Inhaltsloses Lesen gefährdet


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Gähnende Leere voller Fake News nach Weinlese?

Kaum ist die Tüte Chips aufgerissen, ist sie auch schon leer. Kaum ist das Auto mit Sprit gefüllt, ist der Tank wieder leer. Kaum ist der Kühlschrank mit Lebensmittel eingeräumt, zeigt er im nächsten Moment gähnende Leere. Kaum ist das Buch gelesen, ist es leer. Oh, bei dem letzten Satz scheint etwas falsch zu sein, oder? Kann man ein Buch leerlesen, oder sind wir leer vom Lesen?

Leer, althochdeutsch lāri, und um zu zeigen, auch in unserem Sprachgebiet hatte dieser Laut „æ“ einmal seine Heimat, der ansonsten nur noch im englischsprachigen Raum geschrieben wird, mittelhochdeutsch lære, sprachlich verwandt mit lesen, in der ursprünglichen Bedeutung, etwas das vom abgeernteten Feld noch aufgelesen werden kann. Das Wort wird benützt unter anderem für, etwas ohne Inhalt, einfallslos, nichtsagend, abgedroschen, trivial, frei, kahl, ausgestorben, einsam, unbelebt.

Bis heute sprechen wir im Zusammenhang mit der Weinernte von Traubenlesen. Lesen bedeutet hier aufnehmen, aufsammeln, pflücken, ernten, aussondern, entfernen, aussieben.

Lesen, althochdeutsch lesan, dem Ursprung des Wortes nach der Begriff für zusammentragen, sammeln. Hier in dem Sinn von etwas Geschriebenes mit den Augen erfassen und verstehen, vorlesen, vortragen, entziffern, schmökern, aufsagen, zu Gehör bringen.

Kann man sagen, wenn etwas gelesen wird, ob nun die Früchte vom Feld oder die Wörter eines Textes, daß danach Leere entsteht?

Noch nie gab es so viel an geschriebenen Wörtern zu lesen wie zur jetzigen Zeit. Geradezu überschwemmen Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, Hefte die Welt, und damit steigt die Möglichkeit, durch das Geschriebene die verschiedenen Interessengebiete zu verfeinern, sich abzulenken durch humoristische Schriften, sich zu informieren über das Tagesgeschehen, sogar der Austausch mit Freunden über Smartphones und Internet wird zunehmend mittels dem Wort praktiziert. Vorausgesetzt, wir können das Erlesene mit dem vorherigen Wissen verifizieren, bestätigen, darauf aufbauen und natürlich auslesen, aussortieren, ob interessant oder unwichtig, belanglos oder aktuell.

Um diese Flut an Informationen zu lesen zu bekommen, war es ein langer Weg. Abgesehen von den ersten Aufzeichnungen, die noch nicht für die Allgemeinheit „bestimmt“ und zugänglich waren, bestand das Problem auch darin, die Originalschriften deckungsgleich zu kopieren. Die Fehlerquote, die den Kopisten selbst in der Übertragung des reinen Abschreibens unterlief, war schätzungsweise bei Übersetzungen in einer anderen Sprache um ein vielfaches höher. Wobei bei einigen „Übersetzungsfehlern“ nicht nur Nachlässigkeit eine Rolle gespielt haben dürfte, sondern die Interpretation der Wörter womöglich zum Nutzen der eigenen Ideologie oder auch aufgrund der Verstandesmöglichkeit

Nun sind wir in der Lage, selbst fremde Sprachen zu erlesen, ohne unbedingt auf einen Übersetzer angewiesen zu sein. Dies sollte demnach die Fehlerquote bei dem Erlesen verbessern. Beobachtet man aber die Konfliktpotentiale, die sich zurzeit unter den Menschen ausbreiten, kann man sich des Gefühls nicht verwehren, daß das zu Verfügung stehende Wissen, das wie angesprochen noch nie so verbreitet gewesen ist, nicht in Anspruch genommen wird.

Die Fehler, die den Kopisten, ob nun bewußt oder unbewußt, beim Abschreiben der Texte unterlaufen sind, werden heute stellenweise offen nachlesbar getätigt. Man nennt sie heute Fake News oder alternative Fakten.

Sie können nicht sicher sein, ob die Früchte, die zur Weinherstellung gesammelt wurden, aus Trauben bestehen oder doch kleine Mirabellen oder Kirschen mit aufgelesen wurden. Um dies festzustellen, wäre es nötig, noch einmal auf das Feld zu gehen, um es zu leeren, erst dann wäre feststellbar, ob auf dem Feld eventuell die Mirabellen und Kirschbäume mit abgeerntet wurden.

Im übertragenen Sinn, es ist nicht von großem Nutzen, Bücher zu lesen, ohne den Inhalt zu reflektieren, „zu leeren“, sei dies in dem die Inhalte im Gespräch mit anderen diskutiert werden, indem der Inhalt des einen Buches mit einem anderen Text verglichen wird, indem Teile aus dem Buch oder sogar das Buch nochmal gelesen wird, erst dann kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, das geschriebene Wort „geleert“ zu haben, also weitestgehend den Text verstanden zu haben.

Natürlich ist dies auch beim einmaligen Lesen möglich, schließlich sind nicht alle Texte in ihrer Komplexität anspruchsvoll, dennoch ist „das Leeren“, die Nachlese ein nicht zu unterschätzender Faktor, auf das das Gelesene sich keineswegs in nichts auflöst.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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