüpfen angewandt, um den Regengott anzuflehen, um sich für einen bevorstehenden Kampf gemeinsam zu stärken, um Friedensverhandlungen zu besiegeln, um je nach Kultur eine zu achtende Tradition zu pflegen. Bei all diesen Tänzen trat zuweilen der gleiche stimulierende Effekt ein wie oben beschrieben, eine ausgelassene, fast trunkene, betäubende Stimmung, die ein immenses Glücks- und Stärkegefühl hervorbringen konnte.

Der Run, das Laufen um das Schlimmste, das man erwartet zu verhindern oder den besten Platz ganz vorne zu ergattern, ist daher also nicht gänzlich unverständlich. Weder für die Läufer, also diejenigen, die eine Führerrolle übernommen haben, noch für die Zuschauer, also diejenigen, die sich durch den Läufer (Führer) vertreten fühlen, ist das Ergebnis wirklich bekannt, denn „The winner is…“ kann erst bekanntgegeben werden, wenn der Schlußpfiff ertönt oder der Läufer über die Ziellinie gerannt ist.

Jedes Rennen, jeder Lauf ist mit höchster Wahrscheinlichkeit mit einem Pokal, Trophäe, Siegerkranz ausgelobt, in gleichzeitiger Verbindung mit Ehre, Ruhm und der eventuelle Eintrag in der Berühmtheitsskala.

Um dieses „goldene Kalb“ wollen alle tanzen, wem kann man das wirklich verdenken? Bedenken allerdings sollte man den inhaltlichen Wert dieses „goldenen Kalbes“. Ist es nur eine Götzenfigur, der wahre Gott, die Abwendung von gewissenhaften ökonomischen Handlungsweisen in Bezug auf das Klima, die Abkehr von demokratischer Weltanschauung, die Rückkehr zum Herrschaftsprinzip nach „Kulturen“, der neuerlichen Rückkehr des „Jeder ist sich selbst der Nächste“, anstatt die Pflege des Humanismus?

Es ist unser aller Lauf, weil wir alle in oder auf dieser Welt leben. Jeder kann entscheiden, ob er Mitläufer ist oder entscheidend mitwirkt, welches Ziel er für seine Vorstellung einer friedlichen Welt erkennt und danach alles in Bewegung setzt, das Laufen kann. Wer den Taumel des Sieges spüren möchte, der kann zwar um das „goldene Kalb“ im Kreis sich bewegen, aber nur der Läufer wird den Pokal gewinnen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s